Ein Vergleich von Bank of Korea und EZB
Die Inflationsprognosen von Zentralbanken sind mehr als technische Übungen. Sie sind kommunikative Akte, politische Signale und – wie neuere Forschung zeigt – möglicherweise systematisch verzerrt. Eine aktuelle Studie zur Bank of Korea wirft ein Schlaglicht auf ein Phänomen, das auch die Europäische Zentralbank betrifft: den “Target Bias”.
Der koreanische Befund
Die Studie “Are the Bank of Korea’s Inflation Forecasts Biased Toward the Target?” untersucht die Inflationsprognosen der koreanischen Zentralbank von 2000 bis 2023. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Prognosen gravitieren systematisch zum 2%-Ziel – unabhängig davon, wo sich die tatsächliche Inflation befindet.
Bei niedriger Inflation fallen die Prognosen optimistisch aus und ziehen nach oben Richtung Ziel. Bei hoher Inflation sind sie pessimistisch verzerrt und ziehen nach unten. Dieser “Pull”-Effekt ist besonders ausgeprägt bei mittelfristigen Horizonten von ein bis zwei Jahren und lässt sich nicht durch makroökonomische Faktoren oder externe Schocks erklären.
Die Autoren identifizieren mehrere mögliche Ursachen: institutionelle Bindung an das Inflationsziel, strategische Kommunikation zur Erwartungsankerung oder eine natürliche Tendenz zur Rückkehr zum wahrgenommenen Gleichgewicht. Was als technische Prognose erscheint, könnte also ein Hybrid aus Analyse und Erwartungsmanagement sein.
Der europäische Spiegel
Die koreanische Studie steht nicht isoliert. Granziera, Jalasjoki und Paloviita haben in mehreren Arbeiten (2021, 2024) einen vergleichbaren Befund für die EZB dokumentiert. Ihre Analyse vertraulicher Projektionsdaten zeigt: Die EZB tendiert dazu, bei mittleren Prognosehorizonten die Inflation zu überschätzen, wenn sie unter dem Ziel liegt, und zu unterschätzen, wenn sie darüber liegt.
Die Verzerrung ist asymmetrisch – stärker ausgeprägt bei Inflation über dem Ziel.
Der geschätzte Schwellenwert liegt bei 1,8 Prozent. Sobald die beobachtete Inflation diesen Wert übersteigt, setzt der Unterprognosebias ein. Die EZB projiziert dann systematisch eine zu schnelle Rückkehr zum Ziel.
Ein methodischer Unterschied zur koreanischen Studie verdient Beachtung: Die Bank of Korea nennt ihr Inflationsziel explizit, während die EZB lange mit der Formulierung “unter, aber nahe 2%” operierte. Das EZB-Ziel musste also geschätzt werden, was die Analyse kompliziert, den Grundbefund aber nicht in Frage stellt. Seit der Strategieüberprüfung 2021 gilt zwar ein symmetrisches 2%-Ziel – ob dies den Bias reduziert hat, bleibt zu untersuchen.
Empirische Evidenz: Der doppelte Irrtum
Die Prognosefehler der EZB in den vergangenen Jahren illustrieren das Muster mit bemerkenswerter Klarheit.
Phase 1: Die Überschätzung (2013−2021)
