Haben die Skaleneffekte im Banking ausgedient?

Von Ralf Keuper
Das Industriezeitalter hat der Massenproduktion zum Durchbruch verholfen – oder umgekehrt. Jedenfalls konnte so eine große Anzahl von Produkten und Konsumgütern für die breite Masse hergestellt werden. Einer der Pioniere war Henry Ford, der die Idee der Fließbandfertigung von den Chicagoer Schlachthöfen übernahm
Inzwischen ist der Fordismus in den Sozialwissenschaften ein fester Begriff. Nur große Unternehmen, die in der Lage waren, hohe Kapitalinvestitionen aufzubringen, konnten in diesem Marktumfeld überleben – bis heute. Die Massenproduktion basiert auf dem Prinzip der Skaleneffekte, der sog. Economies of Scale und im weiteren auf dem sog. Lernkurveneffekt
Im Banking haben die Skaleneffekte erst mit der Computerisierung Einzug gehalten. Vor allem in der Transaktionsverarbeitung, im Back End, kommen die Skaleneffekte zum Tragen. Die Investitionen in die entsprechende Infrastruktur können sich nur wenige Banken bzw. Bankengruppen leisten. Das Cloud-Computing ermöglicht es, auch weitaus kleineren Banken oder Finanzdienstleistern, in den Genuss der Größenvorteile zu kommen, ohne eine entsprechende Infrastruktur vorhalten zu müssen. 
Große Erwartungen weckte vor einigen Jahren Chris Anderson mit seinem Buch Long Tail – Nischenprodukte statt Massenmarkt, in dem er die bisherige industrielle Logik auf den Kopf stellte. Im Internetzeitalter, so Anderson, hätten auch Nischenprodukte die Chance, ausreichend Käufer zu finden.  In dem Beitrag The ‘Long Tail’ Model Is Coming to Banking vom Juli 2013 sah Mela Antanassova die Zeit auch im Banking reif für eine andere Produktions- und Marketinglogik. Als Beispiele nannte sie u.a. das Segment der P2P Kreditplattformen. 
Unterstützung kommt u.a. von Greg Satell, wie in seinem Artikel The End Of The Scale Economy. Es sei, so Satell, Zeit für neue Formen der Strategie und des Managements. Tragende Säulen der neuen Ökonomie sind für Satell die Netzwerkorganisation, das Konzept der Open Innovation und der Einsatz von Simulations-Technologien auf Basis von Big Data und Multiagentensystemen. In dieselbe Richtung zielt Dave Gray mit seinem Ansatz The Connected Company
So weit so gut. Die Argumente von Anderson, Antanassova, Satell und Gray klingen zunächst plausibel. Zweifel melden sich, wenn man sich die Realisierung vor Augen führt. Die industrielle Logik wird auch künftig noch eine große Rolle spielen. Das gilt vor allem für das Banking. Mobile Payments, B2B Payments wie überhaupt die Zahlungsabwicklung sind und bleiben ein klassisches Massengeschäft – jedenfalls, was die Transaktionsverarbeitung anbelangt. Im Front End und in der Middleware kann dagegen schon eher die Entwicklung in Richtung Nischenprodukte, Mass Customization oder Open Innovation gehen. Davon betroffen sind vornehmlich die Prozess- und Service-Ebene. Insofern handelt es sich nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Damit im Front End, an der Kundenschnittstelle, ein bestimmtes Maß an Individualisierung möglich ist, braucht es einen sicheren und belastbaren Kern. Auch die digitale Plattform braucht eine feste Basis. Veranschaulichen lässt sich das u.a. an dem Geschäftsmodell von Rocket Internet, wie aus dem Werbe-Video aus Anlass des Börsengangs hervorgeht. Kernelemente sind demnach Infrastructure, Processes, Technology und Rocket Network of Companies. 
Hinweis: Auch wenn die Vermutung sich einstellen könnte, ist dies kein Werbebeitrag für Rocket Internet. Über den Börsengang kann man durchaus geteilter Meinung sein. Aber das interessiert mich hier nur am Rande. 

Dave Gray unterscheidet in seinem bereits erwähnten Buch zwischen Front Stage und Back Stage:

On the front stage, where change and a variety are high, you generally want to be able to absorb a lot of variety, and you want those elements of the business to be able to evolve as rapidly as their external environment requires. On the back stage, things like consistency and reliability are often more important than flexibility. Like the foundations and walls of a building, they provide the stability that supports the faster-changing layers that depend on them. 

Geschäftsmodelle, die in der digitalen Ökonomie erfolgreich sein wollen, kommen über kurz oder lang an der Frage der Skalierung nicht vorbei – auch im Banking nicht. Insofern stellt sich das Problem der Skalierung und damit der Skaleneffekte anders bzw. auf einer anderen Ebene. Ein Player alleine ist dazu nur schwer in der Lage. Selbst Apple geht inzwischen den Weg der Kooperation, wie das Beispiel Apple Pay zeigt. Ein Anbieter, der alle Bankdienstleistungen aus einer Hand anbieten will, quasi die Überführung der Universalbank in ein digitales Format, wird es sehr schwer haben. Geschlossene Systeme stehen mit den Grundprinzipien des Internet im Widerspruch. Das wiederum heisst jedoch nicht, dass es keine monopolartigen Strukturen geben kann, wie die Beispiele Google und Amazon zeigen. Ob Monopole für die Wirtschaft wirklich so nützlich sind, wie Peter Thiel meint, ist fraglich – gerade im Banking. Aber das ist ein anderes Thema. 
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