Ein Ban­ker baut eine klei­ne Bank zur Groß­bank aus – mit mini­ma­len Reser­ven, maxi­ma­len poli­ti­schen Kon­tak­ten und einer Auf­sicht, die zusieht. Der Fall Ban­co Mas­ter ist kein bra­si­lia­ni­sches Exo­ti­kum. Er ist eine Lehr­stun­de in Regu­la­to­ry Cap­tu­re: wie Kon­troll­sys­te­me die Risi­ken pro­du­zie­ren, die sie zu ver­hin­dern behaup­ten. Eine Struk­tur­ana­ly­se jen­seits von Ver­haf­tun­gen und Heldenerzählungen.


I. Vor­be­mer­kung: Jen­seits des Personalkults

Der Fall Dani­el Vor­ca­ro und der Ban­co Mas­ter wird in der bra­si­lia­ni­schen Öffent­lich­keit – wie fast jeder gro­ße Finanz­skan­dal – als Hel­den­ge­schich­te mit nega­ti­vem Vor­zei­chen erzählt: ein ehr­gei­zi­ger Auf­stei­ger, kor­rup­te Hin­ter­zim­mer, spek­ta­ku­lä­re Ver­haf­tun­gen. Die­se Erzähl­form erklärt nicht, war­um ähn­li­che Kon­stel­la­tio­nen in so unter­schied­li­chen insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten wie Deutsch­land (Wire­card), den USA (SVB, Sil­ver­ga­te) oder Bra­si­li­en (Ban­co Pan­ame­ri­ca­no, 2010) immer wie­der ent­ste­hen. Der Fokus auf Per­so­nen ver­deckt die Struk­tu­ren, die sol­che Per­so­nen erst ermög­li­chen – und die nach ihrem Abgang unver­än­dert bestehen bleiben.

Das ana­ly­tisch Inter­es­san­te am Ban­co-Mas­ter-Fall ist nicht die indi­vi­du­el­le Ver­feh­lung, son­dern die Kon­stel­la­ti­on: Wie kann eine Bank mit mini­ma­len Reser­ven (4 Mio. Reais bei einer Bilanz­sum­me im zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­reich) jah­re­lang unter regu­la­to­ri­scher Auf­sicht ope­rie­ren? Was sagt das über die Funk­ti­ons­lo­gik des bra­si­lia­ni­schen Finanz­sys­tems – und über sys­te­mi­sche Risi­ken, die weit über Bra­si­li­en hinausweisen?


II. Regu­la­to­ry Cap­tu­re: Struk­tur, nicht Ausnahme

Das Kon­zept des Regu­la­to­ry Cap­tu­re – die schlei­chen­de Über­nah­me von Auf­sichts­be­hör­den durch die Inter­es­sen der Beauf­sich­tig­ten – wur­de von Geor­ge Stig­ler (1971) und Richard Kolko für die ame­ri­ka­ni­sche Regu­lie­rungs­ge­schich­te ent­wi­ckelt, gilt aber als uni­ver­sa­les Mus­ter insti­tu­tio­nel­ler Defor­ma­ti­on. Luh­mann wür­de es als Fol­ge struk­tu­rel­ler Kopp­lung beschrei­ben: Wenn zwei Funk­ti­ons­sys­te­me (Wirt­schaft und Recht/​Politik) dau­er­haft auf­ein­an­der ange­wie­sen sind, ent­ste­hen Inter­pe­ne­tra­ti­ons­zo­nen, in denen die Eigen­lo­gik des einen Sys­tems die des ande­ren infiltriert.

Im Fall Ban­co Mas­ter zei­gen sich drei klas­si­sche Capture-Mechanismen: