Modularisierung: Größe und Grenzen

Von Ralf Keuper

Die Modularisierung, d.h. die Unterteilung komplexer Abläufe in überschaubare, sich ergänzende Einheiten, hat im Banking in den letzten Jahren einen Auftrieb bekommen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie die Modularisierung in der Softwareentwicklung, wo mittels Modulen versucht wird, die Lebensdauer der Programme zu erhöhen und die Flexibilität zu steigern.

Einer der Ersten, der den Trend hin zur Modularisierung erkannte und thematisierte, war der Zukunftsforscher Alvin Toffler. In seinem Buch Der Zukunftsschock (erschienen 1970) schrieb er:

Althergebrachte funktionelle Organisationsstrukturen, geschaffen zur Bewältigung vorhersehbarer, nicht neuartiger Bindungen, erweisen sich als unfähig, radikalen Veränderungen in der Umwelt wirkungsvoll zu begegnen. Daher werden, während die gesamte Organisation darum kämpft, sich selbst zu erhalten und ihr Wachstum fortzusetzen, temporäre Rollenstrukturen gebildet. Dieser Vorgang ist vollkommen analog mit dem Trend zum Modularismus in der Architektur. An früherer Stelle wurde Modularismus definiert als der Versuch, einer Gesamtstruktur dadurch größere Dauer zu verleihen, dass man die Lebensdauer ihrer Komponenten verkürzt. Dasselbe gilt für Organisationen und erklärt den Aufstieg kurzfristiger oder wegwerfbarer Organisationsformen.

Verständlich, dass Banken sich mit diesem Organisationsmodell noch immer schwer tun. Die Fintech-Startups kann man daher auch als Ausdruck der Modularisierung im Banking interpretieren. Mit Open Banking und der API-Ökonomie bekommt die Modularisierung zusätzlichen Schub.

In ihrem Buch Wachstum durch Verzicht hoben Jürgen Kluge u.a. die Vorzüge der Modularisierung bzw. des Baukastenprinzips hervor:

Erfolgreiche Unternehmen haben einfachere Baukästen. Sie schaffen es, aus weniger Modulen mehr Fertigerzeugnisse zu konstruieren. Im Segment Computer/Kommunikation, zum Beispiel, haben weniger erfolgreiche Unternehmen im Durchschnitt 1,7mal mehr Produktvarianten, annähernd viermal mehr Submodule und sogar 4,5mal mehr Teile. Damit entwickeln erfolgreiche Unternehmen 2,3mal weniger Submodule je Produkt und müssen nur etwa halb soviele unterschiedliche Designs durch die Fertigung schleusen.

Daraus geht hervor: Man kann die Modularisierung auf die Spitze treiben und damit in eine Komplexitätsfalle tappen. Modularisierung ist ein wichtiges Stilmittel – in Maßen. In Grenzen der Modularität – Chancen für Hochlohnstandorte in globalen Produktions und Innovationsnetzwerken kam Ulrich Voßkamp zu einem eher durchwachsenen Ergebnis.

Umgekehrt käme es darauf an, die räumliche Nähe so in industrielle Praktiken umzumünzen, dass die strategische Bedeutung der Fertigung für Innovationsprozesse zum Tragen kommt. Dabei werden Dimensionen industrieller Praxis wichtig, die in Konzepten von Modularität irrelevant sind und daher ausgeblendet werden: die Gestaltung unternehmensinterner Kooperations- und Kommunikationsbeziehungen über Funktionsgrenzen hinweg, die Art der Vernetzung mit Zulieferern sowie die institutionelle Einbettung wirtschaftlicher Aktivitäten in regionale Produktions- und Innovationscluster.

Die von Voßkamp beschriebenen Defizite scheinen die großen digitalen Plattformen (Amazon, Google, Apple, Alibaba) bislang im Griff zu haben. Auf irgendeiner Ebene müssen die Module integriert werden. Es werden Stabilitätszonen benötigt. Permanenter Umbau aus Prinzip ist ineffizient und ineffektiv. Ohne übergeordnete Verfahren, Strukturen, Instanzen geht es nicht. Nach Niklas Luhmann kommt es in Unternehmen wie überhaupt in Organisationen zur operativen Schließung, d.h. Organisationen müssen, wenn sie nicht in ihre Umwelt zerfließen wollen, Grenzen ziehen.

Der Begriff der operativen Schließung lässt keine “Gradualisierung” zu; er lässt es, anders gesagt, nicht zu, dass das System auch in seiner Umwelt oder die Umwelt auch im System operiert. Ein System kann nicht mehr oder weniger autopoietisch sein; wohl aber mehr oder weniger komplex. Operativ geschlossene autopoietische Systeme können, allein schon aus mathematischen Gründen nicht über Input/Output – Funktionen beschrieben werden. .. Auch der Begriff der operativen Schließung abstrahiert von Kausalbeziehungen, behauptet also keineswegs eine kausale Isolierung. .. Operative Schließung heisst also nur, dass das System nur im Kontext eigener Operationen operieren kann und dabei auf eben diese Operationen erzeugte Strukturen angewiesen ist. In diesem Sinne spricht man auch von Selbstorganisation oder, was Operationen betrifft, von Strukturdeterminiertheit (in: Organisation und Entscheidung).

Sicher –  die Modularisierung hat ihre Berechtigung – insbesondere im Banking. Die Zeit vorwiegend hierarchisch organisierter Organisationen, monolithischer Blöcke neigt sich dem Ende. Banken zählen zu den (natürlichen) Opfern dieser Entwicklung. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass Open Banking ein Selbstläufer wird und es künftig nur darauf ankommt, die Komplexität und Veränderungsgeschwindigkeit am Markt bzw. in der Umwelt durch Module abzufangen. Module sind – per definitionem – kurzlebige Gebilde. Um ihre Wirkung entfalten zu können, benötigen sie relativ stabile, dauerhafte Strukturen – das sind i.d.R. große übergeordnete Organisationen, Plattformen oder das Rechtssystem/Regulierung, Standards, Währungssysteme etc. nötig. Parallel dazu wird der Bedarf an Intermodalität steigen.

Intermodalität ist im Wesentlichen ein Denken und Organisieren des Dazwischen. Dieses Dazwischen wird – physisch – ausgefüllt durch ein bewegliches, von einer standardisierten Hülle eingefasstes Stück (Transport-)Raum, eine Blackbox, die mit nahezu jedem beliebigen Inhalt gefüllt und wieder entleert werden kann. Von ihr aus gedacht, haben sich alle beteiligten Transportsysteme und -situationen, ungeachtet ihrer gewachsenen Kultur, neu zu organisieren: der Straßenverkehr, der Schienenverkehr, die Häfen bzw. Terminals (in: Was Open APIs und Frachtcontainer gemeinsam haben).

An den genannten Bedingungen kommen auch Digitale Währungen ebenso wie die Blockchain-Technologie auf Dauer nicht vorbei. Benötigt wird ein Nebeneinander von “festen und losen Kopplungen” (Niklas Luhmann). Für die Blockchain bedeutet das die Etablierung von Standards, die u.a. zu einer Verbesserung der Interoperabilität der Blockchains untereinander führen (Vgl. dazu: Roadmap für Blockchain Standards).

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