Fritz Butschkau (1901–1971) zählt zu den Personen, die außerhalb der Sparkassenorganisation heute kaum noch bekannt sind, deren institutionelle Spuren aber bis in die Gegenwart reichen. Von 1953 bis 1968 war er erster Präsident des neu gegründeten Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), der bis heute als Dachverband der deutschen Sparkassenorganisation fungiert. Zugleich war er fast vier Jahrzehnte lang in Führungspositionen der rheinischen Girozentrale tätig – über den Übergang vom NS-Staat zur Bundesrepublik und bis in die beginnende europäische Integration hinein. Gerade diese Kontinuität, mehr als einzelne Karrierestationen, macht ihn zu einem aufschlussreichen Fall für die Frage, wie personelle und institutionelle Kontinuität in der deutschen Bankenlandschaft nach 1945 tatsächlich funktionierte.
Geboren am 13. März 1901 in Wilmersdorf bei Berlin als Sohn eines Bankbeamten, studierte Butschkau vier Semester an der Handelshochschule Berlin und anschließend bis 1925 Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Friedrich-Wilhelm-Universität. Seine Laufbahn begann als Verbandsreferent beim Rheinischen Sparkassen- und Giroverband in Düsseldorf. Im Juli 1931 nahm er dort an einer Besprechung teil, in der über die Umwandlung der Kölner Landesbankzweigstelle in eine Filiale der Deutschen Girozentrale (DGZ), dem damaligen Spitzeninstitut der Sparkassenorganisation, entschieden wurde – und lernte bei dieser Gelegenheit Konrad Adenauer kennen, den damaligen Kölner Oberbürgermeister und Verwaltungsratsvorsitzenden der Landesbank der Rheinprovinz. Im August 1931 übernahm Butschkau selbst die Leitung der neuen DGZ-Filiale in Köln.
Zum 1. Mai 1933 trat Butschkau der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.139.281) – jenem Stichtag, an dem die Partei nach dem massenhaften Zulauf der sogenannten Märzgefallenen eine mehrjährige Aufnahmesperre verhängte. Über die konkreten Beweggründe ist aus den verfügbaren Quellen nichts bekannt; dokumentiert sind lediglich Datum und Mitgliedsnummer selbst.
Im April 1935 wechselte er als ordentliches Vorstandsmitglied zur neu gegründeten Rheinischen Girozentrale und Provinzialbank – einem Institut, das im Zuge der NS-Neuordnung des Sparkassenwesens entstand. Was zwischen 1935 und Kriegsende konkret mit seiner Position geschah, lässt sich aus der öffentlich zugänglichen Quellenlage nicht rekonstruieren. Für die Zeit unmittelbar nach 1945 ist dagegen eine Fortsetzung seiner Verbandslaufbahn dokumentiert: Nach Angaben des DSGV selbst amtierte Butschkau von 1945 bis 1953 als Geschäftsführender Direktor der Nachkriegsorganisation, bevor er 1953 zum ersten Präsidenten des neu gegründeten Deutschen Sparkassen- und Giroverbands aufstieg. 1951 übernahm er parallel dazu den Vorstandsvorsitz der Rheinischen Girozentrale sowie die Präsidentschaft der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sparkassen- und Giroverbände, aus der 1953 der DSGV hervorging.
Als DSGV-Präsident stellte Butschkau nach Angaben der Börsen-Zeitung die Themen Geldwertstabilität und Inflationsbekämpfung in den Mittelpunkt seiner Arbeit – Prioritäten, die sich mit den beiden Büchern decken, die er in dieser Zeit veröffentlichte: “Aufbauwille und Leistung der deutschen Sparkassen” (1950) und “Die Sparkasse im Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft” (1963). Beide Titel transportieren bereits im Namen die Selbstbeschreibung der Sparkassenorganisation als Trägerin des Wiederaufbaus.
Ab 1958 vertrat Butschkau die Sparkassenorganisation zugleich auf europäischer Ebene: Bis 1966 war er Mitglied des Wirtschafts- und Sozialausschusses der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), von 1963 bis 1966 zusätzlich Leiter der EWG-Sparkassenvereinigung. Er gehörte damit zu den frühen Vertretern des deutschen öffentlich-rechtlichen Bankensektors in der beginnenden europäischen Integration, zu einer Zeit, in der die heutigen Fragen europäischer Finanzarchitektur noch in weiter Ferne lagen. 1966 wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Im Juni 1968 ging Butschkau in den Ruhestand. Ein Jahr später, am 1. Januar 1969, fusionierte die Rheinische Girozentrale, deren Vorstandsvorsitz er fast zwei Jahrzehnte innehatte, mit der westfälischen Landesbank zur Westdeutschen Landesbank Girozentrale (WestLB) – jenem Institut, das gut vier Jahrzehnte später, 2012, im Zuge der Finanzkrise abgewickelt wurde. Zwischen Butschkaus Ausscheiden und der Abwicklung liegen mehrere Reorganisationen, ein vollständig anderes Führungspersonal und ein grundlegend verändertes Geschäftsmodell; eine direkte ursächliche Linie lässt sich daraus nicht ableiten. Als institutioneller Befund bleibt aber bemerkenswert, dass eine der beiden Keimzellen der späteren WestLB über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren von derselben Person geführt wurde, bevor die Fusion die Struktur grundlegend veränderte.
1969, ebenfalls im Jahr nach seinem Ausscheiden, wurde die Eberle-Butschkau-Stiftung mit Sitz in Bonn gegründet, benannt nach Butschkau und Johann Christian Eberle. Sie fördert bis heute die Aus- und Weiterbildung von Nachwuchskräften der Sparkassen-Finanzgruppe außerhalb der eigenen Organisation, über ein Kollegsystem an mehr als 30 Hochschulstandorten – eine der wenigen noch aktiven institutionellen Spuren, die unmittelbar an seinen Namen geknüpft sind. Butschkau starb am 10. Oktober 1971 in Düsseldorf, drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt.
Ralf Keuper
Quellen
- Fritz Butschkau – Wikipedia
- Deutscher Sparkassen- und Giroverband – Wikipedia
- Eberle-Butschkau-Stiftung – Wikipedia
- WestLB – Wikipedia
- Deutsche Biographie – Butschkau, Fritz
- Börsen-Zeitung: Ein Jahrhundert der Umbrüche
