Es gibt Sät­ze, die beim ers­ten Lesen wie Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wir­ken und sich erst beim zwei­ten als Spreng­stoff erwei­sen. Einer davon fin­det sich in Niklas Luh­manns 1991 erschie­ne­ner Sozio­lo­gie des Risi­kos: Ban­ken betrei­ben kein „Geschäft der Trans­for­ma­ti­on von Risi­ko in Sicher­heit”, son­dern eines der „Trans­for­ma­ti­on von Risi­ken in Risi­ken ande­ren Zuschnitts oder ande­rer Risi­ko­trä­ger”. Was lapi­dar klingt, ist eine fun­da­men­ta­le Kri­tik an einer Selbst­be­schrei­bung, die das Bank­we­sen bis heu­te pflegt – und die gegen­wär­ti­ge Kre­dit­klem­me im deut­schen Mit­tel­stand in einem ande­ren Licht erschei­nen lässt.


Die Funk­ti­on, neu gelesen

Luh­mann beginnt nüch­tern: Ban­ken sind mit den Risi­ken der Wirt­schaft befasst. Sie sor­gen für jeder­zei­ti­ge Zah­lungs­fä­hig­keit, schaf­fen einen Zeit­aus­gleich zwi­schen Zah­lungs­mög­lich­kei­ten und Zah­lungs­not­wen­dig­kei­ten. Dafür las­sen sie sich bezah­len. Sie neh­men Geld gegen das Ver­spre­chen, es künf­tig zurück­zu­zah­len, und ver­lei­hen es ihrer­seits gegen gleich­ar­ti­ge Ver­spre­chen. Ban­ken han­deln also, in Luh­manns For­mu­lie­rung, mit Zah­lungs­ver­spre­chen.

Die­se Funk­ti­on setzt zwei­er­lei vor­aus. Ers­tens: dass die Welt nicht voll­stän­dig erkenn­bar ist und Markt­ge­sche­hen als Zufalls­ge­sche­hen behan­delt wer­den muss – nicht weil die Ban­kiers naiv wären, son­dern weil jede ande­re Annah­me das Geschäfts­mo­dell epis­te­misch über­for­dern wür­de. Zwei­tens: dass die­ses struk­tu­rel­le Unwis­sen durch Risi­ko­kom­mu­ni­ka­ti­on, nicht durch Risi­ko­be­sei­ti­gung bewäl­tigt wird. „Es gibt für Ban­ken nur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­ti­on und kei­ne Sicher­heit”, schreibt Luh­mann. Das eige­ne Risi­ko­ma­nage­ment die­ne ledig­lich dem „best­mög­li­chen Umgang mit Unsi­cher­heit”, nicht deren Aufhebung.

Der ent­schei­den­de Punkt: Wenn Ban­ken Risi­ken mana­gen, ver­schie­ben sie die­se. Sie ver­le­gen sie auf ande­re Risi­ko­trä­ger, ver­tei­len sie über Instru­men­te neu, ver­än­dern ihren Zuschnitt – aber sie eli­mi­nie­ren sie nicht. Die Fra­ge ist daher immer auch: Wohin wan­dert das Risiko?


Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung als Kernkompetenz

Luh­mann hat an ande­rer Stel­le in dem Band beschrie­ben, was Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung bedeu­tet: nicht zu sehen, was man sieht, son­dern zu sehen, wie ande­re Beob­ach­ter sehen. Für Ban­ken heißt das: Das Ver­hal­ten ande­rer Wirt­schafts­teil­neh­mer ist nicht nur unter dem Aspekt ihrer eige­nen Boni­tät rele­vant, son­dern unter dem Aspekt des bank­ei­ge­nen Risi­kos – das davon abhängt, wie ris­kant die Geschäfts­part­ner ope­rie­ren, wie die­se ihren Markt beob­ach­ten und wie sie ihrer­seits durch die Bör­se oder ande­re Mark­teil­neh­mer beob­ach­tet werden.

Das Bank­ge­schäft wird damit selbst­re­fe­ren­ti­ell auf der Ebe­ne der Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung. Es ver­wal­tet nicht Güter oder Kapi­tal im klas­si­schen Sin­ne, son­dern Beob­ach­tun­gen über Beob­ach­tun­gen. Kre­dit­ver­ga­be ist – sys­tem­theo­re­tisch gele­sen – immer auch eine Aus­sa­ge dar­über, wie die Bank ein­schätzt, wie ein Unter­neh­men von sei­ner Umwelt ein­ge­schätzt wird.

