Die Deutsche Bank präsentiert historische Gewinne von 9,7 Milliarden Euro – während Staatsanwaltschaft, BKA und BaFin wegen Geldwäscheverdachts die Zentrale durchsuchen. Der Kontrast zwischen bilanzieller Erfolgsstory und institutionellem Kontrollversagen offenbart ein strukturelles Problem.
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Am 28. Januar 2026 bot sich in Frankfurt ein bemerkenswertes Schauspiel: Während die Deutsche Bank ihre beste Jahresbilanz seit langem vorlegte – 9,7 Milliarden Euro Vorsteuergewinn, ein Nettoergebnis von über 6,1 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr –, durchsuchten Ermittler von Staatsanwaltschaft, Bundeskriminalamt und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht die Räume der Bank. Der Vorwurf: Geldwäscheverdacht in früheren Geschäftsbeziehungen zu ausländischen Firmen, möglicherweise verspätete Verdachtsanzeigen.
Diese zeitliche Koinzidenz ist mehr als nur unglücklich. Sie ist symptomatisch für eine institutionelle Schizophrenie, die die Deutsche Bank seit Jahren prägt: operative Exzellenz im Kerngeschäft bei gleichzeitigem strukturellen Versagen in den Kontroll- und Compliance-Funktionen. Was sich hier zeigt, ist keine bloße PR-Panne, sondern jene charakteristische „PR-Schere”, die sich auftut, wenn die kommunizierte Selbstdarstellung und die organisationale Realität deutlich auseinanderklaffen.
Die Anatomie eines Kontrollversagens
Die Zahlen selbst sind beeindruckend. Eine Eigenkapitalrendite von 10,3 Prozent, starkes Wachstum im Privatkunden- und Fondsgeschäft, Analystenerwartungen übertroffen – auf den ersten Blick der Beleg für eine erfolgreiche Sanierung unter CEO Christian Sewing. Die operative Seite der Bank funktioniert offenbar. Geschäftsmodelle generieren Erträge, Risikopositionen sind im Griff, die Kapitalausstattung ist solide.
Doch parallel dazu offenbart die Razzia ein grundsätzlicheres Problem: Die Bank ist offenbar nach wie vor nicht in der Lage, ihre Compliance-Verpflichtungen verlässlich zu erfüllen. Es geht nicht um irgendein marginales Geschäft, sondern um die Kernfunktion jeder Bank im modernen Finanzsystem – die Verhinderung von Geldwäsche. Und es ist, wie die Bank selbst einräumt, „nicht die erste Beanstandung in diesem Bereich”.
Hier liegt das eigentliche Problem: Compliance-Versagen bei der Deutschen Bank ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Von den Cum-Ex-Geschäften über die Danske-Bank-Affäre bis zu Jeffrey Epstein – die Liste der Aufsichtsbeanstandungen ist lang. Jedes Mal wurden Verbesserungen versprochen, zusätzliche Ressourcen bereitgestellt, Prozesse optimiert. Und jedes Mal folgte der nächste Fall.
Die organisationstheoretische Dimension
Aus systemtheoretischer Perspektive zeigt sich hier ein klassisches Problem der funktionalen Differenzierung innerhalb von Großorganisationen. Die operative Seite – Kreditvergabe, Wertpapierhandel, Vermögensverwaltung – funktioniert nach ökonomischen Rationalitätskriterien: Gewinnmaximierung, Risikoadjustierung, Marktanteile. Die Compliance-Funktion hingegen operiert nach einer völlig anderen Logik: regelbasiert, prozessorientiert, präventiv.
Das Problem der Deutschen Bank scheint zu sein, dass diese beiden Funktionssysteme organisational nie wirklich integriert wurden. Compliance bleibt eine „Nebenstruktur”, die der operativen Logik nachgeordnet ist. Niklas Luhmann würde hier von einer „Re-Entry-Problematik” sprechen: Die Organisation kann die Differenz zwischen operativer und regulatorischer Rationalität nicht produktiv in sich selbst aufnehmen, sondern behandelt sie als externe Störung.
Das Resultat ist eine systematische Untersteuerung der Kontroll- und Compliance-Funktionen. Nicht aus bösem Willen, sondern aus struktureller Unfähigkeit. Die operative Exzellenz der Bank verdeckt diese Schwäche – bis zur nächsten Razzia.
Die Glaubwürdigkeitsfrage
Für CEO Christian Sewing ist diese Konstellation hochproblematisch. Seine Amtszeit stand bisher unter dem Zeichen der Konsolidierung und Normalisierung nach den Turbulenzen unter seinen Vorgängern. Die Rekordgewinne sollten die Erfolgsgeschichte krönen, den Beweis liefern, dass die Deutsche Bank wieder ein verlässlicher, profitabler Player im internationalen Finanzgeschäft ist.
