Das Elend der deutschen Banken im digitalen Zahlungsverkehr

Von Ralf Keuper

Schonungsloser und zutreffender als Jochen Siegert in Versuche deutscher Banken und Sparkassen seit mehr als 20 Jahren Relevanz im digitalen Zahlungsverkehr zu erhalten – eine Infografik kann man das Elend kaum darstellen. Trotzdem dürfte dem einen oder anderen während der Lektüre sowie bei der Betrachtung der Infografiken wortwörtlich “der Kitt aus der Brille fallen”.

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzufügen. Dennoch fiel mir eine PR-Meldung ins Auge, die das Dilemma der letzten Jahre verdeutlicht. Und zwar der Beitrag Warum Apple vor einem Flop stehen könnte, aus Anlass der Einführung von Apple Pay vor fünf Jahren. Die Überzeugung der hiesigen Banken und Medien seinerzeit war, dass Apple an den deutschen Banken ohnehin nicht vorbei kommen würde. Erst wenn die Banken und Sparkassen geruhen würden, Apple die Hand zu reichen, hätte Apple Pay überhaupt eine Chance auf den Markteintritt. Dass der Kunde letztlich den Ausschlag geben würde und lieber auf seine Bank als auf sein Smartphone verzichtet, auf diese Idee kamen die Banken damals und z.T. auch heute noch nicht. Das Machtbeben im Banking, dessen Auslöser Apple Pay war, und dem bis heute noch weitere Paukenschläge (Apple Card, Sign in with Apple) folgen sollten und noch folgen werden (nicht nur von Apple, man denken an Libra/Calibra), wurde ignoriert. Die Ansicht war weit verbreitet, dass BigTech an den Banken nicht vorbei kommt; dabei wurde übersehen, dass es sich gerade andersherum verhält: Die Banken kommen nicht mehr an BigTech vorbei. Sie haben über die Jahre ihre digitale Souveränität eingebüßt – sie sind – ob sie es nun wahrhaben wollen oder nicht – abhängig von Apple, Google, facebook, Alibaba & Co. Diese Erfahrung mussten zuletzt die Sparkassen machen. Dort war man doch tatsächlich der Überzeugung, Apple dazu zwingen zu können, seine NFC-Schnittstellen freizugeben. Es lief letztlich in die genau entgegengesetzte Richtung: Die Sparkassen gingen vor Apple in die Knie.

Das Elend im Zahlungsverkehr wiederholt sich nun bei der digitalen Identifizierung. Hier greifen die Banken auf das bewährte Verfahren zurück, es im Alleingang zu versuchen. Dass sich der Markt grundlegend gewandelt hat und hier in globalen Dimensionen gedacht und gehandelt wird, hat sich bislang noch nicht in den Banken herumgesprochen. Während fast alle anderen Länder Europas schon längst den Schulterschluss zwischen Regierung, Banken und Telkos vollzogen haben, wurschtelt hierzulande jede Bankengruppe für sich selbst. Egal, was am Ende dabei heraus kommt, es ist zu klein – und zu spät.

Was daran nachdenklich stimmt, ist die unglaubliche Lernresistenz. Wenn es zutrifft, dass die handelnden Personen weitestgehend noch immer dieselben sind, dann leuchtet der Beitrag Chefs von gestern führen die Bank von morgen um so mehr ein. Oder mit den Worten des Organisationsforschers Karl Weick: In den deutschen Banken und Sparkassen bewegt man sich in “gestalteten Umwelten“, in einer konstruierten Wirklichkeit. Man weigert sich deutlich hartnäckiger als in anderen Ländern, die eigenen Annahmen über die Welt da draußen einem Test mit der Umwelt zu unterziehen. Eisern hält man an der überkommenen Branchenlogik fest.

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