Post digitales Banking, oder: Banking wird neu codiert

Von Ralf Keuper

Das Bankgeschäft ist digital. Ein Geschäft, das auf der Informationsverarbeitung, Speicherung und Berechnung von Salden beruht, kann gar nicht anders als digital sein – und das zunächst einmal unabhängig von der Frage, welche Technologien dabei eingesetzt werden. Im Duden wird digital u.a. als “in Ziffern dargestellt” beschrieben.

Durch den relativ neuen Begriff der Digitalisierung wurde der Schwerpunkt auf die technologische Komponente verlagert, wie u.a. aus der Definition in Wikipedia hervorgeht:

Der Begriff Digitalisierung bezeichnet allgemein die Veränderungen von Prozessen, Objekten und Ereignissen die bei einer zunehmenden Nutzung digitaler Geräte erfolgt. Im ursprünglichen und engeren Sinne ist dies die Erstellung digitaler Repräsentationen von physischen Objekten, Ereignissen oder analogen Medien. Im weiteren (und heute meist üblichen) Sinn steht der Begriff insgesamt für den Wandel hin zu digitalen Prozessen mittels Informations- und Kommunikationstechnik.

Die Banken gehörten zu den Ersten, die im großen Umfang von den neuen Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnik gebrauch machten – lange bevor Google, Amazon, facebook und Apple die Bühne betraten.

Daraus folgt, dass der Verweis auf die Digitalisierung bei weitem nicht ausreicht, um den Stilwandel zu beschreiben, der sich seit einiger Zeit im Banking vollzieht.

Dabei befinden wir uns bereits im post-digitalen Zeitalter, wie u.a. Tom Goodwin in In the new age of ubiquitous connectivity the message is the medium anmerkt. Resümierend hält Goodwin fest:

The new players in the data landscape will be based around those that can aggregate content from different devices and build perfect consumer profiles to allow more relevant ads. They will be a thin horizontal player. … In the new internet age, context is king and no single platform wears a crown.

Im Grunde genommen wird das Banking durch den Kontext wieder analog(er), semantischer, symbolischer – es wird sozusagen neu codiert, im Sinne des Medienphilosophen Vilém Flusser:

Ein Code ist ein System aus Symbolen. Sein Zweck ist, Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen. Da Symbole Phänomene sind, welche andere Phänomene ersetzen („bedeuten“), ist die Kommunikation ein Ersatz: Sie ersetzt das Erlebnis des von ihr „Gemeinten“. Menschen müssen sich untereinander durch Codes verständigen, weil sie den unmittelbaren Kontakt mit der Bedeutung der Symbole verloren haben. (in: Vilém Flusser: Medienkultur)

Durch die Informationsrevolution haben die alten Schaltpläne, die in den Banken bis heute dominieren, ausgedient:

Die informatische Revolution strukturiert die informatische Lage um, genauer: Sie baut den öffentlichen Raum ab. Die Informationen drängen jetzt in den Privatraum, um dort empfangen zu werden. Geschäfte, Banken, Schulen, Kinos und alle übrigen öffentlichen Orte werden von den neuen Technologien ausgeschaltet. Die Sender der Informationen müssen dank dieser Technologien nicht mehr publizieren, sondern sie können durch verzweigte Kanäle ihre Informationen an die einzelnen Empfänger verteilen lassen. Wo bisher der öffentliche Raum, der Stadtplatz, das Forum offenstand, werden in naher Zukunft strahlenförmig und netzförmig strukturierte Kanäle liegen. Die Menschen werden an den Ausgängen dieser Kanäle sitzen, um Informationen zu empfangen und zu senden (in: Medienkultur)

Die Prognose sollte eintreffen.

Die Umcodierung im Banking findet bereits seit einigen Jahren statt. Eine, vielleicht die Initialzündung, war das Smartphone und später der Tablet-PC. Seitdem drängen die großen Internetkonzerne in das Bankgeschäft. Erstes Ziel war Online- und Mobile Payments. Inzwischen haben einige Konzerne, wie Tencent und Alibaba, mit der Gründung von Online-Banken die nächste Stufe eingeläutet.

Das folgende Schaubild soll das verdeutlichen:

Post Digitales Banking

 

Die Banken kommen, wollen sie Endkunden noch erreichen, nicht mehr an den Kommunikationskanälen, die von Apple, Google, Samsung und anderen mittels Hard- und Software dominiert werden, vorbei. Diese Erfahrung müssen u.a. die australischen Banken machen, die bisher vergeblich versuchen, Apple dazu zu zwingen, seine NFC-Schnittstelle zu öffnen – das ist aber nur ein Beispiel.

Die nächste Stufe wird von Mobile- und Online-Payments gebildet, die hier als Medien aufgefasst werden. Dieser Bereich wird verstärkt von Apple, Samsung, Google, Alibaba und Tencent in Beschlag genommen. Alipay und WeChat sind bereits weitaus mehr, als “nur” Zahlungskanäle.

Was Google & Co. bereits seit geraumer Zeit praktizieren, ist das, was an der Uni Siegen im Forschungsbereich Medien der Kooperation untersucht wird. Was daran neu ist, liest sich so:

Digitale Medien lassen sich nach dem gemeinsamen Verständnis der Forscherinnen und Forscher nicht mehr als Einzelmedien verstehen. Vor der Digitalisierung war ein Telefon ein Apparat mit einer einzigen Funktion, heute ermöglichen Smartphones drahtlos den Zugriff auf Datenspeicher im Internet sowie auf vernetzte soziale Plattformen und so die kooperative Interaktion zwischen Millionen Menschen. Damit müssen nun auch klassische Einzelmedien als Medien der Kooperation noch einmal anders verstanden werden.

Das ist die eigentliche neue Dimension im Banking: Die Kooperation der Medien untereinander, wobei der Content die Klammer ist, welche die Teile zusammen hält. Auf diesen Ebenen, Content, Mobile/Online Payments und Kommunikationskanäle, vollzieht sich die Codierung. Es entstehen neue “Symbolmilieus“. Deswegen ist auch Microsoft bemüht, noch schnell auf den Zug aufzuspringen, wie u.a. die Übernahme von LinkedIn zeigt. Diesen Neuen Realitäten im Banking können sich die Banken, aber auch die Fintech-Startups, auf Dauer nicht verschließen. Schon jetzt aber ist klar, dass sie an den neuen Gatekeeperen des post-digitalen Zeitalters bis auf weiteres nicht vorbei kommen werden.

Die visuelle Kommunikation, Bilder, Content und Kontext werden einen großen Einfluss auf das Banking und die Banken ausüben. Künstliche Intelligenz ist da “nur” ein Stilmittel.

In gewisser Hinsicht gehen wir wieder zurück zu den Wurzeln:

Die Tatsache, dass die Menschheit von Oberflächen (Bildern) programmiert wird, kann jedoch nicht als eine revolutionäre Neuigkeit angesehen werden. Im Gegenteil: Es scheint sich um eine Rückkehr zu einem Urzustand zu handeln. Vor der Erfindung der Schrift waren Bilder entscheidende Kommunikationsmittel (ebd.).

Banking wird neu codiert.

Dieser Beitrag wurde unter Banking abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Post digitales Banking, oder: Banking wird neu codiert

  1. Pingback: Welche Antworten liefert das Strategische Management auf die Digitalisierung? | Bankstil

  2. Pingback: Die Bankenindustrie löst sich auf | Bankstil

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.