UniCre­dit hat im Zuge des lau­fen­den Über­nah­me­an­ge­bots wei­te­re Com­merz­bank-Antei­le ein­ge­sam­melt und hält nun direkt und über Instru­men­te knapp vier­zig Pro­zent. Und doch bleibt das eigent­li­che Ziel – die voll­stän­di­ge Über­nah­me – uner­reich­bar, solan­ge Ber­lin sei­ne zwölf Pro­zent hält. UniCre­dit weiß genau, was sie will. Ber­lins Pro­blem ist grund­le­gen­der: Der Bund hält eine Betei­li­gung, die von Anfang an auf Zeit ange­legt war, ohne je ent­schie­den zu haben, was er mit ihr will. Das ist kei­ne Stra­te­gie – das ist auf­ge­scho­be­ne Konzeptlosigkeit.


Die Über­nah­me­ge­schich­te zwi­schen UniCre­dit und der Com­merz­bank wird in den meis­ten Kom­men­ta­ren als Duell erzählt: auf der einen Sei­te der aggres­si­ve Ita­lie­ner Orcel, auf der ande­ren die zöger­li­che Bun­des­re­gie­rung. Das ist eine Erzäh­lung, die sich gut liest – und ana­ly­tisch wenig trägt.

Betrach­tet man die Lage struk­tu­rell, ergibt sich ein ande­res Bild. UniCre­dit hat mitt­ler­wei­le knapp drei­ßig Pro­zent aus eige­nem Bestand sowie wei­te­re zehn Pro­zent, die ihr im Rah­men des lau­fen­den Über­nah­me­an­ge­bots über­tra­gen wur­den, auf sich ver­eint. Das ist eine beacht­li­che Posi­ti­on – aber kei­ne ent­schei­den­de. Denn der Bund hält noch immer rund zwölf Pro­zent aller Com­merz­bank-Akti­en, und ohne die­se Antei­le lässt sich kein Squeeze-out durch­set­zen. Die recht­li­che Schwel­le dafür liegt bei neun­zig, in man­chen Kon­stel­la­tio­nen bei fünf­und­neun­zig Pro­zent. Eine Zahl, die Orcel ohne akti­ve Koope­ra­ti­on Ber­lins schlicht nicht errei­chen kann.

Das eigent­lich Bemer­kens­wer­te ist jedoch nicht die­ser Befund – er ist seit Mona­ten bekannt. Bemer­kens­wert ist viel­mehr die Asym­me­trie: UniCre­dit weiß, was sie will. Was fehlt, ist eine poli­ti­sche End­spiel­stra­te­gie – ein Ange­bot an Ber­lin, das einen Ver­kauf der zwölf Pro­zent innen­po­li­tisch legi­ti­mier­bar macht. Auf der deut­schen Sei­te fehlt noch mehr: eine for­mu­lier­te Posi­ti­on überhaupt.

Ber­lin hat kei­ne – und hat nie eine gehabt. Der Ursprung der heu­ti­gen Blo­cka­de liegt im Sep­tem­ber 2024, als Finanz­mi­nis­ter Lind­ner über einen Inter­mi­nis­te­ri­el­len Len­kungs­aus­schuss den Ver­kauf von 4,49 Pro­zent der Bun­des­be­tei­li­gung via beschleu­nig­tem Book­buil­ding-Ver­fah­ren (ABB) in Auf­trag gab. Ein ABB ist kein Instru­ment der stra­te­gi­schen Käu­fer­aus­wahl – es ist auf Geschwin­dig­keit und Preis opti­miert, nicht auf Käu­fer­prü­fung. Das Ergeb­nis war ent­spre­chend: Um 17:30 Uhr wur­de der Plat­zie­rungs­ver­trag unter­zeich­net. Erst im Lau­fe des Abends, wäh­rend das Ver­fah­ren bereits lief, erfuhr die Bun­des­re­gie­rung, dass UniCre­dit par­al­lel bereits 4,5 Pro­zent am frei­en Markt gehal­ten hat­te – zu einem Zeit­punkt, zu dem die Trans­ak­ti­on nicht mehr abge­bro­chen wer­den konn­te. Auf die Fra­ge des Bun­des­ta­ges, ob eine ein­ge­hen­de Ana­ly­se mög­li­cher Kon­se­quen­zen vor­ge­nom­men wur­de, ant­wor­te­te die Bun­des­re­gie­rung: VS-Geheim. CDU-Poli­ti­ker nann­ten das Vor­ge­hen im Bun­des­tag öffent­lich „dilet­tan­tisch”, der Pro­zess sei der Bun­des­re­gie­rung „völ­lig entglitten”.

