Die EZB will mit dem digitalen Euro ins Retail-Geschäft einsteigen. Ein akademisches Paper zeigt nun systematisch, warum das Design fundamental fehlerhaft ist. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Eine Institution, die für Geldpolitik konzipiert wurde, soll plötzlich Millionen Endkunden bedienen, Echtzeit-Infrastruktur betreiben und Cyber-Angriffe abwehren. Die organisationale DNA der EZB ist dafür nicht geschaffen. Ein Scheitern hätte verheerende Folgen, der Nutzen wäre gering.
I.
Die Arbeit von Gütschow, Sander und Friese erschien im Januar 2026 auf arXiv und trägt den nüchternen Titel “Digital Euro FAQs Revisited”. Was nach einer technischen Detailkritik klingt, ist in Wahrheit eine systematische Dekonstruktion dessen, was die Europäische Zentralbank unter einem digitalen Euro versteht. Die Autoren arbeiten sechs zentrale Problembereiche heraus: Privacy-Versprechen, die nicht eingehalten werden können, technische Machbarkeitsbehauptungen, die fundamentalen Gesetzen der Computerwissenschaft widersprechen, ungeklärte rechtliche Haftungsfragen, fehlende ökonomische Anreize für die beteiligten Akteure, kein erkennbarer gesellschaftlicher Nutzen gegenüber bestehenden Systemen, und einen intransparenten, exklusiven Governance-Prozess, der alternative Designs systematisch ignoriert.
Man könnte diese Kritikpunkte als technische Einzelheiten abtun, als Perfektionismus von Akademikern, die nie die Wirklichkeit politischer Entscheidungsprozesse erlebt haben. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Die Arbeit dokumentiert nicht nur Gestaltungsfehler, sondern offenbart ein grundlegendes Problem. Die EZB wird mit einer Aufgabe betraut, für die sie ihrem Wesen nach nicht geeignet ist und sich auch nicht umbauen kann.
II.
Die organisationale DNA einer Zentralbank ist geprägt durch ihre historische Funktion: Geldpolitik und Finanzstabilität. Ihre Kernkompetenzen liegen in makroökonomischer Steuerung, systemischer Risikoüberwachung, regulatorischer Autorität und diskreter Expertinnen-Deliberation. Entscheidungen reifen über Wochen und Monate, werden in geschlossenen Gremien getroffen, betreffen professionelle Marktteilnehmer, die die Logik der Institution verstehen. Die Fehlertoleranz ist relativ hoch: Eine geldpolitische Entscheidung kann revidiert, ein regulatorischer Kurs korrigiert werden.
Ein digitaler Euro für Endkundinnen würde diese Institution in etwas völlig anderes verwandeln: einen Betreiber kritischer Echtzeit-Infrastruktur für Millionen Menschen. Die Zeitskala verschiebt sich von Wochen zu Millisekunden. Die Fehlertoleranz geht gegen Null. Jeder Ausfall ist sofort öffentlich sichtbar. Die Stakeholder sind keine Banken mit Compliance-Abteilungen, sondern normale Bürgerinnen, die erwarten, dass es “einfach funktioniert” wie PayPal oder Apple Pay.
Was bedeutet das konkret? Ein Samstagabend um zwanzig Uhr: Zwei Millionen Menschen wollen gleichzeitig bezahlen, weil die Bundesliga-Spiele vorbei sind, Kinovorstellungen starten, Restaurants Rechnungen ausstellen. Das System muss in unter zweihundert Millisekunden antworten. Parallel läuft ein DDoS-Angriff. In Italien fällt ein Datacenter aus. Ein Zero-Day-Exploit in der Wallet-Software wird auf Twitter geteilt. Der Support erhält zehntausend Anrufe pro Stunde. Wer in der EZB ist darauf vorbereitet? Welche Abteilung hat die Kompetenz, in dieser Geschwindigkeit zu reagieren?
Die EZB hat Erfahrung mit TARGET2, dem Interbanken-Clearing-System. Aber das ist ein fundamental anderes Geschäft: etwa tausend professionelle Teilnehmer, klare Regeln, vorhersehbare Volumina, geschlossene Netzwerke. Ein Retail-System bedeutet: vierhundertfünfzig Millionen potentielle Nutzerinnen, unpredictable Nutzungsmuster, Millionen von Endgeräten außerhalb jeder Kontrolle, permanente Angriffsfläche für Phishing, Malware, Social Engineering…
