Der Jahresabschluss 2024 der Solaris SE liest sich wie das Protokoll einer schmerzhaften Läuterung. Das Berliner Fintech, einst mit 1,6 Milliarden Euro bewertet, ist nach massiven Kapitalspritzen faktisch zur Tochtergesellschaft eines japanischen Finanzkonzerns geworden. Die Geschichte von Solaris ist damit auch eine Geschichte über die strukturellen Grenzen des deutschen Fintech-Booms.
Die Anatomie einer Bewertungskorrektur
Was sich zwischen 2021 und 2025 bei der Solaris SE vollzogen hat, verdient das Prädikat einer der drastischsten Wertberichtigungen in der jüngeren deutschen Fintech-Geschichte. Von einer Bewertung, die zeitweise 1,6 Milliarden Euro erreichte, blieb nach der existenziell notwendigen Kapitalrunde Anfang 2025 weniger als 100 Millionen Euro übrig. Die japanische SBI Group hält nun rund 80 Prozent der Anteile. Solaris ist damit kein unabhängiges deutsches Fintech mehr, sondern eine Tochtergesellschaft eines ausländischen Finanzkonzerns geworden – ein Umstand, der in der öffentlichen Darstellung des Unternehmens auffällig selten betont wird.
Der Jahresabschluss 2024 dokumentiert diese Entwicklung mit nüchterner Präzision. Ein Jahresverlust von 103 Millionen Euro mag gegenüber den 178 Millionen Euro des Vorjahres als Fortschritt erscheinen, bleibt aber ein dreistelliger Fehlbetrag. Der Umsatz von 150 Millionen Euro verfehlte die eigenen Prognosen, während die Verwaltungskosten parallel um acht Prozent auf 149 Millionen Euro stiegen. Eine Kostenstruktur, bei der die Administration fast den gesamten Umsatz verschlingt, lässt wenig Raum für operative Gewinne.
Das regulatorische Erbe
Die eigentliche Brisanz der Solaris-Situation liegt indes nicht allein in den bilanziellen Kennzahlen, sondern in der regulatorischen Vorgeschichte. Seit 2020 steht das Unternehmen unter verschärfter Beobachtung der Bafin. Eine Sonderprüfung wegen Mängeln in der Geldwäschekontrolle mündete in ein Sonderbeauftragtenmandat, das im Juli 2024 abermals verlängert wurde. Im Februar 2024 listete die Aufsicht 481 Feststellungen auf – ein Befund, der auf erhebliche Defizite in den internen Kontrollsystemen schließen lässt.
Bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen interner und externer Kommunikation. Während die damalige Unternehmensführung unter Carsten Höltkemeyer öffentlich von einer 95-prozentigen Erledigung der Beanstandungen sprach, weisen die dokumentierten Zahlen einen Abarbeitungsstand von rund 73 Prozent aus. Solche Differenzen zwischen Darstellung und Dokumentation sind geeignet, Vertrauen zu beschädigen – jenes Vertrauen, das für ein Unternehmen im regulierten Finanzsektor existenziell ist.
Die zum Jahresende 2024 ausgewiesenen Kapitalquoten unterstreichen die Dringlichkeit der Restrukturierung. Eine CET1-Quote von 7,9 Prozent mag gerade noch regulatorisch tragfähig erscheinen, doch eine Leverage Ratio von 2,3 Prozent unterschritt die für Banken geltende Mindestanforderung von drei Prozent. Die Kapitalspritze von etwa 140 Millionen Euro Anfang 2025 war mithin keine strategische Wachstumsfinanzierung, sondern eine Rettungsmaßnahme zur Wiederherstellung regulatorischer Compliance.
Die strategische Neuausrichtung und ihre Kosten
Die neue Unternehmensführung unter CEO Steffen Jentsch, der zum Jahresbeginn 2026 die Nachfolge von Höltkemeyer antrat, steht vor der Aufgabe, aus einem Sanierungsfall wieder ein funktionsfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Die Eckpfeiler dieser Neuausrichtung zeichnen sich bereits ab: Die verlustträchtige britische Tochter Contis wurde vollständig abgeschrieben und abgewickelt, Auslandsgeschäfte werden zugunsten eines fokussierten europäischen Kerngeschäfts zurückgefahren.
