Technikdeterminismus im Banking

Von Ralf Keuper

Seit einiger Zeit hören und lesen wir, dass alles, was digitalisiert werden kann, früher oder später auch digitalisiert wird – das gilt natürlich auch für das Banking. Hier scheint das Potenzial sogar besonders hoch zu sein. Nach Ansicht von David Brear und anderer in der Fintech-Szene ist die Digitalisierung im Banking erst zu 1 % umgesetzt.

Demgegenüber ist Jürgen Jasperneite, der am Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo im Bereich der intelligenten Automation forscht, der Auffassung, dass Disruption und Automatisierung nicht zueinander passen. Wir müssten uns von der Vorstellung lösen, Digitalisierung ausschließlich durch die technologische Brille zu betrachten. Es gebe keinen Technikdeterminismus; keine neue Technologie oder Produktentwicklung ist automatisch disruptiv. Solange die Wirtschaft die Bedürfnisse real existierender Menschen befriedigt, ist es, so der Philosoph Julian Nida-Rümelin in einem aktuellen Interview mit der SZ, kontraproduktiv, die Abnehmer wie Softwaresysteme zu behandeln. Nida-Rümelin zieht einen Vergleich zu der Zeit, als die ersten mechanischen Uhren eingeführt wurden. Heute hätten wir es mit einem weiteren technizistischen Paradigma zu tun: Der Digitalisierung.

Was heisst das eigentlich? 1 und 0, Strom fließt oder er fließt nicht. Auf dieser Grundlage kommt eine Technologie in Gang, die ganz neue Welten erschließt. Unsere Weltwahrnehmung wird eine andere. Wir interpretieren uns selbst als Softwaresystem. Aber wie bei der Welt als Uhr wird man sehr bald merken, dass das nicht das passende Paradigma für den Menschen ist (in: Erotik der Maschinen, SZ vom 18.09.2018)

Sofern wir dieser Argumentation folgen, ist die Digitalisierung alles dessen, was sich digitalisieren lässt, übertragen auf den Menschen, inhuman.

Der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper lehnte alle holistischen Ansätze und jedweden Determinismus kategorisch ab. Statt utopischer Technikentwürfe, die mit absoluten Ansprüchen auftreten, bevorzugte er die Stückwerk-Technik:

Einer der Unterschiede zwischen der utopischen oder holistischen Haltung und der Stückwerk-Technik lässt sich so formulieren: Während der Stückwerk-Ingenieur sein Problem angehen kann, ohne sich bezüglich der Reichweite seiner Reform festzulegen, kann der Holist dies nicht tun, denn er hat von vornherein entschieden, dass eine vollständige Umformung der Gesellschaft möglich und notwendig ist.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Transaction Banking das Relationship Banking verdrängt. Eine Folge davon war die letzte Finanzkrise. Zu den wenigen Banken, die das Relationship-Banking mit großem Erfolg praktizieren, zählt die Signature Bank. Ein neues Aufgabenfeld für Banken ist die Digitale Ethik (Vgl. dazu: Banken für digitale Ethik – Personal Data Banks).

Technologie ist Mittel zum Zweck, aber nicht der Zweck. Oder wie Ernst Cassirer es in Form und Technik formulierte:

In diesem Aufbau des Reiches des Willens und der Grundgesinnung, auf der alle sittliche Gemeinschaft ruht, kann die Technik immer nur Dienerin, nicht Führerin sein. Sie kann die Ziele nicht von sich aus stellen, wenngleich sie an ihrer Verrichtung mitarbeiten kann und soll; sie versteht ihren eigenen Sinn und ihr eigenes Telos am besten, wenn sie sich dahin bescheidet, daß sie niemals Selbstzweck sein kann, sondern sich einem andern »Reich der Zwecke«, daß sie sich jener echten und endgültigen Teleologie einzuordnen hat, die Kant als Ethiko-Teleologie bezeichnet. In diesem Sinne bildet die »Entmaterialisierung«, die Ethisierung der Technik eines der Zentralprobleme unserer gegenwärtigen Kultur. Sowenig die Technik, aus sich und ihrem eigenen Kreis heraus, unmittelbar ethische Werte erschaffen kann, sowenig besteht eine Entfremdung und ein Widerstreit zwischen diesen Werten und ihrer spezifischen Richtung und Grundgesinnung.

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