Paydirekt hat kein Start-, sondern ein Strukturproblem

Von Ralf Keuper

Das Online-Bezahlverfahren der deutschen Banken und Sparkassen, Paydirekt, wartet noch immer auf seinen Durchbruch. Mit derzeit 1,3 Millionen registrierten Nutzer ist man davon noch weit entfernt. Um die Akzeptanz bei den Nutzern und Händlern zu erhöhen, hat man in der jüngeren Vergangenheit bereits zu einigen nicht ganz unumstrittenen Maßnahmen gegriffen (Vgl. dazu: Paydirekt: Mit Brechstange und Nudging).

Nun scheint es so, als stünde eine großen Investitionsoffensive unmittelbar bevor, wie in Deutsche Banken – Mit der dicken Keule gegen Paypal zu erfahren ist. Ganz unabhängig davon, ob die Investitionen tatsächlich geleistet werden – das eigentliche Problem wird damit nicht behoben – Paydirekt hat kein Start-, sondern ein Strukturproblem, d.h. alle Maßnahmen, die darauf abzielen, die Akzeptanz zu erhöhen und die Startphase hinter sich zu lassen, greifen zu kurz, da die Branchenstruktur sich bereits zu sehr gewandelt hat.

Doch zunächst ein kurzer Rückblick.

Strategische Wendepunkte im Banking: Die 1980er Jahre

Die Banken und vor allem die Sparkassen leiden unter strategischen Entscheidungen aus den 1980er Jahren, die auf eine Branche ausgerichtet waren und noch sind, die so nicht mehr existiert.

Die Sparkassen haben damals die Chance verstreichen lassen, mit der S-Card die technologische Marktführerschaft zu übernehmen und für mehr Wettbewerb unter den Banken zu sorgen (Vgl. dazu: Wie die Sparkassen ihre Chance auf Innovationsführerschaft verspielten – eine kontrafaktische Betrachtung). Eine weitere Gelegenheit für Innovationen in der deutschen Bankenbranche bot sich, als die großen Kreditkartenunternehmen auf den Markt drängten (Vgl. dazu: Banking in der Retrospektive: Als die Kreditkarte den Eurocheque ablösen sollte).

Schon damals, im Jahr 1987, bemerkte ein Autor im manager magazin:

Bislang konnten die deutschen Kreditinstitute ihre Position als Universalpartner in Gelddingen spielend behaupten. Nun wird es ernster: Es sind die klassischen Bereiche des Bankgeschäfts, die die Konkurrenz im Visier hat. Wer den Kunden mit der Karte erst einmal an sich gebunden hat, so das Kalkül der Geldbranche, wird ihn auch für seine breite Palette von Finanzdienstleistungen gewinnen.

Mit der EC-Karte konnte die Banken den Vorstoss zwar abwehren, sahen sich aber mit dem Aufkommen des Internet nicht veranlasst, an neuen Bezahlverfahren zu arbeiten. Erst als es zu spät war, und Anbieter wie Paypal bereits große Teile des Marktes für Online-Bezahlen erobert hatten, reagierte man – und auch das nur halbherzig.

Inzwischen ist das im obigen Zitat erwähnte Szenario eingetreten: Apple Pay, Amazon, Alibaba und Paypal haben sich zwischen die Banken und die Kunden geschoben. Sie können den Kunden auf ihren Plattformen neben Bank- auch weitere Dienstleistungen anbieten. Die alte Rolle der Banken als Universalpartner in Gelddingen ist obsolet.

Ein weiterer strategischer Wendepunkt war die Einführung des POS.

Die Erfolgschancen des POS wurden damals als gering eingeschätzt:

Die Datenverbundsysteme werden erst dann wirklich wettbewerbsrelevant, wenn der Handel bei der Automation des Zahlungsverkehrs mitspielt und elektronische Ladenkassen installiert. Die sogenannten Point-of-Sale-Terminals (POS) sind jedoch bisher äußerst umstritten. Der Handel scheut die zusätzlichen Kosten und veranschlagt die Zeitersparnis gering (in: Partner ohne Netz, mm 2/1986)

Bereits damals kam der Hinweis, die Banken könnten, sofern sie sich nicht einigen und das große Potenzial, das aus der Automatisierung des Zahlungsverkehrs resultierte, ignorieren würden, den Anschluss an die Marktentwicklung verlieren.

