DZ-Bank-Chef Cornelius Riese nennt die anhaltenden Stützungsfälle bei Volks- und Raiffeisenbanken „Nachläufer“ – Ausläufer einer abklingenden Welle. Seine eigenen Zahlen zu Risikovorsorge und Konjunkturlage erzählen eine andere Geschichte: die von Vorläufern einer Entwicklung, die noch bevorsteht.
Bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen am 25. August 2026 hat DZ-Bank-Chef Cornelius Riese eine Formulierung gewählt, die über die übliche Vorstands-Rhetorik zu Stützungsfällen hinausgeht. „Eines ist klar: Nachläufer wird es immer geben. Und in der Phase befinden wir uns gerade.“ Das ist keine Beschwichtigung, sondern eine Prognose weiterer Schieflagen aus dem Mund des Zentralinstituts selbst – und damit eine ungewöhnlich direkte Bestätigung dessen, was sich seit Ende 2023 an gut einem Dutzend Primärinstituten bereits abgezeichnet hat: von der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden über die Volksbank Düsseldorf Neuss und die Volksbank Brawo als bislang größtem Fall bis zur zuletzt betroffenen Volksbank Klevererland.
Eine Phase, kein Einzelfall
Rieses Wortwahl – „Phase“, nicht „Vorfälle“ – deckt sich mit einer Lesart, die sich in der Serie der Schieflagen bereits als Muster abzeichnet: Überdehnung durch Risikokonzentration, strukturelle Unterdimensionierung einzelner Institute, vereinzelt Betrugs- und Compliance-Versagen. Bemerkenswert ist, dass diese Einordnung nun nicht mehr nur von außen an die genossenschaftliche Gruppe herangetragen wird, sondern vom Vorstandsvorsitzenden des eigenen Spitzeninstituts kommt. Die Eigenkritik – „Natürlich haben wir auch viel Lehrgeld gezahlt. Das gehört zur Wahrheit dazu“ – ergänzt das Bild, bleibt aber im Ungefähren: Wer genau das Lehrgeld gezahlt hat und wofür, wird nicht konkretisiert. Dem im Juni vom BVR vorgelegten 46-Punkte-Reformpaket „Geno Next Level“ attestiert Riese, den „großen Strukturschritt“ geschafft zu haben – mit dem Zusatz, dass dieser permanent weiterentwickelt werden müsse. Auch das ist eine vorsichtige Formulierung: Zustimmung zur Richtung, ohne Erfolgsgarantie für die Umsetzung.
Nachläufer oder Vorläufer?
Die Wahl des Wortes „Nachläufer” ist dabei selbst nicht neutral. Sie unterstellt eine Welle, die im Wesentlichen bereits durchgelaufen ist und von der jetzt nur noch vereinzelte Ausläufer folgen – eine Bereinigung, die sich dem Ende zuneigt. Plausibel ist aber auch die entgegengesetzte Lesart: dass die gut ein Dutzend Fälle seit Ende 2023 nicht das Abklingen einer Welle markieren, sondern deren Vorläufer sind – frühe, noch vergleichsweise kleine Symptome einer strukturellen Schwäche, deren größere Fälle erst noch bevorstehen.
Für diese zweite Lesart sprechen Rieses eigene Angaben zur wirtschaftlichen Lage. Die Kreditrisikovorsorge der DZ Bank stieg im Halbjahr um 30 Prozent auf 312 Mio. Euro, und Riese selbst rechnet damit, dass sie zum Jahresende hin weiter zunehmen könnte. Als Hintergrund nennt das Institut eine von Rückschlägen geprägte konjunkturelle Entwicklung in Deutschland – erhöhte Inflation, bestehende strukturelle Probleme der Industrie, eine verhaltene private Nachfrage sowie die Eskalation des Nahost-Konflikts mit Lieferkettenstörungen und steigenden Energiekosten. Wenn die Risikovorsorge im eigenen Haus zunimmt und die konjunkturelle Belastung nach Einschätzung des Vorstands eher zu- als abnimmt, spricht wenig dafür, dass ausgerechnet die kleineren, konjunktursensitiveren Primärinstitute bereits über den Berg wären. Eine sich verschärfende wirtschaftliche Lage würde eher weitere, möglicherweise auch größere Schieflagen begünstigen als eine auslaufende Serie erklären.
