Min­des­tens 17 Kran­ken­kas­sen und Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gun­gen sol­len zusam­men mehr als 170 Mil­lio­nen Euro ver­lo­ren haben. Nach neue­ren Recher­chen von NDR, WDR und Süd­deut­scher Zei­tung liegt der öffent­lich bestä­tig­te Scha­den inzwi­schen bei knapp 220 Mil­lio­nen Euro. Die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung West­fa­len-Lip­pe soll allein 40 Mil­lio­nen Euro inves­tiert haben, bei der AOK Bre­men geht es um 5,5 Mil­lio­nen Euro. Aus Finanz­krei­sen kur­siert zudem die deut­lich höhe­re Schät­zung, dass 28 Kas­sen und KVen ins­ge­samt mehr als 500 Mil­lio­nen Euro in die betref­fen­den Fonds gesteckt haben – wie viel davon tat­säch­lich ver­lo­ren ist, bleibt offen.

Betrof­fen sind nicht nur Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger. Das Bis­tum Augs­burg hat sei­ne Inves­ti­ti­on abge­schrie­ben, aus den Bilanz­re­la­tio­nen ergibt sich ein Ver­lust von rund vier Mil­lio­nen Euro. Auch evan­ge­li­sche Kir­chen­krei­se in Nord­deutsch­land sol­len inves­tiert haben.


War­um die Fonds so ris­kant waren

Es han­del­te sich nicht um klas­si­sche, breit gestreu­te Immo­bi­li­en­fonds mit über­wie­gend fer­ti­gen und ver­mie­te­ten Objek­ten. Das Kapi­tal floss über Luxem­burg in Immo­bi­li­en­pro­jekt­ent­wick­lun­gen, teil­wei­se als Nach­rang­dar­le­hen struk­tu­riert. Genannt wer­den Zins­sät­ze von 15 bis 18,5 Pro­zent – ein Niveau, das übli­cher­wei­se ein erheb­li­ches Aus­fall­ri­si­ko signa­li­siert, nicht eine kon­ser­va­ti­ve Geld­an­la­ge. Bei einer Insol­venz wer­den zunächst Ban­ken und vor­ran­gi­ge Gläu­bi­ger bedient; wer nach­ran­gig inves­tiert ist, trägt das Risi­ko eines Teil- oder Total­ver­lusts zuerst. Im Ver­kaufs­pro­spekt sol­len 27 Risi­ken auf­ge­führt gewe­sen sein, drei davon als hoch ein­ge­stuft. Die Fonds wur­den ein­ge­fro­ren, nach­dem meh­re­re der zugrun­de­lie­gen­den Pro­jek­te geschei­tert waren.

Für Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger gilt kein Anla­ge­grund­satz, der spe­ku­la­ti­ve Invest­ments tole­riert. Nach § 80 SGB IV müs­sen Mit­tel so ange­legt und ver­wal­tet wer­den, dass ein Ver­lust aus­ge­schlos­sen erscheint, ein ange­mes­se­ner Ertrag erzielt wird und aus­rei­chen­de Liqui­di­tät gewähr­leis­tet bleibt. Die rele­van­te Fra­ge ist des­halb nicht, ob das Invest­ment for­mal erlaubt war, son­dern ob das kon­kre­te Risi­ko ange­sichts Struk­tur und wirt­schaft­li­cher Qua­li­tät der Pro­jek­te ver­tret­bar war.

Meh­re­re Kas­sen beru­fen sich auf Gut­ach­ten – unter ande­rem von KPMG und einer Luxem­bur­ger Steu­er­kanz­lei –, die die Fonds als grund­sätz­lich erwerb­bar bezie­hungs­wei­se mit den gesetz­li­chen Vor­ga­ben ver­ein­bar bewer­tet haben sol­len. Die­se Gut­ach­ten ent­hiel­ten offen­bar zugleich den Vor­be­halt, dass die Kas­sen die wirt­schaft­li­che Trag­fä­hig­keit selbst prü­fen müss­ten. Genau dar­in liegt die Ver­wechs­lung: Ein Gut­ach­ten, das den Erwerb eines Fonds für zuläs­sig erklärt, sagt nichts dar­über aus, ob die­ser Fonds für eine Kran­ken­kas­se wirt­schaft­lich geeig­net ist.