Stattdessen dominiert die Razzia die Berichterstattung. Die Aktie fällt zeitweise um 3 Prozent. Und die zentrale Frage, die sich stellt, lautet: Ist diese Bank tatsächlich saniert, wenn sie ihre grundlegendsten aufsichtsrechtlichen Verpflichtungen nicht verlässlich erfüllen kann?
Die wiederholten Compliance-Probleme werfen ein Licht auf die Governance-Strukturen der Bank. Ein Vorstand, der operative Rekordgewinne erzielt, aber elementare Kontrollmechanismen nicht im Griff hat, ist ein Vorstand, der nur die Hälfte seiner Aufgaben erfüllt. Denn die primäre Verantwortung eines Bankvorstands besteht nicht in der Gewinnmaximierung, sondern in der Gewährleistung der institutionellen Integrität.
Das strukturelle Dilemma
Man könnte argumentieren, dass die aktuelle Razzia sich auf „frühere Geschäftsbeziehungen” bezieht, also möglicherweise in eine Zeit vor Sewings Reformen fällt. Das mag stimmen. Aber es ändert nichts an der grundsätzlichen Problematik: Eine Bank, die ihre Altlasten nicht vollständig aufgearbeitet hat, ist eine Bank, die jederzeit mit solchen Razzien rechnen muss. Und eine Bank, die „möglicherweise verspätete Verdachtsanzeigen” abgibt, demonstriert, dass ihre Compliance-Systeme auch aktuell nicht so funktionieren, wie sie sollten.
Das eigentliche Problem ist struktureller Natur. Die Deutsche Bank hat – wie viele große deutsche Finanzinstitute – den Übergang von einer relationalen zu einer transaktionalen Banklogik nie vollständig vollzogen. In einer relationalen Logik funktioniert Compliance durch persönliche Beziehungen, durch „know your customer” im ursprünglichen Sinn, durch lange gewachsene Geschäftsbeziehungen. In einer globalisierten, digitalen, transaktionalen Logik braucht es hingegen robuste, automatisierte, skalierbare Kontrollsysteme.
Die Deutsche Bank operiert in einer transaktionalen Welt mit teilweise noch relationalen Kontrollmechanismen. Das funktioniert nicht. Und es wird auch in Zukunft nicht funktionieren, solange diese strukturelle Dissonanz nicht aufgelöst wird.
Ausblick: Jenseits der Bilanzen
Die Bank betont, dass sie „gut ins Jahr 2026 gestartet” sei. Das mag aus operativer Sicht stimmen. Aber die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor: Kann die Deutsche Bank zeigen, dass sie nicht nur Gewinne erwirtschaften, sondern auch institutionelle Integrität gewährleisten kann?
Die bisherigen Erfahrungen stimmen skeptisch. Zu oft wurden Besserungen versprochen, zu selten eingelöst. Die Razzia vom 28. Januar ist ein weiterer Datenpunkt in einer langen Serie von Compliance-Versagen. Sie ist kein Unfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems.
Für die Deutsche Bank bedeutet das: Rekordgewinne allein reichen nicht. Solange die Bank ihre grundlegenden aufsichtsrechtlichen Verpflichtungen nicht verlässlich erfüllt, bleibt sie ein fragiles Konstrukt – erfolgreich in der operativen Dimension, defizitär in der institutionellen. Das ist keine nachhaltige Position.
Quellen:
Titel: Geldwäsche-Verdacht: Razzia bei der Deutschen Bank
Link: https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/durchsuchung-geldwaesche-verdacht-razzia-bei-der-deutschen-bank-aktie-unter-druck-1544
Auszug: Razzia wegen Geldwäscheverdacht; Aktie unter Druck.
Titel: Deutsche-Bank-Aktie fällt zeitweise rund drei Prozent
Link:
https://www.upday.com/de/news/geldwasche-razzia-deutsche-bank-aktie-fallt-zeitweise-rund-drei-prozent/6bhw1ce
Auszug: Aktienrückgang nach Razzia-Nachrichten.
Titel: Deutsche Bank meldet Rekordzahlen
Link:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/deutsche-bank-meldet-rekordzahlen-a-66dd9eeb-991c-448b-9f28-5eb2cdf9d390
Auszug: Bericht über Rekordbilanz 2025.
Titel: BKA Durchsuchung: Wie die Razzia das Glaubwuerdigkeitsproblem der Deutsche Bank offenbart
Link: https://www.wiwo.de/unternehmen/banken/bka-durchsuchung-wie-die-razzia-das-glaubwuerdigkeitsproblem-der-deutsche-bank-offenbart/
Auszug: Analyse der Razzia und Imageprobleme.
Titel: Deutsche Bank meldet Rekordgewinn – Ermittlung wegen Geldwäsche
Link: https://www.t‑online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101105324/deutsche-bank-meldet-rekordgewinn-ermittlung-wegen-geldwaesch …
Auszug: Rekordgewinn trotz Ermittlungen.
