Lässt sich das Banking auf Technologie reduzieren?

Von Ralf Keuper
Wer die diversen Beiträge zum Thema Fintech liest, gewinnt nicht selten den Eindruck, als würde sich das Banking über kurz oder lang in Technologie, womit in erster Linie Software gemeint ist, auflösen. Die Bank der Zukunft ist demnach nichts anderes als ein Technologieunternehmen mit Banklizenz. Keine Frage: Die Argumentation ist nicht völlig abwegig. Das Banking ist in den letzten Jahren deutlich technologieintensiver geworden. Daraus zu schließen, dass sich das Bankgeschäft völlig den Gesetzen der Technologiebranche unterwerfen wird bzw. muss, ist m.E. dennoch übereilt. 
Informationstechnologie in den Banken seit Jahrzehnten weit verbreitet 
Die Bankenbranche zählt seit Jahrzehnten zu den größten Anwendern von Informationstechnologie. Das Kerngeschäft einer Bank besteht in der Informationsverarbeitung. Anders als in der Industrie, ist im Banking die Informationstechnologie gleichzeitig die Fertigungstechnologie. Banken sind in gewisser Hinsicht also schon lange auch Technologieunternehmen, wenngleich sie nicht selber als Hersteller von Software und Hardware in Erscheinung getreten sind, jedenfalls nicht im größeren Stil. 
Fintech ist den meisten Kunden unbekannt
Als Folge der Verbreitung des Begriffs “Fintech” ist die Bedeutung der Technologie für das Banking unter Investoren und in den Medien gestiegen. Bei den Kunden, den eigentlichen Adressaten, ist dieser Trend indes noch nicht angekommen. So haben laut einer aktuellen Umfrage 92 Prozent der Deutschen noch nie von Fintech gehört, und auch in Großbritannien, dem, wenn man so will, Mutterland von Fintech, ist der Bekanntheitsgrad nicht wesentlich höher. Als direkte Mitbewerber sind die zahlreichen Fintech-Startups derzeit und in naher Zukunft keine echte Bedrohung für die Banken.
Probleme der Banken sind überwiegend strategischer und organisatorischer Natur 
Die schlechte Ertragslage vieler Banken, insbesondere in Deutschland, ist eher eine Folge strategischer Entscheidungen als technischer. Die Deutsche Bank beispielsweise hat nicht wegen technologischer Versäumnisse Probleme, obschon auch hier einiges zu tun ist, sondern wegen Entscheidungen auf strategischer Ebene, die in die 1990er, wenn nicht 1980er Jahre zurückreichen. Gemeint ist damit vor allem der Schwenk zum Investmentbanking im großen Stil. Auch die anderen Banken und Bankengruppen leiden eher an strategischen und organisatorischen Mängeln bzw. Versäumnissen, als an technologischen. Dazu zählt für mich auch PayDirekt. Die deutsche Kreditwirtschaft wäre technologisch durchaus in der Lage gewesen, bereits vor Jahren eine Lösung an den Markt zu bringen, die eine echte Chance gegen PayPal & Co. gehabt hätte. Das belegt das Beispiel HBCI. Das Geschäftsmodell der Banken leidet derzeit auch unter dem Niedrigzinsumfeld, wenngleich die Auswirkungen m.E. nicht so groß sind wie häufig behauptet. Die Umsetzung der regulatorischen Anforderungen drückt ebenfalls auf die Erträge. 
Von geschlossenen zu offenen Systemen zu digitalen Plattformen 
Die Bedrohung für das Geschäftsmodell der Banken geht vorwiegend von den großen digitalen Plattformen aus, die es in letzten Jahren geschafft haben, immer weitere Teile des Bankgeschäft in ihre Kanäle zu lenken. Prominentes Beispiel ist Ant Financials, die, wenn man so will, Finanztochter von Alibaba. 
In der Vergangenheit haben Banken die Informationstechnologie dafür verwendet, ihr Geschäft untereinander bzw. voneinander abzugrenzen. In Zeiten offener Systeme, im Zeitalter des Internet funktioniert dieser Ansatz nicht mehr. Die Bankfiliale ist dabei, sich auf das Smartphone zu verlagern, dem neuen Distributionskanal. Filialen reichen längst nicht mehr aus, um die Kunden zu erreichen. Die neuen Zufahrtsstraßen z.B. in Form sozialer Netzwerke werden von den Internetkonzernen dominiert, die selber im Bankgeschäft aktiv sind, wie Ant Financials, oder demnächst sein werden, wie facebook. Problematisch daran ist, dass die großen digitalen Plattformen dabei sind, sich in geschlossene Systeme zu verwandeln. Beispielhaft dafür ist Apple. Mittlerweile müssen Banken, wie in Australien, darum kämpfen, einen Einblick in Apple Pay zu bekommen. In dem aktuellen Beitrag The Competitive Value of Data: From Analytics to Machine Learning spricht Irving Wladawsky-Berger von dem neuen Netzwerkeffekt. Dieser besteht darin, dass, je mehr Nutzer eine Plattform an sich zieht, um so mehr Daten fallen dabei für die Entwicklung personalisierter Services und Produkte an, was dazu führt, dass Angebot und Nachfrage gezielter zusammengeführt werden können, was wiederum zur Folge hat, dass der Wert und die Attraktivität der Plattform steigt. Aber auch hier ist es weniger die Technologie, als vielmehr ein neues Organisationsmodell, die Plattform, das zu einer Machtverschiebung im E-Commerce und Banking führt. 
Open APIs und die Blockchain-Technologie können sowohl für Banken wie auch für Fintech-Startups eine Chance sein, sich dem Einfluss der digitalen Plattformen so weit wie möglich zu entziehen und ihrerseits Plattformen zu bilden. Beispielhaft dafür ist das Modell der Genossenschaftsbank als Wertschöpfungsplattform und, in abgespeckter Form George von die Erste Bank. 
Die eigentlichen Herausforderungen liegen auf der strategischen und organisatorischen Ebene
Die Technologie wird ihre Stellung als stilprägender Faktor im Banking weiter ausbauen – keine Frage. Aber auch dann bleiben Banken, wie übrigens Technologieunternehmen, sozio-technische Systeme. Organisationen wie Banken werden von Menschen und die Art und Weise, wie sie miteinander und mit den Kunden kommunizieren, gebildet. Die Informationstechnologie ist dabei in erster Linie Mittel zum Zweck, aber nicht Selbstzweck. Die schönste IT bringt wenig, wenn die Unternehmenspolitik und die strategische Ausrichtung am Markt und an den Kundenbedürfnissen vorbei zielen. 
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