Bankiers verstehen nur selten von den Unternehmen genug, die siie beaufsichtigen und beraten sollen (Edzard Reuter)


Eine alte Faustregel besagt, dass Bankiers nur selten von den Unternehmen genug verstehen, die sie beaufsichtigen und beraten sollen.

Das trifft genauso auf den Bereich der Industrie im engeren Sinne wie auf Dienstleistungen zu. Die Erklärung liegt darin, dass jede Unternehmensführung zwei Dimensionen hat: das intellektuelle Durchdringen des für ein erfolgreiches Wirken benötigten Einsatzes von Menschen, Maschinen und Geld, zugleich aber, und das ist ganz und gar unverzichtbar, das nur aus unmittelbarer Nähe entstehende Wissen um die Märkte und die potentiellen Kunden eines Unternehmens wie auch um die Menschen, die in aller Welt dafür arbeiten. Das erste mag man mit gesundem Menschenverstand wenigstens einigermaßen beherrschen; das zweite erfordert ein Einfühlungsvermögen, das nicht auf Hörensagen, sondern nur auf konkretem Wissen beruhen kann.

Genau hier aber liegt das Problem: Viele Bankiers verwechseln jenes Hörensagen, das ein unverzichtbarer Bestandteil ihres eigenen Metiers ist, mit den wohlbegründeten Kenntnissen, die erforderlich sind, um daraus Beurteilung und Rat abzuleiten. Die Folge ist oft genug jenes auch für manche Unternehmensberater charakteristische Bestreben, sich selbst auf keinen Fall auf Entscheidungen festlegen zu lassen, die Risiken beinhalten. Hinter vorgehaltener Hand alles besser zu wissen, wiegt leicht, dafür womöglich haftbar gemacht zu werden, schon schwerer. …

Alfred Herrhausen war eine der Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Innerhalb der Deutschen Bank galt er nicht zuletzt deswegen als Außenseiter, weil er ursprünglich aus einem Unternehmen der Energieversorgung kam. Weit mehr als die zwangsläufig auch bei ihm nur begrenzt vorhandenen spezifischen Erfahrungen in der verarbeitenden Industrie unterschied ihn allerdings der Mut, sich festzulegen, von vielen seiner Kollegen – zumal er verstanden hatte, dass dafür die Bereitschaft unerlässlich ist, sich intensiv und in Ruhe mit den sachlichen wie personellen Problemen vertraut zu machen, anstatt sich auf sein Gefühl zu verlassen, wes es manches Mal eher am Stammtisch beheimatet sein mag.

Quelle: Schein und Wirklichkeit. Erinnerungen

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