Die Bun­des­bank bringt eine Inte­gra­ti­on des digi­ta­len Euro in die Wero-Wal­let ins Spiel – offi­zi­ell, um Reich­wei­te zu bün­deln, statt Par­al­lel­struk­tu­ren auf­zu­bau­en. Das klingt nach der Ver­söh­nung zwei­er Kon­kur­ren­ten. Tat­säch­lich ist es eine stil­le Umkeh­rung der Rol­len zwi­schen Zen­tral­bank und Ban­ken­kon­sor­ti­um. Und selbst wenn die Inte­gra­ti­on gelingt, bleibt das eigent­li­che Nut­zungs­pro­blem euro­päi­scher Zah­lungs­lö­sun­gen unan­ge­tas­tet: die Archi­tek­tur­ebe­ne der Smartphone-Wallets.


Lutz Lie­nen­käm­per, seit Juli im Bun­des­bank-Vor­stand für Zah­lungs­ver­kehr und digi­ta­len Euro zustän­dig, hat auf dem Zah­lungs­ver­kehrs­sym­po­si­um der Bun­des­bank in Frank­furt eine Inte­gra­ti­on des digi­ta­len Euro in die Wero-Wal­let als „denk­bar” bezeich­net. Ziel sei mehr Reich­wei­te für euro­päi­sche Zah­lungs­an­ge­bo­te und ein naht­lo­ses Zusam­men­wir­ken statt par­al­le­ler Insel­lö­sun­gen. Der Vor­schlag bleibt dabei bewusst unver­bind­lich: kei­ne Zeit­schie­ne, kei­ne Ver­ein­ba­rung mit der Euro­pean Pay­ments Initia­ti­ve (EPI), kei­ne tech­ni­sche Archi­tek­tur. Aus einer denk­ba­ren Lösung ist noch kein gemein­sa­mes Vor­ha­ben geworden.

Eine For­mel, zwei Urheber

Bemer­kens­wert ist, wer die­se For­mel zuerst geprägt hat. Mar­ti­na Wei­mert, EPI-Che­fin und damit obers­te Ver­tre­te­rin von Wero, hat­te im Mai öffent­lich für „Inte­gra­ti­on statt Kon­kur­renz” plä­diert – aus einer Posi­ti­on, die sie selbst als Stär­ke dar­stell­te: Wero funk­tio­nie­re bereits, wach­se, der digi­ta­le Euro schaf­fe nur teu­re Dop­pel­struk­tu­ren. Lie­nen­käm­per über­nimmt nun exakt die­ses Voka­bu­lar, dreht aber die Rei­hen­fol­ge um. Bei Wei­mert soll­te sich der digi­ta­le Euro in die bestehen­de Wero-Logik ein­fü­gen. Bei Lie­nen­käm­per ist der digi­ta­le Euro das „zen­tra­le Zukunfts­pro­jekt”, in das sich Wero als mög­li­che Wal­let-Hül­le ein­ord­nen könnte.

Das ist kei­ne blo­ße Wort­wahl. Es ist ein Rol­len­tausch, der leicht über­le­sen wird, wenn man bei­de Aus­sa­gen iso­liert betrach­tet. Für EPI ist die Kon­stel­la­ti­on ambi­va­lent: Eine Anbin­dung an eine Infra­struk­tur mit gesetz­li­chem Annah­me­zwang könn­te das eige­ne Achil­les­pro­blem lösen – die schlep­pen­de Händ­ler­ak­zep­tanz, die Wei­mert selbst öffent­lich beklagt hat. Zugleich ver­lö­re EPI genau die Eigen­stän­dig­keit, die ihr Sou­ve­rä­ni­täts­nar­ra­tiv voraussetzt.

Die Kate­go­rien­fra­ge bleibt bestehen

Eine Wal­let-Inte­gra­ti­on löst dabei kein kon­zep­tu­el­les Pro­blem, sie ver­schiebt es nur in die Benut­zer­ober­flä­che. Wero bewegt Geschäfts­bank­geld – eine Ver­bind­lich­keit der jewei­li­gen Bank, mit dem ent­spre­chen­den Aus­fall­ri­si­ko. Der digi­ta­le Euro wäre Zen­tral­bank­geld, struk­tu­rell näher am Bar­geld als am Giro­kon­to. Wenn bei­de über die­sel­be Wal­let zugäng­lich sind, bleibt offen, wes­sen Bilanz im Hin­ter­grund tat­säch­lich steht, wer bei einer Stö­rung haf­tet und wer die Schnitt­stel­le kon­trol­liert – EPI als Betrei­ber der Wal­let-Ober­flä­che oder das Euro­sys­tem als Emit­tent der zugrun­de­lie­gen­den Wert­ein­heit. Das sind Gover­nan­ce-Fra­gen, die durch tech­ni­sche Ver­zah­nung nicht beant­wor­tet, son­dern erst auf­ge­wor­fen werden.