Die­se Per­spek­ti­ve hat prak­ti­sche Kon­se­quen­zen: Eine Bank, die aus­schließ­lich auf stan­dar­di­sier­te Bewer­tungs­mo­del­le setzt, redu­ziert ihre Beob­ach­tungs­fä­hig­keit auf die ers­te Ord­nung. Sie sieht Kenn­zah­len, nicht die Struk­tu­ren hin­ter den Kennzahlen.


Risi­ko­aver­si­on als Risiko

Nun liegt der eigent­li­che Spreng­stoff des Tex­tes in einem Abschnitt, den Luh­mann gleich­sam bei­läu­fig notiert. Er beschreibt, was „Ler­nen” für eine Orga­ni­sa­ti­on bedeu­tet: aus einem als unwahr­schein­lich gel­ten­den Ein­zel­fall Kon­se­quen­zen zu zie­hen und Ent­schei­dungs­pro­gram­me zu ändern. Für Ban­ken wür­de das hei­ßen: gründ­li­che­re Prü­fung, län­ge­re Pro­zes­se, Ten­denz zum Ver­zicht auf Chan­cen zuguns­ten weni­ger ris­kan­ter Entscheidungen.

„Bad cases make bad laws”, zitiert Luh­mann lako­nisch. Und dann folgt die eigent­lich beun­ru­hi­gen­de Wen­dung: Orga­ni­sa­tio­nen, die stär­ker unter öffent­li­chem und poli­ti­schem Druck ste­hen – und Ban­ken gehö­ren nach der Finanz­kri­se von 2008, nach Basel III und nach den ESG-Regu­lie­rungs­wel­len zwei­fel­los dazu –, wäh­len genau die­sen Aus­weg. Lau­fen­de Irri­ta­ti­on durch Scha­dens­fäl­le setzt sich, lang­fris­tig gese­hen, in pro­gram­mier­te Vor­sicht um.

Das Ergeb­nis: „Die Orga­ni­sa­ti­on wälzt damit die für sie selbst uner­träg­li­chen Risi­ken auf ihre Umwelt ab. Die Risi­ko­aver­si­on der Orga­ni­sa­ti­on wird zur Gefahr für die Betrof­fe­nen in ihrer Umwelt.”

Man muss die­se Pas­sa­ge nicht lan­ge auf die Gegen­wart anwen­den, um ihren Gehalt zu spü­ren. Der deut­sche Mit­tel­stand erlebt seit Jah­ren, was es bedeu­tet, wenn Ban­ken ihre eige­ne Risi­ko­aver­si­on exter­na­li­sie­ren. Kre­dit­ver­ga­be wird nicht ver­wei­gert, aber ver­zö­gert, ver­teu­ert, mit Anfor­de­run­gen belegt, die struk­tu­rell klei­nen und mitt­le­ren Unter­neh­men die Kre­dit­auf­nah­me ver­lei­den. Das Risi­ko, das die Bank nicht tra­gen will, trägt nun das Unter­neh­men – als Inves­ti­ti­ons­ver­zicht, als ver­pass­te Trans­for­ma­ti­on, als Stagnation.


Tech­nik als kau­sa­le Schlie­ßung – und ihre Grenzen

Luh­manns Über­le­gun­gen zur Tech­nik ergän­zen das Bild. Tech­nik begreift er als „weit­ge­hend kau­sa­le Schlie­ßung eines Ope­ra­ti­ons­be­reichs” – als Iso­lie­rung von Kau­sal­be­zie­hun­gen, die Abläu­fe kon­trol­lier­bar, Res­sour­cen plan­bar und Feh­ler erkenn­bar macht. Das klingt nach dem Ide­al­pro­gramm moder­ner Risi­ko­mo­del­le: Wenn man nur genug Daten­punk­te sam­melt und die rich­ti­gen Algo­rith­men anwen­det, lässt sich Kre­dit­ri­si­ko bere­chen­bar machen.