Auch das Partnerportfolio wird bereinigt. Solaris trennt sich von kleineren und risikobehafteten Partnern, was kurzfristig Umsätze mindert, aber das Risikoprofil stabilisieren soll. Dass diese Bereinigung überhaupt notwendig wurde, wirft allerdings Fragen über das ursprüngliche Partnermanagement auf. Das Banking-as-a-Service-Modell, bei dem Solaris die regulierte Infrastruktur bereitstellt und Partner darauf ihre Angebote aufbauen, funktioniert nur, wenn die Qualität und Verlässlichkeit dieser Partner gewährleistet ist. Die Notwendigkeit einer nachträglichen Portfoliobereinigung deutet darauf hin, dass diese Qualitätssicherung in der Wachstumsphase vernachlässigt wurde.
Die ADAC-Kooperation gilt als zentrale Säule für die weitere Entwicklung. Doch auch hier zeigen sich die operativen Schwierigkeiten: Die Migration verzögerte sich erheblich und trug wesentlich dazu bei, dass die Umsatzprognosen für 2024 verfehlt wurden. Bei einem Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf der zuverlässigen technischen Integration von Partnerangeboten beruht, sind solche Verzögerungen mehr als operative Unannehmlichkeiten – sie sind Indikatoren für die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Plattform.
Die strukturelle Dimension
Der Fall Solaris lässt sich nicht isoliert betrachten. Er fügt sich in ein Muster, das die deutsche Fintech-Landschaft seit Jahren prägt: ambitionierte Bewertungen in der Wachstumsphase, gefolgt von schmerzhaften Korrekturen, wenn die Profitabilität ausbleibt und regulatorische Anforderungen ihren Tribut fordern. Das Banking-as-a-Service-Modell, das Solaris propagierte, basierte auf der Annahme, dass sich die regulierten Bankdienstleistungen wie Infrastruktur-Services skalieren lassen. Die Praxis zeigt, dass die regulatorischen Anforderungen an ein Institut mit Banklizenz Fixkosten verursachen, die sich nicht beliebig auf Partnertransaktionen umlegen lassen.
Hinzu kommt eine strukturelle Abhängigkeit von der Qualität und Stabilität der Partnerunternehmen. Wenn ein Partner in Schwierigkeiten gerät oder regulatorische Probleme entwickelt, schlägt dies unmittelbar auf die lizenzierte Bank durch. Diese Risikotransfer-Asymmetrie war im ursprünglichen Geschäftsmodell offenbar nicht ausreichend eingepreist.
Ausblick mit Vorbehalten
Die Stabilisierung durch die SBI-Beteiligung verschafft Solaris Zeit und Kapital. Ob daraus mittelfristig wieder ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht, hängt von mehreren Faktoren ab: der erfolgreichen Umsetzung der ADAC-Integration, der vollständigen Abarbeitung der regulatorischen Beanstandungen, der Etablierung profitabler Partnerschaften mit größeren, stabilen Unternehmen wie Samsung Pay.
Kurzfristig bleibt Solaris ein Sanierungsfall. Die Betonung des Managements, dass nach der Kapitalrunde „alle regulatorischen Quoten nachhaltig erfüllt” seien, mag formal korrekt sein, übersieht aber, dass regulatorische Compliance eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für unternehmerischen Erfolg – gerade im Banking – ist. Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch aus: die Demonstration, dass das Geschäftsmodell auch ohne ständige Kapitalzufuhr überlebensfähig ist.
Für den deutschen Fintech-Standort ist die Entwicklung bei Solaris ein Lehrstück. Sie zeigt, dass regulatorische Anforderungen keine lästigen Formalitäten sind, die man mit ausreichend Risikokapital überwinden kann, sondern strukturelle Rahmenbedingungen, die das Geschäftsmodell von Grund auf prägen. Sie zeigt auch, dass die Bewertungslogik der Venture-Capital-Industrie mit den Realitäten des regulierten Bankgeschäfts kollidieren kann – mit entsprechenden Konsequenzen für alle Beteiligten.
Ralf Keuper
Quellen:
Fintech: Solaris macht 103 Millionen Euro Verlust im Jahr 2024