Die  mm-Autoren Günter Heismann und Stefanie von Viereck bemerkten dazu:

Sollte die Automation so rasch vorangetrieben werden, dass das Know-how des Bankfachmannes zweitrangig wird, hätten Elekronikkonzerne und Softwarehäuser beträchtliche Chancen, dem Kreditgewerbe durchaus lukrative Segmente des Stammgeschäftes streitig zu machen (ebd.).

Der Fall ist eingetreten.

Ausnahme HBCI – Vorläufer des Open Banking

Bei aller Kritik, muss man den hiesigen Banken bescheinigen, dass sie mit der Lancierung von HBCI eine für die damalige Zeit echte Innovation geschaffen haben, die bereits viel von dem vorweg nahm, was heute unter dem Schlagwort Open Banking kursiert.

Die Regeln der Plattformökonomie – der Gegner ist (nicht nur) Paypal

Die Banken und Sparkassen tun sich – aus nachvollziehbaren Gründen –  ausgesprochen schwer damit, die Regeln der Plattformökonomie zu verstehen und zu akzeptieren. Früher wären die Sparkassen von den Kunden und Händlern unter Beifall begrüßt worden, wenn sie ihnen ein Bezahlverfahren geboten hätten, mit dem sie im Internet bequem und sicher bezahlen können. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht darin, dass es zu dem Zeitpunkt bereits Alternativen (nicht nur Paypal) gab, die bei den Endkunden und Händlern zu beiderseitigem Nutzen im großen Stil verwendet wurden. Statt Jubel schlug den Banken und Sparkassen ein kalter Wind entgegen – eine für sie ungewohnte Situation. Auf sie hatte scheinbar keiner gewartet.

Aber nicht nur die Banken haben den Wandel zu spät erkannt – auch Versandhäuser wie Otto haben den Trend unterschätzt. Das eigene Online-Bezahlverfahren Yapital musste seinen Betrieb einstellen, als absehbar war, dass ein Durchbruch nicht zu realisieren war.

Struktur- und Medienwandel kann mit großen Investitionen weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden

Mit Investitionen, auch wenn sie im dreistelligen Millionenbereich liegen oder noch deutlich höher ausfallen, ist dieser Strukturwandel weder aufzuhalten noch im eigenen Sinne umzubiegen. Das Geschäft hat sich verlagert – und zwar vor allem auf die großen digitalen Plattformen mit ihren Lösungen für das mobile und online-Bezahlen und ihrer Kombination aus Software, Hardware, Logistik, Entertainment und Sozialen Netzwerken. Zum jetzigen Zeitpunkt kommen die Banken nicht an den großen Internetkonzernen vorbei, wenn sie ihre Kunden im Netz erreichen wollen. Solange dieser strukturelle Nachteil anhält, wird Paydirekt kein Verkaufsschlager.

Weitere Informationen / Update

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2 Antworten zu Paydirekt hat kein Start-, sondern ein Strukturproblem

  1. Hallo, sehr guter Artikel. Es ist das altebkannte Problem der traditionellen Banken: Erstmal jede Innnovation als unnötig oder unbedeutendes Nischen-Angebot abkanzeln. Dann mit Erschrecken feststellen, dass dem nicht so ist. In Folge ohne fundiertes Wissen etwas Vergleichbares auf den Markt werfen und auf Verkauf und Akzeptanz durch Reputation der eignen “Bank” Marke vertrauen. Abermals mit Erschrecken feststellen, dass auch das nicht funktioniert. Millionen in Marketing pumpen und hoffen….finales Versagen erkennen und Rückzug. In der Hoffnung doch auch in Zukunft irgendwie überleben zu können. Banken müssen einfach mal von Grund auf lernen, dass nicht Sie die Innovationstreiber sind, sondern andere und zwar das was heute als FinTech bezeichnet wird. Jeder vermeintliche Platzhirsch wird irgendwann mal alt und von der nächsten Generation abgrlöst. Genau das wird mit den traditionellen Banken auch passieren, wenn Sie ständig versuchen etwas zu schaffen, was sie schlicht nicht drauf haben….FinTechs fühlen sich ob solchen Verhaltens seitens der traditionellen Banken eher motiviert.

  2. Pingback: Bankstil-Jahresrückblick 2017 | Bankstil

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