Ein neu­es Paper von Hen­ry Han (Bay­lor Uni­ver­si­ty) argu­men­tiert, dass die ent­schei­den­de Hür­de beim Ein­satz auto­no­mer KI im Finanz­we­sen nicht die Leis­tungs­fä­hig­keit der Model­le ist, son­dern deren Über­prüf­bar­keit. Neun Modell­ver­sio­nen und drei Stu­di­en spä­ter steht ein unbe­que­mer Befund: Selbst deter­mi­nis­ti­sche Kre­dit­mo­del­le kön­nen ihre eige­nen his­to­ri­schen Ent­schei­dun­gen nicht mehr rekon­stru­ie­ren – und die Kon­trol­le über die ent­schei­den­den Repro­duk­ti­ons­pa­ra­me­ter liegt ohne­hin beim Anbie­ter, nicht bei der Bank.


Wenn eine Bank einer KI die Befug­nis über­trägt, auto­nom Kre­di­te zu ver­ge­ben oder Trades aus­zu­füh­ren, ent­steht eine Ver­pflich­tung, die über den Moment der Ent­schei­dung hin­aus­reicht: Sie muss im Nach­hin­ein zei­gen kön­nen, war­um so ent­schie­den wur­de – und ob die­sel­be Ent­schei­dung unter den­sel­ben Bedin­gun­gen repro­du­zier­bar wäre. Genau an die­ser Stel­le setzt Hen­ry Han (Bay­lor Uni­ver­si­ty) mit sei­nem Paper Gover­ning Agen­tic AI in Fin­Tech” an. Sei­ne The­se: Nicht die Modell­leis­tung ist der Fla­schen­hals der Gover­nan­ce, son­dern das, was er die Veri­fia­bi­li­ty Gap nennt – die Dif­fe­renz zwi­schen der Veri­fi­ka­ti­on, die eine dele­gier­te Ent­schei­dungs­be­fug­nis eigent­lich ver­langt, und der Erklär­bar­keit bzw. Repro­du­zier­bar­keit, die man nach der Ent­schei­dung tat­säch­lich erhält.

Die The­se stützt sich auf drei Stu­di­en mit ins­ge­samt neun Modell­ver­sio­nen, von lokal betrie­be­nen 3‑Mil­li­ar­den-Para­me­ter-Model­len bis zu kom­mer­zi­el­len Fron­tier-Sys­te­men. Drei Befun­de sind für ein Bank­pu­bli­kum beson­ders aufschlussreich.

Ers­tens: Anbie­ter-Updates ver­än­dern his­to­ri­sche Finanz­ent­schei­dun­gen nach­träg­lich, weil die Kon­trol­le über die für einen Replay nöti­gen Para­me­ter – Tem­pe­ra­tu­re, Ran­dom Seed und Ähn­li­ches – beim Pro­vi­der liegt, nicht bei der Bank, die das Modell ein­setzt. Lokal betrie­be­ne Model­le lie­ßen sich unter stren­gen Kon­trol­len zu 100 Pro­zent repro­du­zie­ren; gehos­te­te Model­le schei­ter­ten dar­an teil­wei­se. Wer sein Kre­dit­ent­schei­dungs­sys­tem also bei einem exter­nen Anbie­ter bezieht, gibt damit auch einen Teil der eige­nen Audi­tier­bar­keit aus der Hand – unab­hän­gig davon, wie gut das Modell selbst rechnet.

Zwei­tens: Bei meh­re­ren zusam­men­ge­schal­te­ten Agen­ten wirkt die Art der Orches­trie­rung als eine Art ver­deck­te Poli­cy-Ebe­ne. Archi­tek­tur­än­de­run­gen in der Ver­schal­tung führ­ten in Hans Stu­die 2 zu ande­ren Ent­schei­dun­gen, kei­ne Kon­fi­gu­ra­ti­on war über alle Aus­füh­run­gen hin­weg iden­tisch repro­du­zier­bar. Bemer­kens­wert ist die Ent­kopp­lung von Fähig­keit und Kon­trol­lier­bar­keit: Ein leis­tungs­fä­hi­ge­res Modell lie­fert einen bes­se­ren Start­punkt, aber kei­ne bes­se­re Audi­tier­bar­keit. Gover­nan­ce lässt sich hier also nicht ein­fach durch bes­se­re Model­le nachrüsten.

