Im März 2018 ver­öf­fent­lich­te Goog­le die Ent­wick­lung eines 72-Qubit-Quan­ten­com­pu­ters. Damals frag­te Bank­stil: Kön­nen Quan­ten­com­pu­ter Bit­co­in und die Block­chain obso­let machen? Die Ant­wort war vor­sich­tig opti­mis­tisch – es wür­de “eher Jahr­zehn­te als Jah­re” dau­ern. Acht Jah­re spä­ter zeigt sich: Die War­nun­gen waren prä­zi­se, die Time­line wur­de unter­schätzt, und deut­sche Finanz­in­sti­tu­te haben immer noch kei­ne belast­ba­re Strategie.


Der Citi-Report “Quan­tum Thre­at” quan­ti­fi­ziert im Janu­ar 2026 ein Risi­ko von 2−3,3 Bil­lio­nen US-Dol­lar bei einem Quan­ten­an­griff auf eine Top-US-Bank. Die Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich publi­ziert eine umfas­sen­de “Road­map” für Quan­tum-Rea­di­ness. Gleich­zei­tig erschei­nen aka­de­mi­sche Papers wie das Quan­tum-Resi­li­ent Pri­va­cy Led­ger (QRPL), die alle Pro­ble­me durch maxi­ma­le kryp­to­gra­phi­sche Kom­ple­xi­tät lösen wol­len. Und deut­sche Ban­ken? Schwei­gen. Kei­ne BaFin-Richt­li­nie, kei­ne Bun­des­bank-Time­line, kei­ne Sparkassen-Strategie.

Das Mus­ter ist bekannt: Frü­he War­nung trifft auf insti­tu­tio­nel­le Träg­heit, Sou­ve­rä­ni­täts-Rhe­to­rik mün­det in fak­ti­sche Abhän­gig­keit. Es ist Zeit, die struk­tu­rel­le Kon­ti­nui­tät die­ser Ver­säum­nis­se zu benennen.

Der pro­phe­ti­sche Moment von 2018

Als Goog­le im Früh­jahr 2018 sei­nen 72-Qubit-Quan­ten­com­pu­ter vor­stell­te, war die Auf­re­gung groß. Konn­te die­se Tech­no­lo­gie die Grund­la­gen moder­ner Kryp­to­gra­phie erschüt­tern? Wür­de Bit­co­in obso­let wer­den? Die dama­li­ge Bank­stil-Ana­ly­se iden­ti­fi­zier­te bereits die zen­tra­len Pro­ble­me: Deutsch­lands dro­hen­der Ver­lust des Anschlus­ses in der Quan­ten­tech­no­lo­gie, die Unvor­be­rei­tet­heit des Ban­ken­sek­tors, und die fun­da­men­ta­le Bedro­hung kryp­to­gra­phi­scher Systeme.

Beson­ders auf­schluss­reich waren die War­nun­gen deut­scher Wis­sen­schaft­ler. Die Aka­de­mien Leo­pol­di­na, Aca­tech und die Deut­sche Aka­de­mien­uni­on hat­ten bereits 2015 gemahnt, Deutsch­land kön­ne “beim Wett­ren­nen um Ver­schlüs­se­lungs­tech­nik der Zukunft inter­na­tio­nal den Anschluss ver­lie­ren.” Wolf­gang Schleich von der Uni­ver­si­tät Ulm for­mu­lier­te es dras­tisch: “Wenn wir jetzt nichts unter­neh­men, könn­te es am Ende dazu kom­men, dass wir Ver­schlüs­se­lungs­tech­nik aus Chi­na kau­fen müssen.”

Noch prä­zi­ser wur­de 2016 Tim Güney­su von der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum. In einem Inter­view beschrieb er das Pro­blem, das spä­ter als “Har­ve­st Now, Decrypt Later” (HNDL) bekannt wer­den soll­te: “Wenn jemand heu­te in der Lage ist, Gesund­heits­da­ten abzu­fan­gen und zwi­schen­zu­spei­chern, soll er sie auch in 15 Jah­ren mit dem Quan­ten­com­pu­ter nicht erfolg­reich ent­schlüs­seln kön­nen.” Ein deut­scher For­scher erkann­te 2016, was inter­na­tio­na­le Reports erst 2026 als drin­gen­des Risi­ko verkaufen.

Die Reak­ti­on? Man betrieb inten­si­ve For­schung – das Horst-Görtz-Insti­tut in Bochum, das Fraun­ho­fer-Insti­tut in Darm­stadt, das Helm­holtz-Zen­trum in Saar­brü­cken. Exzel­len­te For­schung, aber kei­ne kom­mer­zi­el­le Umset­zung. Das Mus­ter eta­blier­te sich früh.

Was seit­dem geschah: NIST setzt Stan­dards, Chi­na baut Hard­ware, Deutsch­land publi­ziert Papers

Wäh­rend Deutsch­land For­schungs­ein­rich­tun­gen auf­bau­te, stan­dar­di­sier­te das US-ame­ri­ka­ni­sche Natio­nal Insti­tu­te of Stan­dards and Tech­no­lo­gy (NIST) Post-Quan­tum-Kryp­to­gra­phie. Der Pro­zess begann 2016 und wur­de 2024 mit drei fina­len Stan­dards abge­schlos­sen: ML-KEM, ML-DSA und SPHINCS+. Wie bei TLS, HTTPS und X.509 wur­de ein US-Insti­tut zum glo­ba­len Stan­dard­set­zer. Euro­päi­sche For­scher par­ti­zi­pier­ten, aber NIST setz­te den Standard.

Chi­na inves­tier­te Mil­li­ar­den in Quan­ten­hard­ware. Der Mici­us-Satel­lit demons­trier­te 2016 Quan­tum Key Dis­tri­bu­ti­on über 1.200 Kilo­me­ter. Die Jiuz­hang- und Zuchong­zhi-Pro­zes­so­ren erreich­ten beein­dru­cken­de Qubit-Zah­len. Aber – und das ist die Poin­te – Chi­na domi­niert Hard­ware, nicht Stan­dards. NIST-Algo­rith­men wur­den von west­li­chen Teams entwickelt.

Die iro­ni­sche Wen­dung: Wolf­gang Schleichs Befürch­tung (“Ver­schlüs­se­lungs­tech­nik aus Chi­na kau­fen”) trat nicht ein. Statt­des­sen kau­fen deut­sche Ban­ken PQC-as-a-Ser­vice von AWS, Azu­re und Goog­le Cloud. Nicht chi­ne­si­sche Abhän­gig­keit, son­dern US-…