Das Pro­blem liegt auf der Hand: Hoch­tech­no­lo­gien nei­gen lau­fend zur Über­schrei­tung der Form­gren­ze, zur „Ein­schlie­ßung des Aus­ge­schlos­se­nen”, zu unvor­her­ge­se­he­nen Quer­ver­bin­dun­gen. Was als tech­ni­sche Ver­ein­fa­chung beginnt, schafft neue Kom­ple­xi­tät auf einer Meta­ebe­ne. Scoring-Model­le, die auf Ver­gan­gen­heits­da­ten basie­ren, ver­sa­gen in Trans­for­ma­ti­ons­si­tua­tio­nen – genau dann, wenn Mit­tel­ständ­ler in neue Geschäfts­fel­der inves­tie­ren müs­sen und ihre bilan­zi­el­len Kenn­zah­len noch nicht die Stär­ke des stra­te­gi­schen Wan­dels widerspiegeln.

Die Sicher­heits­tech­no­lo­gie, Luh­mann sag­te es für Com­pu­ter­tech­no­lo­gie, ist schwie­ri­ger ein­zu­rich­ten als die Tech­no­lo­gie selbst, und die Zei­ten, in denen das „Con­tain­ment” des Sys­tems mehr Kos­ten ver­ur­sacht als die Anschaf­fung, sind nicht fern. Für Ban­ken über­setzt: Das regu­la­to­ri­sche und algo­rith­mi­sche Appa­rat­werk zur Risi­ko­be­herr­schung pro­du­ziert eige­ne Risi­ken – vor allem das Risi­ko der Fehl­al­lo­ka­ti­on, des Nicht­er­ken­nens von sub­stanz­star­ken, aber bilan­zi­ell unschein­ba­ren Unternehmen.


Was folgt daraus?

Luh­manns Ana­ly­se ist kei­ne Kapi­ta­lis­mus­kri­tik und erst recht kein Plä­doy­er für weni­ger Regu­lie­rung. Sie ist prä­zi­ser: eine struk­tu­rel­le Dia­gno­se des Ver­hält­nis­ses von Ent­schei­dung, Risi­ko und Beob­ach­tung in Orga­ni­sa­tio­nen, die sys­te­misch mit Unsi­cher­heit handeln.

Für die aktu­el­le Debat­te um die Kre­dit­ver­sor­gung des deut­schen Mit­tel­stands bedeu­tet das dreierlei:

Ers­tens ist es ana­ly­tisch ver­fehlt, das Pro­blem als blo­ße Risi­ko­scheu ein­zel­ner Ban­ken zu behan­deln. Was wir beob­ach­ten, ist eine sys­te­mi­sche Ver­schie­bung von Risi­ko­prä­fe­ren­zen, die durch regu­la­to­ri­schen Druck, öffent­li­che Haf­tungs­er­war­tun­gen und stan­dar­di­sier­te Bewer­tungs­in­fra­struk­tu­ren erzeugt wird. Die Risi­ko­aver­si­on ist nicht patho­lo­gisch, son­dern sys­tem­ra­tio­nal – was sie nicht weni­ger pro­ble­ma­tisch macht.

Zwei­tens ist die For­de­rung nach „mehr Digi­ta­li­sie­rung” im Kre­dit­pro­zess kein Aus­weg, solan­ge die digi­ta­len Model­le die Beob­ach­tungs­fä­hig­keit zwei­ter Ord­nung nicht stär­ken, son­dern erset­zen. Ein Algo­rith­mus, der Ver­gan­gen­heits­da­ten ver­ar­bei­tet, kann nicht beur­tei­len, wie ein Unter­neh­men von sei­ner Bran­chen­um­welt wahr­ge­nom­men wird, wel­che stra­te­gi­schen Optio­nen es glaub­wür­dig ver­folgt, wie sei­ne Markt­be­ob­ach­tung struk­tu­riert ist.

Drit­tens schließ­lich: Die Trans­for­ma­ti­on von Risi­ken in Risi­ken ande­ren Zuschnitts – das ist Luh­manns nüch­ter­nes Fazit – lässt sich nicht auf­he­ben, nur gestal­ten. Die Fra­ge ist, wer die Risi­ken trägt, die Ban­ken nicht mehr tra­gen wol­len. Solan­ge die Ant­wort lau­tet: der Mit­tel­stand, durch Inves­ti­ti­ons­ver­zicht, ist das eine gesell­schaft­li­che Wei­chen­stel­lung, kei­ne betriebs­wirt­schaft­li­che Selbstverständlichkeit.

Luh­mann hät­te ver­mut­lich nicht gezö­gert, dies zu sagen. Er hät­te es nur anders formuliert.

Ralf Keu­per 


Quel­len: Niklas Luh­mann, Sozio­lo­gie des Risi­kos, Berlin/​New York 1991, S. 75f., 89, 97ff., 194f., 210f.