Zeit­ach­sen, die sich nicht mehr tren­nen lassen

Laut EZB-Direk­tor Pie­ro Cipol­lo­ne soll das Pilot­pro­jekt zum digi­ta­len Euro im Sep­tem­ber 2027 star­ten, eine offi­zi­el­le Ein­füh­rung ist frü­hes­tens 2029 zu erwar­ten. Die­se Daten lie­gen auf­fäl­lig nah an dem Zeit­punkt, den EPI selbst für die eige­ne Pro­fi­ta­bi­li­tät benennt: nicht vor 2030, nach einer wei­te­ren Kapi­tal­run­de. Zwei Pro­jek­te, die bei­de behaup­ten, für­ein­an­der Refe­renz­punkt zu sein, errei­chen ihre jewei­li­ge Rei­fe im sel­ben schma­len Zeit­fens­ter. Das macht die Inte­gra­ti­ons­idee nicht unplau­si­bel – aber es bedeu­tet, dass zwei unge­wis­se Vor­ha­ben anein­an­der­ge­kop­pelt wür­den, statt dass ein eta­blier­tes einem neu­en Rück­halt gäbe.

Das eigent­li­che Nut­zungs­pro­blem sitzt eine Ebe­ne tiefer

Der wun­de Punkt an der gan­zen Debat­te ist ein ande­rer, und er wird durch die Inte­gra­ti­ons­idee nicht berührt. Nach Anga­ben, die Lie­nen­käm­per selbst auf dem Sym­po­si­um anführ­te, nut­zen laut Bun­des­bank Online Panel – Haus­hal­te knapp acht Pro­zent der Befrag­ten Wero bereits, wei­te­re rund 44 Pro­zent ken­nen den Dienst, haben ihn aber noch nicht ver­wen­det. Als Grün­de wur­den vor allem feh­len­der Bedarf, gerin­ge Ver­brei­tung auf der Emp­fän­ger­sei­te und Unsi­cher­heit über die Unter­stüt­zung durch die eige­ne Bank genannt. Das ist ein Bekannt­heits- und Netz­werk­pro­blem – nicht in ers­ter Linie ein rechtliches.

Ein gesetz­li­cher Annah­me­zwang für Händ­ler, wie ihn der digi­ta­le Euro mit­brin­gen wür­de, adres­siert die Han­dels­sei­te. Er ändert aber wenig dar­an, wel­che Zah­lungs­op­ti­on am Point of Sale tat­säch­lich aus­ge­wählt wird, wenn Apple Pay oder Goog­le Pay auf dem Gerät bereits vor­in­stal­liert und als Stan­dard hin­ter­legt sind. Die­se Ebe­ne – Zah­lung und Iden­ti­tät in der­sel­ben Betriebs­sys­tem-Archi­tek­tur ver­an­kert – liegt außer­halb des­sen, was eine Wal­let-Inte­gra­ti­on zwi­schen Wero und digi­ta­lem Euro regeln kann. Selbst die euro­päi­sche EUDI-Wal­let bleibt an genau die­ser Stel­le tech­nisch hän­gen. Eine Ver­zah­nung zwei­er euro­päi­scher Ange­bo­te löst damit bes­ten­falls das Pro­blem der recht­li­chen Akzep­tanz­pflicht – nicht das der tat­säch­li­chen Nut­zungs­ge­wohn­heit an der Kasse.

Was bleibt

Lie­nen­käm­pers Vor­schlag ist, sei­nem eige­nen Wort­laut nach, eine Posi­ti­ons­be­stim­mung, kei­ne Pro­dukt­an­kün­di­gung. Als sol­che ist er bemer­kens­wert, weil er zeigt, dass die Bun­des­bank eine Anbin­dung an ein pri­va­tes Kon­sor­ti­um für plau­si­bler hält als einen rein eigen­stän­di­gen Auf­bau. Ob dar­aus eine belast­ba­re Archi­tek­tur wird, ist zum jet­zi­gen Zeit­punkt offen. Und selbst im posi­ti­ven Fall wür­de die Inte­gra­ti­on eher das Sym­ptom behan­deln – Händ­ler­ak­zep­tanz, Reich­wei­te – als die tie­fer lie­gen­de Ursa­che, die in der Kon­trol­le über die Wal­let-Ebe­ne der gro­ßen Betriebs­sys­tem­an­bie­ter liegt.

Ralf Keu­per


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