B2B-Banking ohne Banken #2

Von Ralf Keuper

Mit der Verbreitung großer B2B-Plattformen, wie von Alibaba und Amazon, sind Banken in ihrer heutigen Formen für die Geschäftsabwicklung kaum noch nötig – allenfalls noch im Back End und für die Regulatorik (Vgl. dazu: B2B-Banking ohne Banken). Zu lange haben die Banken es versäumt, mittels eigener Standards und Lösungen im B2B-Segment Flagge zu zeigen (Vgl. dazu: B2B-Plattformen – eine weitere verpasste Chance der Banken). Heute sind die großen digitalen Plattformen der de-facto-Standard, an dem kaum noch ein Unternehmen oder eine Branche vorbei kommen (Vgl. dazu: Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” #1).

Bei der European Banking Association versucht man nun, verloren gegangenes Terrain zurückzugewinnen, wie aus Euro Banking Association calls for collaboration on B2B data sharing; sets out strategic goals hervorgeht.

Darin wird Vincent Brennan, head of group operations and payments der Bank of Ireland, mit den Worten zitiert:

Our analysis confirms that in order to truly drive innovative data propositions, digital consent management and a standardisation of data exchange are required. This will support secure and controlled accessibility of data at scale and with explicit consent given by the data owners, enabling banks and other service providers to address the emerging needs of business customers. While this may be achieved by individual banks, there is also an opportunity for industry collaboration as the set-up of digital consent management and the exchange of data requires trusted relationships amongst multiple parties.

Erst vergangene Woche regten die Chefs der ING Group und der BBVA die Etablierung der Blockchain als de-facto Standard für das Banking an, dem sich kein Marktteilnehmer mehr entziehen könne (Vgl. dazu: Blockchain – der Barcode des Banking?).

Bislang jedenfalls sind die Standards im Banking bestenfalls Stückwerk geblieben – aus unterschiedlichen Gründen. Eine Ursache ist, dass durchgängige Standards für mehr Transparenz und Wettbewerb im Banking sorgen, was nicht unbedingt im Interesse aller Banken ist (Vgl. dazu: Barcode-Lektionen für das Banking).

Wenn die B2B-Plattformen schon jetzt – im Prinzip – ohne wesentliche Beteiligung der Banken auskommen – warum sollten sie eine zusätzliche Instanz, die für Reibungsverluste und Integrationsaufwand sorgt und zudem noch ihren Service bezahlt haben möchte, am Spiel teilnehmen lassen? Könnten Funktionen wie digital consent management und data exchange nicht durch andere Anbieter erledigt werden – z.B. durch den Einsatz der Blockchain-Technologie bzw. der Distributed Ledger Technologies – man denke an IOTA, Streamr oder die zahlreichen anderen Anbieter aus dem Umfeld der Datenaustausch-Plattformen, wie AVDEX von Bigchain und Toyota? Oder durch Datengenossenschaften, die von den beteiligten Unternehmen gegründet werden?

Die Unternehmen sind nicht auf die Banken oder andere klassische Intermediäre angewiesen, um mit ihren Kunden durch den Austausch von Informationen und Daten in Kontakt zu kommen, wie u.a. in Who Will Control Data Sharing In Web-Connected Vehicles? berichtet wird. Der Beitrag erwähnt die Datenservice-Plattform Otonomo, die als neutrale Instanz zwischen den Autoherstellern und den Fahrern vermitteln will.

In Deutschland verfolgt die Initiative MyCarMyData einen ähnlichen Ansatz. In der Landwirtschaft wäre der agrirouter zu nennen.

Für Banken mit ihren komplexen Strukturen und ihrem Overhead ist in diesem Umfeld kein Bedarf – wenngleich die Idee der European Banking Associationen durchaus Charme hat – nur kommt sie um Jahre zu spät. Sie passt nicht mehr in eine Welt, die von großen digitalen Plattformen, der Industrie 4.0 mit der Möglichkeit zur Losgröße 1 und dezentralen Technologien, wie der Blockchain, geprägt ist.

Wenn Technologiekonzerne wie Samsung mit ihrer Nexledger-Plattorm, deren zentrales Element ein Service für Digitale Identitäten ist, sich global durchsetzen sollten, dann wird die Luft für Banken noch dünner. Amazon, Samsung, Apple, Alibaba & Co. verfügen über zahlreiche strategische Vorteile, da sie Software und Hardware aus einer Hand anbieten können. Sie decken irgendwann (wie Alibaba heute schon) die komplette Wertschöpfungskette ab. Die Daten, die ihnen dabei zufallen, können sie im Idealfall dafür nutzen, selber in die Produktion von Maschinen oder anderen Investitionsgütern einzusteigen.

In Cognitive Hyperconnected Digital Transformation. Internet of Things Intelligence Evolution heisst es:

It may be worth making a distinction between IoT for consumers and Industrial IoT with the first covering smart phones, fitness tracking tools etc. and the second being exploited in areas such as smart factories, smart health care etc. However, the borderline between consumer and industry is blurred as machine data allow to extract personal information. Fast advances are being made in the consumer world and a question is how this can drive innovation in the industrial space.

The industrial IoT domain summarizes everything what is outside the classical consumer domain with a strong emphasis on B2B business. In general, there is a convergence of consumer and industrial internet. We see signs of “consumerization”, for instance, in the home market through the appearance of voice control appliances like Amazon’s Alexa or Apples Homepad. Also, it is typically the case in the automotive industry in which consumer and industrial platforms are merging the concept of connected and automated driving.

Das läuft auf ein neues Betriebssystem für die globale Wirtschaft hinaus. Diese Entwicklung hat einige Parallelen zum Beginn der Industrialisierung vor ca. 150 Jahren. Die Karten werden neu gemischt. Das gilt nicht nur für die Banken.

Auch in Zukunft werden Institutionen benötigt, die das Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern auf Basis sicherer digitaler Identitäten herstellen und das Clearing im Datenaustausch übernehmen. Das müssen jedoch keineswegs Banken im heutigen Sinne sein. Das werden neuartige Organisationsformen sein, wie Data Bank, Identity Banks oder Datengenossenschaften. Ein Trend, der sich noch verstärken wird, sollte der Eigentumsbegriff auf die Daten ausgedehnt werden.

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