Seit­dem hat das Finanz­mi­nis­te­ri­um kei­ne Stra­te­gie gefun­den. Der Bund hält sei­ne ver­blie­be­nen zwölf Pro­zent wie ein ein­ge­fro­re­nes Bekennt­nis: kein kla­res Nein zur Über­nah­me, aber auch kein Ja, kein Gesprächs­an­ge­bot, kei­ne for­mu­lier­te Bedin­gung, unter der man die Antei­le abge­ben wür­de. Das ist umso bemer­kens­wer­ter, als die Betei­li­gung nie als Dau­er­zu­stand gedacht war. Die Bun­des­re­gie­rung war 2008/​2009 im Zuge der Finanz­kri­se als Notak­tio­när ein­ge­stie­gen – eine Sta­bi­li­sie­rungs­maß­nah­me auf Zeit, expli­zit nicht auf Dau­er ange­legt. Wer heu­te den Ver­kauf ver­wei­gert, muss erklä­ren, war­um ein Instru­ment der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on still­schwei­gend zum indus­trie­po­li­ti­schen Dau­er­in­stru­ment umge­wid­met wer­den darf. Die­se Begrün­dung hat Ber­lin nie gelie­fert – und kann sie kaum lie­fern, ohne den ursprüng­li­chen Cha­rak­ter der Maß­nah­me zu ver­leug­nen. Ein dau­er­haf­ter Min­der­heits­ak­tio­när ohne stra­te­gi­sche Agen­da und ohne legi­ti­mier­ba­re Hal­te­be­grün­dung ist kei­ne Posi­tio­nie­rung – das ist die Fort­set­zung der­sel­ben Kon­zept­lo­sig­keit, die die Aus­gangs­la­ge erst geschaf­fen hat.

UniCre­dit ihrer­seits hat die tak­ti­sche Geschwin­dig­keit maxi­miert und die stra­te­gi­sche Fle­xi­bi­li­tät mini­miert. Das Über­nah­me­an­ge­bot liegt unter­halb des aktu­el­len Com­merz­bank-Kur­ses – ein Ange­bot, das struk­tu­rell unat­trak­tiv wirkt und den­noch zehn Pro­zent ein­brach­te, mut­maß­lich durch koor­di­nier­tes Vor­ge­hen mit ver­bun­de­nen Invest­ment­ban­ken. Das ist ope­ra­tiv cle­ver. Aber es ver­schärft genau das Pro­blem, das UniCre­dit lösen müss­te: die poli­ti­sche Anschluss­fä­hig­keit in Ber­lin. Jede aggres­si­ve Trans­ak­ti­on, die die Com­merz­bank-Füh­rung als „min­des­tens unfair” brand­markt, macht es dem Bund schwe­rer, einen Rück­zug zu rechtfertigen.

Das Irr­tum, der in vie­len Kom­men­ta­ren mit­schwingt, lau­tet: Wür­de Orcel sei­nen Stil ändern – galan­ter auf­tre­ten, Kon­zes­sio­nen signa­li­sie­ren –, wäre das Pro­blem lös­bar. Viel­leicht sogar: Käme ein ande­rer CEO, wür­de Ber­lin die Din­ge anders sehen. Das ist Per­so­nen­kult-Jour­na­lis­mus – und er hat im deut­schen Wirt­schafts­jour­na­lis­mus eine lan­ge Tra­di­ti­on. Man erin­ne­re sich an Wire­card: Auch dort wur­den jah­re­lang die Erzähl­rah­men der Betei­lig­ten durch­ge­reicht, Kri­ti­ker mar­gi­na­li­siert, unbe­que­me Struk­tur­fra­gen nicht gestellt. Beim Com­merz­bank-Fall feh­len die­sel­ben Fra­gen: War­um wur­de ein Book­buil­ding-Ver­fah­ren ohne Käu­fer­prü­fung gewählt? Ist die Com­merz­bank als eigen­stän­di­ges Insti­tut lang­fris­tig trag­fä­hig? Was legi­ti­miert Ber­lins Betei­li­gung noch? Statt­des­sen domi­niert Pro­zess­jour­na­lis­mus: Wer hat wie­viel Pro­zent, wer tritt wie auf, wer könn­te wes­sen Nach­fol­ger wer­den. Das struk­tu­rel­le Pro­blem ist nicht Orcels Auf­tre­ten, son­dern die Anreiz­ar­chi­tek­tur auf bei­den Sei­ten. Ber­lin hat kei­nen Mecha­nis­mus, mit dem es einen Ver­kauf innen­po­li­tisch legi­ti­mie­ren kann, solan­ge UniCre­dit kei­ne sub­stan­zi­el­le Gegen­leis­tung anbie­tet – kei­ne Garan­tien zur Eigen­stän­dig­keit der Com­merz­bank, kein glaub­wür­di­ges Bekennt­nis zur Mit­tel­stands­fi­nan­zie­rung, kei­ne insti­tu­tio­nel­le Ein­bet­tung, die das Gesicht wah­ren lässt.

