Der japanische Reishändler, der die Finanzmärkte lesen lernte
Im Jahr 1755 erschien in Japan ein Buch mit dem poetischen Titel San’en Kinsen Hiroku – etwa: „Die Quelle des Geldes: Bemerkungen der drei Affen zum Geld”. Sein Verfasser war ein Reishändler aus der nordjapanischen Hafenstadt Sakata namens Munehisa Homma. Es war eines der ersten Werke der Finanzgeschichte, das sich systematisch mit Marktpsychologie befasste. Die „drei Affen” – in der japanischen Tradition anders gedeutet als im Westen – standen für eine Disziplin des Händlers: Nichts Böses sehen, hören, sagen. Bei Homma bedeutete dies: Bei fallenden Kursen keine Panik, auf Gerüchte nichts geben, die eigenen Positionen nicht ausplaudern.
Homma, geboren um 1724 und gestorben 1803, gilt als der Erfinder der Candlestick-Charts – jener Kerzendarstellungen, die heute auf jedem Trading-Bildschirm der Welt zu sehen sind. Mehr noch: Er war einer der ersten systematischen Analytiker von Preisbewegungen, ein Pionier dessen, was wir heute technische Analyse nennen, und ein früher Theoretiker der Verhaltensökonomie – Jahrhunderte bevor Daniel Kahneman und Amos Tversky ihre Prospect Theory formulierten.
Die Dojima-Reisbörse: Der erste Terminmarkt der Welt
Um Hommas Leistung zu verstehen, muss man das institutionelle Umfeld betrachten, in dem er operierte. Die Dojima-Reisbörse in Osaka, gegründet 1697 und 1730 vom Tokugawa-Shogunat offiziell autorisiert, war der erste organisierte Terminmarkt der Weltgeschichte. Reis war im feudalen Japan weit mehr als ein Nahrungsmittel – er war Währung, Steuergrundlage und Maßstab des gesellschaftlichen Reichtums. Die Samurai wurden in Reis bezahlt, die Daimyo (Feudalherren) lagerten ihre Steuereinnahmen in Reislagern ein.
Was in Dojima entstand, war bemerkenswert modern: ein Clearing-System, standardisierte Handelsregeln, eine Mitgliedschaftsstruktur und – entscheidend – der Handel mit „kome tegata”, Reiscoupons, die den Anspruch auf zukünftig zu liefernden Reis verbrieften. Diese Coupons waren nichts anderes als Futures-Kontrakte. 1749 wurden an der Dojima-Börse 110.000 Ballen Reis in Form von Coupons gehandelt – während physisch nur 30.000 Ball…

