Post digitales Banking, oder: Die Bankenindustrie löst sich auf

Von Ralf Keuper

Der Medienwandel der letzten Jahre stellt die Banken vor neue Herausforderungen. In der Vergangenheit bedienten sich die Banken der Medienkanäle, um ihre Botschaft an ihre Kunden zu versenden, ohne dass diese die Möglichkeit gehabt hätten, darauf unmittelbar, in Echtzeit zu antworten und mit dem Sender in einen Dialog zu treten. Der Medienphilosoph Vilem Flusser sprach in dem Zusammenhang von einem veralteten Schaltplan, den er Verbündelung nannte und der wiederum vor allem in den Massenmedien benutzt wird:

Die Massenmedien senden Bündel von Informationen an Empfänger, die darauf nicht direkt antworten können und damit in gewisser Weise als unmündig betrachtet werden. Die Vernetzung dagegen erschafft kleine Inseln der Kommunikation. Hier verläuft die Kommunikation anders – direkt vom Sender zum Empfänger und zurück. Im besten Fall ein Dialog also (in: Medienkulturen)

Mit der Verbreitung sozialer Netzwerke, wie facebook, twitter, Whatsapp oder WeChat, haben die Kunden die Möglichkeit, direkt mit einer Bank zu kommunizieren oder sie in Konversationen zu erwähnen. Der Modus eines geschlossenen Systems, wie ihn nicht nur die Banken und Massenmedien verwendet haben und z.T. noch immer gebrauchen, funktioniert nicht mehr. An die Stelle geschlossener Systeme sind große digitale Plattformen getreten. Über deren Kanäle können die Nutzer untereinander kommunizieren und sogar, mittels Smartphone, ihre Bankgeschäfte abwickeln. Die Betreiber der Plattformen können die Daten, die ihnen quasi wie von selbst zufallen, für die Verbesserung ihrer Services und die Entwicklung neuer Produkte verwenden. Was früher noch im persönlichen Gespräch in der Filiale oder über private, informelle Kontakte an Informationen der Bank “frei Haus” geliefert wurde, findet sich heute in weitaus größerem Umfang auf den Plattformen. Unternehmen wie Amazon oder Apple haben den strategischen Vorteil, dass sie die Eigentümer der Plattformen sind und nicht von den Einnahmen aus dem Zahlungsverkehr oder anderer Bankdienstleistungen leben müssen. Sie verfolgen ein, wenn man so will, höheres Ziel. Sie haben längst erkannt, dass die Datenökonomie denjenigen bevorzugt, der in der Lage ist, die neue Lebenswirklichkeit der Nutzer ohne Medienbrüche zu unterstützen. Zu dieser Ebene haben die Banken kaum noch Zutritt.

Medien sind allgegenwärtig geworden:

In unserer gegenwärtigen Welt und während der vergangenen Jahrzehnte haben sich die Medien von einem Funktionstypus, der durch Aufzeichnen, Speichern und Übertragen bestimmt wird, zu einer Plattform für eine unmittelbare, handlungserleichternde Verschaltung mit Rückkoppelung aus der Umwelt verlagert. Diese Verlagerung ist zu einem sehr großen Teil der starken Vermehrung und Ausbreitung der Medien zu einem allgegenwärtigen und vollkommen unabdingbaren Bestandteil des täglichen Lebens geschuldet: Mit den heutigen digitalen Geräten und „intelligenten“ Chips haben die Medien einen „Zustand erkennbarer Allgegenwärtigkeit“ erreicht, der in der Geschichte ohne Beispiel ist, und sie haben, wie ich behaupten würde, mit dieser Errungenschaft eine qualitative Umwälzung der Erfahrung eingeleitet, eine derart umfangreiche Erweiterung des Empfindungsvermögens, dass sich dessen eigene „Kraft“ und „Mächtigkeit“ grundlegend modifizierte (in: Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung, in: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, hrsg. von Erich Hörl)

Daraus folgt, dass es mit der vielzitierten Digitalisierung bei weitem nicht getan ist, um den Anschluss an die neue Lebenswirklichkeit der Menschen zu finden. Trotzdem arbeiten viele Unternehmen, Banken und Berater weiter mit ihren veralteten Schaltplänen in der stillen Hoffnung, mehr Rechenpower und optimierte interne Prozesse würden ausreichen, um den alten Zustand wieder herzustellen.

In Medienwandel: Das Medium ist auch die kommerzielle Botschaft gibt der Autor der Medienbranche den Rat:

Zunächst mal müssen sie verstehen, dass “das Internet” kein Medium ist, sondern eine Trägerinfrastruktur für verschiedenste Medien. Das Web funktioniert anders als iTunes und Twitter und Email. Jedes Teilmedium hat seine Charakteristiken, die entscheidend für kommerzielle Ausnutzung sein können.

Mittlerweile ist es so, dass jedes neue Gerät ein neues Medium ist:

… denn jeder neue Gerätetyp ist faktisch ein neues Medium und wäre damit auch eine Chance, zahlende Kunden für Inhalte zu gewinnen. Wer als erster die Interaktionsformen mit einem neuen Medium definiert, hat das Sagen. Siehe Apple, siehe Google, siehe Amazon.

Die Medienindustrie bekommt die Auswirkungen immer deutlicher zu spüren, was dazu führt, dass sie sich langsam aber sich auflöst, wie Lutz Hachmeister und Till Wäscher in Die deutsche Medienindustrie löst sich auf diagnostizieren.

Im Banking werden diese Auflösungserscheinungen häufig unter dem Begriff “Disintermediation” zusammengefasst. Treiber dieser Entwicklung sind Fintech-Startps und die Internetkonzerne. Die großen Plattformen können die Teile wieder zusammensetzen und skalieren; Fintech-Startups haben diese Möglichkeit nicht, jedenfalls nicht in dem Umfang. Banken haben zwar die kritische Masse, ihnen fehlt jedoch das Ökosystem. Ihnen fehlt überdies ein neues Medium, mit dem sie andere Interaktionsformen definieren könnten.

Insofern werden sich die Auflösungserscheinungen in der Bankenindustrie fortsetzen, bis aus den Teilen etwas Neues entsteht.

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