“Banken und Finanzdienstleistern durch kreative Ideen einen echten Vorsprung verschaffen” – Interview mit Frank Wolff (fincrowd.one)  

Frank Wolff

Wenn es um die Zukunft ihres Geschäftsmodells geht, tun sich die Banken für gewöhnlich schwer, Impulse von außen aufzunehmen. In Zeiten, in denen sich das Wettbewerbsumfeld in bislang nicht gekanntem Ausmaß ändert, ist diese Haltung waghalsig. Die Fintech-Startups sind eine Antwort auf die Versäumnisse der Vergangenheit. Branchenfremde Mitbewerber wie Google oder Amazon sind durchaus in der Lage, mit den Banken in direkte Konkurrenz zu treten. Die Plattformökonomie hat ihre eigenen Gesetze, denen sich die Banken nicht (mehr) entziehen können. Geschlossene Systeme, die im eigenen Saft schmoren, werden bald vom Markt verschwinden oder in den Hintergrund gedrängt. Die Zufuhr frischer Ideen, die Bereitschaft die eigenen Annahmen infrage zu stellen, ist der Kern von Open Innovation. Entsprechende Initiativen im Banking sind noch rar gesät. Eine Ausnahme in fincrowd.one in der Schweiz. Im Gespräch mit Bankstil erläutert Frank Wolff (Foto), Gründer von CROWDWERK.net, welche Vorteile Open Innovation Communities für Banken und deren Kunden bieten, welche Vorreiter es in der Schweiz auf dem Gebiet bereits gibt, wie die Banken ihre Rolle als Intermediäre erneuern können und inwieweit sich das Banking in den nächsten Jahren verändern wird. 

  • Frank, was ist fincrowd.one, welche Motivation steht dahinter?

fincrowd ist eine Open Innovation-Community speziell für Banking, Finance und Fintech – es geht also darum, mit einer grossen Gruppe von Leuten Ideen zu entwickeln für die brennenden Fragestellungen aus diesem Segment. Das geschieht in offenen sogenannten Crowdstormings, bei denen die besten Ideen anschliessend mit einer Prämie verdankt werden. Nicht ausgeschlossen ist, dass es im Anschluss an die Crowdstormings zu weiteren Kontakten und Projekten zwischen Auftraggeber und Ideengeber kommt. fincrowd basiert auf der CROWDWERK-Plattform mit rund 1’300 Mitgliedern und jeder kann sich der Community anschliessen.

  • Warum ist das Thema Open Innovation für das Banking relevant – was haben Banken, deren Kunden und die Ideengeber davon?

Das Banking steckt – auch wenn das nicht alle Bänker so sehen – in einer fundamentalen Krise: Derzeit kann keiner sagen, ob es morgen Banken heutiger Machart noch geben wird. So wie die Herausforderungen selbst kommen wohl auch die Lösungen dafür nicht von innen, weil es nicht in den Genen von Banken liegt ihre eigenen Geschäftsmodelle über den Haufen zu werfen. Es braucht Ideen von aussen – am besten von Menschen, die (wie Henry Ford das mal gesagt hat) “noch nicht wissen, was nicht geht”.

  • Wie kann man sich ein Projekt vorstellen – welche Varianten gibt es?

Am Anfang eines Projektes steht eine klar formulierte Aufgabenstellung – ein Beispiel könnte die Frage nach der künftigen Gestaltung der Grossstadt-Bankfiliale einer Retailbank sein. Dazu wird die Prämie für die besten Ideen sowie die Siegbedingung festgelegt – und dann startet die Crowd mit der Entwicklung von Ideen. Das ganze kann für alle sichtbar oder verdeckt, ausführlich oder stichwortartig und mit beliebiger Laufzeit und frei wählbarem Teilnehmerkreis stattfinden. Besonders spannend ist es, Crowdstormings gezielt mit verschiedenen Gruppen durchzuführen – eine Ideensammlung mit einer buntgemischten Gruppe beispielsweise und einer anschliessenden Evaluation der Ideen durch eine Expertengruppe von Retailbänkern.

  • Besteht nicht die Gefahr, dass hier ein ausgelagertes Betriebliches Vorschlagswesen entsteht, das eine Alibi-Funktion übernimmt?