Welche Lesart zutrifft, entscheidet sich nicht an der Zahl der bisherigen Fälle, sondern daran, ob die im „Geno Next Level”-Plan angelegten Reformen die zugrundeliegenden Ursachen tatsächlich abstellen, bevor größere Institute betroffen sind. Rieses eigene Formulierung – „in der Phase befinden wir uns gerade” – lässt beide Deutungen sprachlich offen; seine Angaben zur Risikovorsorge und zur konjunkturellen Lage sprechen jedoch eher für die Vorläufer- als für die Nachläufer-These.
Der Preis der Nachsicht
Interessanter als die Worte ist die Zahlenseite. Die DZ Bank Gruppe zahlt in diesem Jahr 117 Mio. Euro in die gemeinsame Sicherungseinrichtung – mehr als doppelt so viel wie 2025 (59 Mio. Euro). Rund ein Drittel des gesamten Kostenanstiegs der Gruppe (plus 186 Mio. auf 2,51 Mrd. Euro) entfällt allein auf diese höheren Beiträge. Das ist eine reale, spürbare Belastung.
Nur: Sie fällt im Konzernergebnis nicht ins Gewicht. Die DZ Bank erzielte im ersten Halbjahr ein Rekordergebnis von 2,5 Mrd. Euro vor Steuern (plus 19 Prozent) und hebt die Jahresprognose auf 3,5 bis 4,0 Mrd. Euro an – getragen von R+V und Union Investment, also von Versicherung und Asset Management, nicht vom genossenschaftlichen Bankgeschäft im engeren Sinne. Die Verdopplung der Sicherungsbeiträge wird von diesen beiden Ergebnisträgern schlicht mitfinanziert, ohne dass sie im Gesamtbild sichtbar würde.
Damit zeigt sich eine Struktur, die sich bereits in der Analyse der BAG-Reform als „permanente Bad Bank“ angedeutet hatte: Die genossenschaftliche Finanzgruppe hat mit BAG und Sicherungseinrichtung Mechanismen etabliert, die Problemfälle finanziell abfedern, ohne dass die zugrundeliegende Ursache damit behoben wäre. Was bei der BAG auf der Bilanzebene der Problemkredite geschieht, wiederholt sich hier auf der Ergebnisebene des Zentralinstituts: Die Kosten der Schieflagen werden absorbiert, nicht aufgelöst. Riese selbst benennt diesen Zustand unfreiwillig treffend, wenn er von einer andauernden „Phase“ spricht, statt einen Abschluss in Aussicht zu stellen.
Ein zweischneidiges Polster
Diese Absorptionsfähigkeit lässt sich zweifach lesen. Zum einen als Stabilitätsnachweis: Ein diversifiziertes Geschäftsmodell, das Belastungen aus dem Bankgeschäft durch Versicherung und Fondsgeschäft auffangen kann, ist genau das, was eine Verbundgruppe von einem Einzelinstitut unterscheidet und was in der Breite als Vorteil gilt. Zum anderen aber – und das bleibt vorläufig eine offene Frage, kein belegter Befund – könnte genau dieses Polster den Reformdruck mindern. Wenn Rekordgewinne bei R+V und Union Investment eine Verdopplung der Sicherungsbeiträge geräuschlos auffangen, sinkt der finanzielle Anreiz, die strukturellen Ursachen der Schieflagen – Governance-Defizite, unzureichende Gesamtbanksteuerung, lückenhafte Aufsichtsdichte – mit derselben Dringlichkeit anzugehen, mit der eine tatsächlich schmerzhafte Belastung das täte. Rieses eigene Formulierung, man befinde sich „in der Phase“ der Nachläufer, liest sich dann weniger als Ankündigung eines nahen Endes denn als Beschreibung eines Zustands, mit dem sich leben lässt – solange R+V und Union Investment liefern.
Ralf Keuper
Quellen
- DZ Bank muss 117 Mill. Euro für Stützungsfälle zahlen – Börsen-Zeitung
- Volksbanken: DZ Bank fährt Rekordgewinn ein – und kritisiert Skandalserie – Handelsblatt
- DZ Bank erhöht Gewinnprognose nach Rekord-Halbjahr auf bis zu 4 Milliarden Euro – Cash.
- Erstes Halbjahr 2026: DZ BANK Gruppe erzielt Ergebnis vor Steuern von 2,52 Milliarden Euro – DZ BANK Pressemitteilung
- R+V dominiert Konzernergebnis der DZ Bank Gruppe – Versicherungswirtschaft heute
- DZ Bank erwartet sehr starken Wettbewerb um Altersvorsorge-Depot – Börsen-Zeitung
