New Banking: Wahrhaft siegt, wer es nicht mehr nötig hat zu kämpfen (Sun Tsu)

Von Ralf Keuper

Die Bankenbranche hat sich lange für eine uneinnehmbare Festung gehalten. Wer auch immer sie herausfordern und in ihr Territorium eindringen wollte, musste sich den Regeln der Bankenaufsicht wie auch der Branche selbst unterordnen, was das Geschäft für Nicht-Banken unattraktiv machte. Die Markteintrittsbarrieren waren zu hoch. Mittlerweile ist das anders: Die neuen Herausforderer, die eigentlich gar keine “echte” Bank werden und auch nicht sein wollen, haben um die Banken einen Belagerungsring gezogen, der von Jahr zu Jahr enger wird. Die großen digitalen Plattformen und Ökosysteme, wie Google, Apple, Amazon oder Alibaba, graben den Banken das Wasser, sprich die Informationen ab. Darüber hinaus haben sich die Nutzer daran gewöhnt, über die neuen Gatekeeper auf ihre Konten zuzugreifen.

Das Vorgehen erinnert stark an die Indirekte Strategie aus der Militärgeschichte wie auch an den Rat, den Sun Tsu in seinem Buch “Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft” gegeben hat. Das Prinzip ist im Grunde ganz einfach: Der Gegner ist im Angesicht der Übermacht irgendwann gezwungen, die Waffen zu strecken. Übertragen auf das Banking: Die digitalen Plattformen und Ökosysteme haben irgendwann die volle Kontrolle über die Datenspuren und den daraus gewonnenen Informationen, welche die Nutzer im Internet (Payments, Connected Car, Smart Home, Stationärer Handel/Amazon Go, E-Commerce) hinterlassen, und die sich zu einem aussagekräftigen Profil (Identity Graph) zusammensetzen lassen – auch unter Beachtung der Datenschutzgrundverordnung und demnächst der ePrivacy-Richtlinie.

Bereits im Jahr 2014 erkannte Christoffer O. Hernæs, Executive Vice President of Strategy, Innovation and Analysis of Sparebank 1 Group, in Ant Financial: The Greatest Victory Is That Which Requires No Battle deutliche Parallelen zwischen der Strategie von Ant Financial, dem Finanzarm von Alibaba, und dem Rat des Sun Tsu. Mittlerweile treten die Parallelen immer deutlicher zutage.

Erst gestern gab auf dem Google Pay Day bei GS1 in Köln einer der Vertreter von Google an, dass man bestrebt sei, die universelle Bezahlmethode über alle Oberflächen und Geräte zu werden – das schließt ausdrücklich den stationären Handel mit ein, der bereits von Amazon ins Visier genommen wurde. Mit anderen Worten: Die Kunden haben sich irgendwann so sehr an das Look & Feel von Google Pay oder der anderen mobilen Bezahlverfahren aus dem Hause Big Tech gewöhnt, dass sie sich nichts anderes mehr vorstellen können und wollen. Eine Bank ist dabei, wenn überhaupt, nur noch als Infrastrukturdienstleister gefragt.

Insofern müsste es heißen: “Wahrhaft siegt, wer überhaupt nicht mehr kämpfen muss”, da ihm alles von selbst zufällt und der Gegner sich mit der Rolle des Statisten begnügt bzw. begnügen muss.

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