Ein Mann, der im Osa­ka des Jah­res 1907 vor dem Ruin stand, ein Kre­dit-Erpres­sungs­ver­such bei der Bank of Japan 1965, ein Akti­en­ge­schenk-Skan­dal 1988, ein mani­pu­lier­ter Anlei­he­markt 2024 – über mehr als ein Jahr­hun­dert hin­weg wie­der­holt sich in der Geschich­te des Hau­ses Nomu­ra, wie sie Albert Alletz­hau­ser nach­zeich­net und die jün­ge­re Unter­neh­mens­ge­schich­te fort­schreibt, ein immer glei­ches Mus­ter: Wer in der Kri­se über die bes­se­ren Infor­ma­tio­nen, die enge­ren poli­ti­schen Kon­tak­te und die gerin­ge­ren Skru­pel ver­fügt, geht gestärkt aus ihr her­vor – wäh­rend die Insti­tu­ti­on selbst, die die­se Ungleich­heit eigent­lich ver­hin­dern soll­te, sie im ent­schei­den­den Moment toleriert.


Wer die Geschich­te des Hau­ses Nomu­ra über ein Jahr­hun­dert ver­folgt, könn­te ver­sucht sein, sie als Abfol­ge ein­zel­ner, kolo­rier­ter Epi­so­den zu lesen: der toll­küh­ne Grün­der Tokus­hi­chi, der 190607 sein gesam­tes Ver­mö­gen auf eine Kar­te setzt; der jovia­le Nach­kriegs­stra­te­ge Tsu­nao Oku­mura, der sich mit zukünf­ti­gen Pre­mier­mi­nis­tern anfreun­det; die Speer­spit­ze der Acht­zi­ger-Jah­re-Spe­ku­lan­ten, die Unter­neh­men mit ange­droh­ten Über­nah­men erpres­sen. Tat­säch­lich aber liegt der eigent­li­che Erkennt­nis­ge­winn nicht in den Per­so­nen, son­dern in der Struk­tur, die sich unter wech­seln­dem Per­so­nal beharr­lich wiederholt.

Die ers­te Kri­se: Wis­sen als Vor­sprung, nicht als Warnung

1906 hat­te sich in Osa­ka eine Spe­ku­la­ti­ons­hausse ent­wi­ckelt, die – aus heu­ti­ger Sicht kaum über­ra­schend – in eine Baisse mün­den muss­te. Bemer­kens­wert ist, wie sie zustan­de kam: Nomu­ra hat­te sich früh­zei­tig ein Infor­ma­ti­ons­netz auf­ge­baut, das ihm erlaub­te, Markt­da­ten in einer Fein­heit aus­zu­wer­ten, die ande­ren Händ­lern ver­schlos­sen blieb. Die­ses Wis­sen nutz­te er nicht in ers­ter Linie zur Vor­sicht, son­dern zur aggres­si­ven Posi­tio­nie­rung – bis er selbst an den Rand des Ruins geriet und nur durch einen Not­kre­dit geret­tet wur­de, den ihm ein Ban­kier gegen sein gesam­tes Pri­vat­ver­mö­gen gewähr­te. Der Markt kol­la­bier­te anschlie­ßend um 88 Pro­zent. Nomu­ra selbst ging mit einem Mil­lio­nen­ge­winn hervor.

Das Mus­ter, das sich hier erst­mals zeigt, ist denk­bar ein­fach: Infor­ma­ti­ons­vor­sprung wird nicht zur Risi­ko­mi­ni­mie­rung ein­ge­setzt, son­dern zur Risi­ko­ma­xi­mie­rung – solan­ge eine Ret­tungs­op­ti­on im Hin­ter­grund ver­füg­bar bleibt. Die eigent­li­che Leis­tung liegt weni­ger im Han­dels­ge­schick als in der sozia­len Fähig­keit, im ent­schei­den­den Moment einen Kre­dit­ge­ber zu fin­den, der bereit ist, das per­sön­li­che Risi­ko zu tragen.

Die zwei­te Kri­se: Der Staat als Ret­tungs­an­ker der eige­nen Schöpfung

Ein knap­pes Jahr­hun­dert spä­ter wie­der­holt sich die­ses Prin­zip auf höhe­rer Ebe­ne. 1965 steht Yamai­chi Secu­ri­ties kurz vor dem Zusam­men­bruch, und die Bank of Japan gewährt den vier größ­ten Bro­ker­häu­sern – dar­un­ter Nomu­ra – ver­deck­te, außer­halb der übli­chen Refi­nan­zie­rungs­re­geln ver­ge­be­ne Not­kre­di­te, ohne schrift­li­che Doku­men­ta­ti­on. Was 1907 noch ein pri­va­ter Ban­kier gegen per­sön­li­che Ver­mö­gens­wer­te tat, über­nimmt nun die Zen­tral­bank gegen­über einer gan­zen Bran­che, ohne dass die Öffent­lich­keit oder das Par­la­ment davon zunächst erfährt. Die Insti­tu­ti­on, die eigent­lich Sys­tem­sta­bi­li­tät sichern soll, wird zur stil­len Ver­si­che­rung gegen das Schei­tern jener Akteu­re, die das Risi­ko selbst erzeugt haben.

Bezeich­nend ist, dass die­se Ret­tung nicht als Aus­nah­me, son­dern als „Geschäft” ver­stan­den wur­de: Nomu­ra blieb das ein­zi­ge der vier gro­ßen Häu­ser, das in die­ser Zeit kei­ne roten Zah­len aus­wies – auch weil man wuss­te, dass am Ende ohne­hin nie­mand fal­len gelas­sen würde.

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