Drit­tens, und am unbe­quems­ten: Selbst deter­mi­nis­ti­sche Kre­dit­mo­del­le konn­ten in Stu­die 3 eine his­to­ri­sche Ent­schei­dung nicht mehr exakt wie­der­her­stel­len, obwohl sie ihre aktu­el­len Aktio­nen per­fekt repro­du­zier­ten. Deter­mi­nis­mus im Jetzt schützt also nicht vor Ero­si­on der Nach­voll­zieh­bar­keit über die Zeit.

Aus die­sen Befun­den ent­wi­ckelt Han eine Theo­rie der evi­denz-kon­tin­gen­ten Dele­ga­ti­on. Zen­tral ist dabei eine Ver­schie­bung im Repro­du­zier­bar­keits­be­griff selbst: weg vom ein­fa­chen Ja/​Nein hin zu einem Pro­fil aus vier unter­scheid­ba­ren Zie­len – aktu­el­le Ergeb­nis-Repro­du­zier­bar­keit, his­to­ri­sche Ergeb­nis-Repro­du­zier­bar­keit, mate­ri­el­le Pro­zess-Repro­du­zier­bar­keit und exak­te Trace-Repro­du­zier­bar­keit. Die Poin­te des Papers liegt in der dar­aus abge­lei­te­ten Kon­se­quenz: Dele­gier­te Auto­ri­tät ist nur so lan­ge ver­tei­dig­bar, wie die tat­säch­lich erhal­te­ne Evi­denz ihre Aus­übung stüt­zen kann. Wird die Veri­fia­bi­li­ty Gap zu groß – lässt sich weder erklä­ren noch repro­du­zie­ren, war­um ent­schie­den wur­de –, erlischt die Legi­ti­mi­tät der auto­no­men Ent­schei­dung, unab­hän­gig davon, wie gut sie im Ergeb­nis war.

Für ein Bank­pu­bli­kum ist das mehr als eine aka­de­mi­sche Fein­heit. Regel­wer­ke wie das US-ame­ri­ka­ni­sche Modell­ri­si­ko­ma­nage­ment-Rund­schrei­ben SR 11–7 ver­lan­gen seit Jah­ren eine lücken­lo­se Nach­voll­zieh­bar­keit von Modell­ent­schei­dun­gen – ein Anspruch, der bis­lang meist an sta­ti­schen, deter­mi­nis­ti­schen Model­len ent­wi­ckelt wur­de. Hans Befund zeigt, dass agen­ti­sche Sys­te­me die­sen Anspruch struk­tu­rell unter­lau­fen kön­nen, ohne dass ein ein­zi­ges Modell dabei „schlecht” funk­tio­niert. Die Fra­ge, die sich dar­aus für die eige­ne Gover­nan­ce-Pra­xis stellt, ist ent­spre­chend nüch­tern: Nicht ob ein Agent gute Ent­schei­dun­gen trifft, son­dern ob eine Bank im Ernst­fall – Regu­la­tor, Gericht, inter­ne Revi­si­on – die Evi­denz lie­fern kann, die die getrof­fe­ne Dele­ga­ti­on über­haupt erst recht­fer­tigt. Wo die­se Evi­denz von der Archi­tek­tur des Sys­tems her struk­tu­rell nicht ent­steht, bleibt Gover­nan­ce ein nach­träg­li­ches Ver­trau­ens­ver­spre­chen statt eine beleg­ba­re Kontrolle.

Ralf Keu­per