Augelagertes betriebliches Vorschlagswesen: ja, Alibi-Funktion: hoffentlich nein. Tatsächlich hat ein internes Vorschlagswesen oft eine Alibi-Funktion – vielleicht ist es aber gerade der Schritt nach draussen, der ein grösseres Mass an Ernsthaftigkeit und Umsetzungswillen mit sich bringt. Hat man erst einmal die Öffentlichkeit in die Ideenfindung eingebunden, steigt auch der Anreiz für eine pubikumswirksame Umsetzung.

  • Verfügen die Banken überhaupt über eine entsprechende Diskussionskultur bzw. Aufnahmefähigkeit- und bereitschaft – gibt es positive Beispiele?

Ja, es gibt solche positiven Beispiele: Hier in der Schweiz haben wir mit der “Hypi Lenzburg”, der Glarner Kantonalbank und neuerdings auch der Bank Cler einige Beispiele, die bereit sind bestehende Modelle in Frage zu stellen und für neue Lösungen Opfer zu bringen. Bei vielen anderen Banken dagegen haben Digitalisierungsprojekte einen ganz offensichtlichen Feigenblatt-Charakter: Man kann es sich nicht leisten nichts zu tun – also mischt man irgendwie mit. Bewegt wird dadurch aber gar nichts.

  • Die Rolle der Banken als Informations- und Finanzintermediäre ist in Auflösung begriffen – welche alternativen Geschäftsmodelle bleiben da noch?

Spannende Frage, mit der sich jede Bank beschäftigen sollte! Die Antwort ist alles andere als trivial und sollte wohl auf den Stärken von heute beruhen: Vertrauen und bestehende Kundenkontakte. Wir gehen genau dieser Frage in einem gerade laufenden Crowdstorming auf der Plattform nach. Aktuelles Zwischenfazit: An kreativen Ideen mangelt es nicht!

  • Die Schweizer Banken stehen für ein besonders hohes Maß an Diskretion – wie kann dieser Standortvorteil in die digitale Ökonomie überführt werden?

Davon bin ich überzeugt. Vertrauen und Vertraulichkeit werden im digitalen Zeitalter eine noch viel stärkere Rolle spielen. Hier haben die Schweizer Banken – nicht zuletzt wegen ihres Standortes auf einer “europäischen Insel” – beste Voraussetzungen, die es nun in die neue Welt zu übertragen gilt.

  • Könnte die Einführung eines Eigentums an den Daten, sowohl für Personen wie auch für Unternehmen, zu neuen Formen des Banking führen?

Wenn wir davon ausgehen, dass Daten eine der zentralen Ressourcen der Zukunft – eigentlich schon der Gegenwart – sind, wäre eine Art Data Banking durchaus die konsequente Weiterentwicklung des Geschäftsmodells von Banken. Ganz von alleine wird sich das allerdings nicht einstellen: Die wirklich grossen Datenpools sind heute nicht bei den Banken sondern bei ganz anderen Gebilden zu finden. Die Banken brauchen clevere Modelle um sich hier eine Funktion als Intermediär zu sichern.

  • Frank, wie könnte das Banking in fünf Jahren aussehen – welchen Beitrag will fincrowd.one dazu leisten?

Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten fünf Jahren einen deutlichen Schrumpfungsprozess vor allem im Retail- und Filialbanking sehen – vorerst sorgen aber träge Kunden und (paradoxerweise) die strikte Regulierung noch für ein Weiterbestehen der Banken. Die fernere Zukunft sehe ich aber so: einerseits viele hochspezialisierte Serviceprovider, die einzelne Dienstleistungen (Kontoführung, Zahlungsverkehr, Portfolio Management usw.) extrem effizient, kostengünstig und vernetzt anbieten – und andererseits einige Finanzportale als Bindeglied zum Kunden, die dabei unterstützen die richtigen dieser Serviceprovider auszuwählen, für den Kunden zu bündeln und den Datenfluss zu koordinieren. Was wollen wir als fincrowd auf diesem Weg beitragen? Erstens Banken und Finanzdienstleistern, etablierte und neu gegründete, durch kreative Ideen einen echten Vorsprung auf dem Weg in die Zukunft zu verschaffen und zweitens allen fincrowdies, aktuellen und zukünftigen, die Möglichkeit geben einen aktiven Beitrag zur Transformation der Finanzbranche zu leisten.

  • Frank, besten Dank für das Gespräch.
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