Kirch­li­ches Ver­mö­gen: ande­rer Rah­men, ähn­li­ches Muster

Kir­chen dür­fen ihr Ver­mö­gen ertrags­ori­en­tiert anle­gen, und in der Nied­rig­zins­pha­se war der Wunsch ver­ständ­lich, eine rea­le Ent­wer­tung des Kapi­tals durch Nega­tiv­zin­sen zu ver­mei­den. Das recht­fer­tigt aber kei­ne Anla­ge in hoch­ris­kan­te Pro­jekt­fi­nan­zie­run­gen. Für kirch­li­ches Ver­mö­gen gilt typi­scher­wei­se ein Span­nungs­feld aus Kapi­tal­erhalt, Liqui­di­tät, ange­mes­se­ner Ren­di­te und ethi­scher Ver­ein­bar­keit. Beim Bis­tum Augs­burg lässt sich der Vor­gang des­halb weni­ger als bewuss­tes Zocken beschrei­ben denn als für eine kirch­li­che Ein­rich­tung unge­wöhn­lich ris­kan­te Anla­ge­ent­schei­dung – ver­bun­den mit der offe­nen Gover­nan­ce-Fra­ge, ob die zustän­di­gen Gre­mi­en fach­lich unab­hän­gig und finanz­wirt­schaft­lich aus­rei­chend qua­li­fi­ziert waren oder sich zu stark auf exter­ne Gut­ach­ten und den Anbie­ter ver­las­sen haben.

Ein­ord­nung

Der Fall liest sich weni­ger als all­ge­mei­nes Kapi­tal­markt­pro­blem denn als Gover­nan­ce- und Risi­ko­ma­nage­ment­ver­sa­gen, das sich in meh­re­ren Punk­ten verdichtet:

For­ma­le Zuläs­sig­keit wur­de offen­bar mit wirt­schaft­li­cher Sicher­heit ver­wech­selt, obwohl bei­des unab­hän­gig von­ein­an­der zu beur­tei­len gewe­sen wäre. Die zwei­stel­li­gen Zins­sät­ze hät­ten als Warn­si­gnal wir­ken müs­sen, denn sie spre­chen bei Immo­bi­li­en­pro­jekt­ent­wick­lern typi­scher­wei­se für erheb­li­ches Aus­fall­ri­si­ko, nicht für kon­ser­va­ti­ve Geld­an­la­ge. Die Risi­ko­streu­ung war unzu­rei­chend: Wenn vie­le insti­tu­tio­nel­le Anle­ger in weni­ge, mit­ein­an­der ver­bun­de­ne Pro­jek­te inves­tie­ren, kann bereits ein ein­zel­ner Immo­bi­li­en­zy­klus gro­ße Schä­den ver­ur­sa­chen. Die Trans­pa­renz bleibt unbe­frie­di­gend, da ein gro­ßer Teil der betrof­fe­nen Ein­rich­tun­gen bis­lang nicht offen­ge­legt hat, ob und in wel­cher Höhe inves­tiert wur­de. Und die Haf­tungs­fra­ge ist noch offen – meh­re­re Ein­rich­tun­gen, dar­un­ter die KKH und die KV Baden-Würt­tem­berg, kla­gen bereits gegen betei­lig­te Finanz­un­ter­neh­men; vor Gericht wird zu klä­ren sein, ob die Anle­ger aus­rei­chend auf­ge­klärt wur­den oder die Risi­ken trotz der Unter­la­gen hät­ten erken­nen müssen.

Bei den Kran­ken­kas­sen ist der Vor­gang beson­ders hei­kel, weil unmit­tel­bar Bei­trags­gel­der betrof­fen sind. Bei den Kir­chen dürf­te der Scha­den gemes­sen am Gesamt­ver­mö­gen ein­zel­ner Ein­rich­tun­gen begrenz­ter aus­fal­len, doch wirft die Anla­ge­ent­schei­dung die­sel­ben Fra­gen zu Risi­ko­kon­trol­le, Fach­kom­pe­tenz und inter­ner Auf­sicht auf. In bei­den Fäl­len zeigt sich ein wie­der­keh­ren­des Mus­ter: Insti­tu­tio­nen mit einem klar defi­nier­ten, kon­ser­va­ti­ven Siche­rungs­auf­trag las­sen sich von Ren­di­te­ver­spre­chen lei­ten, die genau die­sem Auf­trag wider­spre­chen – und ver­las­sen sich dabei auf exter­ne Prüf­ver­mer­ke, die eine ande­re Fra­ge beant­wor­ten als die, die eigent­lich gestellt wer­den müsste.

Ralf Keu­per


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