Technik in der Commerzbank von 1870 bis heute

Von Ralf Keuper

Ohne den Einsatz der Technik wäre das moderne Bankwesen, wie es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, undenkbar. Heute durchringt die Technik nahezu alle Lebensbereiche; häufig unter dem Schlagwort “Digitalisierung” zusammengefasst. Die Entwicklung der Banken hin zu Technologieunternehmen und Softwarehäusern lässt sich besonders gut an der Geschichte der Commerzbank ablesen, wie sie in dem Buch Technik in der Commerzbank von 1870 bis heute beschrieben wird.

Die ersten großen technologischen Innovationen mit Auswirkungen auf das Banking waren neue Kommunikationsverfahren und Medien wie Eisenbahn, Postkarte, Briefmarke und Telegrafie, wodurch die Abstimmung der Banken untereinander und damit die Transaktionsabwicklung deutlich beschleunigt werden konnten. Ein weiterer Schub setzte mit der Verbreitung moderner Büromaschinen (Additionsmaschinen, Schreibmaschinen, Rechenmaschinen) ein. Mit der Einführung des Hollerithverfahrens und der Lockkartentechnik begann die moderne Datenverarbeitung ihre Schatten vorauszuwerfen.

Wie viele andere Banken auch, übernahm die Commerzbank die gängigen Verfahren und Geräte, die zum Zweck der beschleunigten Kommunikation und rationellen Buchhaltung nötig waren. Das geschah vor allem auch durch die Übernahme kleinerer Banken, wie des Bankhauses J. Dreyfus & Co. in Frankfurt, das bereits über Fernsprechanschlüsse verfügte. Beschafft wurden die Geräte von verschiedenen Herstellern. Die Additionsmaschinen wurden von Burroughs, die Buchungsmaschinen und Schreibmaschinen von Mercedes und die Kasssenquittierungsmaschinen von Anker eingekauft.

Nach dem 2. Weltkrieg setzte sich in den Banken die Lochkartentechnik endgültig durch. Als erste Bank Deutschlands setzte die Dresdner Bank im Jahr 1958 die erste vollwertige Datenverarbeitungsanlage ein. Die nötige Hardware stammte von IBM und Bull. Um einem Wildwuchs an inkompatiblen Lösungen und Maschinen vorzubeugen, vereinheitliche und zentralisierte die Commerzbank die Datenverarbeitung. Dafür wurde in Frankfurt eine Zentrale Organisationsabteilung gegründet, deren Leiter der damals 32jährige Wolfgang Starke war, der in den 1980er Jahren als Geschäftsführer des Deutschen Sparkassen-und Giroverbands noch Schlagzeilen machen sollte. Um die fortschreitende Technisierung in ihren Folgen für das Bankgeschäft besser abschätzen zu können, rief die Commerzbank zusammen mit der Bayerischen Vereinsbank, der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und weiteren Instituten im Jahr 1966 den Arbeitskreis Bankautomation ins Leben. An die Commerzbank ging der Auftrag, die Einsatzmöglichkeiten von Magnetbändern in der Datenverarbeitung zu prüfen. Im Jahr 1968 testete die Commerzbank in der Lübecker Filiale als erste deutsche private Bank einen Geldautomaten.

Zur Bedienung des Automaten benötigten die Kunden einen Schlüssel, eine Ausweiskarte und eine Lockkarte. Mit dem Schlüssel wurde zunächst eine kleine Tür geöffnet, dann musste man die Ausweiskarte in einen Schlitz einstecken und anschließend die Lochkarte in einen zweiten Schlitz einführen. Nach einer Prüfzeit von 16 Sekunden kam aus einen dritten Schlitz ein Hundert-Mark-Schein.

Mit der Einführung des Eurocheque-Verfahrens im Jahr 1969 konnten die europäischen Banken den Vorstoss der US-amerikanischen Kreditkartenunternehmen abwehren.

Die nächste Evolutionsstufe in der Bank-IT setzte mit dem Siegeszug der Terminals und der Personal Computer ein. Die ersten Personalcomputer wurden 1979/80 in der Commerzbank eingesetzt. Anfang der 1980er Jahre kamen die Kontoauszugsdrucker und Automatischen Kassentresore dazu. Die Commerzbank ging dazu über, eigene Programme, u.a. für die interne Steuerung zu entwickeln, wie das bankeigene Finanz-Informations-System FIS oder das Planungs- und Steuerungssystem PUST. Über das Dialogsystem DAISY konnten die dazu berechtigten Kundenberater die verschiedenen Kundendaten in einer Maske abfragen.

In den Filialen setzte man auf die Integrierte Kundenberatung. Die Schalter wurden abgeschafft und durch Beratungstische ersetzt. Durch die Abkehr von der Spartenorientierung sollte das Cross-Selling gefördert werden.