Gleich­zei­tig hat UniCre­dit kein Inter­es­se dar­an, Kon­zes­sio­nen zu machen, solan­ge die Zer­mür­bungs­tak­tik funk­tio­niert. Die Optio­na­li­tät nach Ablauf der Ange­bots­frist ist real: Orcel kann abwar­ten, wenn der Kurs steigt. Er kann zukau­fen, wenn der Kurs fällt. Der Zeit­ho­ri­zont arbei­tet für UniCre­dit – poli­ti­sche Ermü­dung, Haus­halts­druck, Kurs­schwan­kun­gen sind poten­zi­el­le Hebel, ohne dass Orcel aktiv wer­den muss.

Hin­zu kommt ein struk­tu­rel­ler Fak­tor, der in der Bericht­erstat­tung bemer­kens­wert sel­ten auf­taucht: Insti­tu­tio­nel­le Kon­ti­nui­tät ist auf Unter­neh­mens­sei­te sta­bi­ler als auf Regie­rungs­sei­te. Orcel ist seit 2021 im Amt, sein Pro­jekt ist ope­ra­tiv weit fort­ge­schrit­ten. Der deut­sche Finanz­mi­nis­ter dürf­te sta­tis­tisch frü­her wech­seln als der Chef der UniCre­dit. Die gele­gent­lich geäu­ßer­te Spe­ku­la­ti­on, ein Orcel-Nach­fol­ger wür­de Ber­lin zugäng­li­cher stim­men, ver­dreht die Wahr­schein­lich­kei­ten – eher wird Ber­lin einen neu­en Gesprächs­part­ner im eige­nen Haus haben.

Her­aus kommt eine struk­tu­rel­le Blo­cka­de, die nicht durch Stil­wech­sel auf­ge­löst wird. Die eigent­li­che Fra­ge – unter wel­chen Bedin­gun­gen eine Ver­schmel­zung von Com­merz­bank und Hypo­Ver­eins­bank gesamt­wirt­schaft­lich sinn­voll wäre und wel­che insti­tu­tio­nel­len Garan­tien dafür nötig wären – wird von kei­ner Sei­te öffent­lich gestellt. Statt­des­sen ver­wal­tet Ber­lin eine Posi­ti­on, die es nicht begrün­den kann, und UniCre­dit war­tet dar­auf, dass die Zeit ihr die Arbeit abnimmt.

Das Über­nah­me­an­ge­bot läuft bis Anfang Juli. Danach beginnt nicht der nächs­te Akt – son­dern die­sel­be Blo­cka­de in einer neu­en Kulisse.

Ralf Keu­per


Quel­len:

  1. Andrea Orcel und das Zwölf-Pro­zent-Pro­blem https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/andrea-orcel-und-das-zwölf-prozent-problem/ar-AA25kn0r?ocid=BingHp01&cvid=7fb1b31dd5b34616b35ab32ac24936fa&ei=26

  2. Bun­des­tags­druck­sa­che 2013499 (21.10.2024) – Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der CDU/​CSU zur Ver­äu­ße­rung des Com­merz­bank-Akti­en­pa­kets https://dserver.bundestag.de/btd/20/134/2013499.pdf
  3. Bun­des­tags­druck­sa­che 212820 (14.11.2025) – Fol­gen­an­fra­ge u.a. zu Inter­es­sen­kon­flik­ten bei der Man­da­tie­rung von J.P. Mor­gan als Book­run­ner https://dserver.bundestag.de/btd/21/028/2102820.pdf
  4. Han­dels­blatt – „Lind­ner muss sich wegen Com­merz­bank-Über­nah­me­ver­such recht­fer­ti­gen” (25.09.2024)https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/unicredit-lindner-muss-sich-wegen-commerzbank-uebernahmeversuch-rechtfertigen/100072930.html
  5. Han­dels­blatt – „Show­down im Rin­gen um die Com­merz­bank” (04.05.2026)https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/feindliche-uebernahme-showdown-im-ringen-um-die-commerzbank/100222091.html
  6. Han­dels­blatt – „UniCre­dit treibt Com­merz­bank-Über­nah­me vor­an” (05.05.2026)https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/angebot-fuer-commerzbank-aktien-unicredit-treibt-commerzbank-uebernahme-voran/100222387.html