Die Commerzbank entwickelte sich bereits in den 1980er Jahren nach eigener Aussage zu einem Softwarehaus. Ausdruck dessen waren neben den bereits genannten Anwendungen, das weltweite Cash-Management-System CORBA sowie COPAZ, eine Lösung für den Auslandszahlungsverkehr. Ende der 1980er Jahre setzte ich der Name “Electronic Banking” als Sammelbegriff für die elektronische Datenverarbeitung im Firmenkundengeschäft durch. Dank des eigenentwickelten Wertpapierinformations- und Abwicklungssytems Cowias war die Commerzbank lange Zeit unter den deutschen Banken marktführend. Als einziges System war Cowias während der Börsencrashs 1988, 1997 und 2001 in der Lage, Orders an der Börse zu platzieren, wohingegen die anderen Banken wegen Überlastung ihren Dienst einstellen mussten.

Das Internet sorgte dafür, dass die Banken sich erneut mit einem neuen Kommunikationsverfahren auseinandersetzen mussten. Mit Comhome bot die Commerzbank bereits 1994 Telefonbanking an.

Das Angebot beinhaltete die Wahlmöglichkeit zwischen einem mehrfrequenzgesteuerten Sprachausgabesystem und einem persönlichen Gespräch mit einem Berater oder Beraterin. Kunden konnten bequem rund um die Uhr Kontostände und -umsätze abfragen, Schecks bestellen, Geheimzahlen ändern und weitere Informationen abrufen.

Im selben Jahr ging die Tochtergesellschaft comdirect bank GmbH in Quickborn an den Start. Schon 1996 zählte die Bank 75.000 Kunden, wovon 30.000 das beratungsfreie Wertpapiergeschäft nutzten. Die Kunden konnten ihre Bankgeschäfte über einen internetfähigen PC abwickeln. Später entwickelte sich die Comdirect zu einer Vollbank, die auch Kreditkarten, Tagesgeld und Wertpapierkredite anbot.

Die Möglichkeit, über das Internet Waren bestellen und Preise vergleichen zu können, legte den Grundstein für das wachsende Marktsegment E-Commerce. Die Commerzbank sah sich bereits auf dem Weg zu einer “E-Commerz-Bank”. Um ihre Ambitionen zu unterstreichen, gründete die Commerzbank 1999 die Commerz NetBusiness AG (CNB). Die neue Einheit sollte eng mit den Firmenkunden zusammenarbeiten und Bankdienstleistungen vermitteln. Hierfür beteiligte sich die CNB an CAConnect, einem Anbieter von elektronischen Einkaufsportalen für Geschäftskunden (E-Procurement) und Newtron, einem Spezialisten für elektronische Branchen-Marktplätze im internationalen Handel von Vor- und Fertigprodukten.

Die Zeit danach war geprägt von dem Zusammenschluss der Commerzbank mit der Dresdner Bank. Die Integration der IT-Systeme erwies sich als große Herausforderung. Die Ressourcen in der IT wurden fast vollständig von dem Integrationsprojekt in Anspruch genommen. Erst ab 2013/2014 konnte sich die Bank verstärkt den neuen Entwicklungen im Banking, wie Fintech, zuwenden. Ein Ergebnis ist die Gründung des main incubators. Als erste Bank in Deutschland führte die Commerzbank die photo-TAN zur Freigabe von Aufträgen im Onlinebanking ein.

Schlussbetrachtung

Die Technikgeschichte der Commerzbank von 1870 bis heute gibt einen guten Überblick über die wesentlichen Entwicklungsstufen in der Bankautomation. Bis in den 1990er Jahre waren die Banken auf der Höhe der Zeit. Auf jede Herausforderung auf technologischem Gebiet gaben sie immer noch rechtzeitig die passende Antwort. Um das Jahr 2000 herum verloren die Banken jedoch die Tuchfühlung. Die Bemühungen im Bereich Online-Banking und E-Commerce waren letztendlich halbherzig. Sicherlich ist die comdirect ein Erfolgsmodell und auch die Beteiligung an der M-Bank in Polen zeugt von einem guten Spürsinn für künftige Entwicklungen, ebenso wie die Gründung des main incubators. Dennoch: Die Grenzen der Unternehmensstrategie werden immer offensichtlicher. Da wäre zunächst einmal die langsame Abkehr von der Filialstrategie, die Einstellung von Copernikus sowie die vollständige Integration der comdirect in die Commerzbank ebenso wie der geplante Verkauf der m-Bank.

In dem Interview mit dem ehemaligen IT-Vorstand der Commerzbank, Frank Annuscheit, das im Buch enthalten ist, wird die eigentliche Problematik deutlich. Künftig, so Annuscheit, müssen die Banken in der Lage sein, gleichzeitig die Alt-Systeme zu erneuern bzw. abzulösen und am Frontend neue Services und Applikationen auszurollen.

Weitere Informationen:

Banking in der Retrospektive: Als die Commerzbank Pionier bei der Automatisierung war

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