LBBW-Chef Rainer Neske hat in einem Gespräch mit Bloomberg News eine bemerkenswert nüchterne Einschätzung abgeliefert: Am deutschen Gewerbeimmobilienmarkt sei in absehbarer Zeit keine deutliche Erholung zu erwarten. Er geht von einer „mehrjährigen Talphase” aus. Das ist für einen CEO einer Institution mit rund 61 Milliarden Euro Exposure in der gewerblichen Immobilienfinanzierung ungewöhnlich offen. Es ist auch schwer vereinbar mit der Aussage seiner CFO Stefanie Münz, die im April „dauerhaft hohe Gewinne” in Aussicht gestellt hatte. Die Spannung zwischen beiden Botschaften ist der analytisch interessante Ort.
Zyklus oder Struktur?
Neske benennt drei Faktoren für die anhaltende Schwäche: inflationäre Risiken, die Zinserhöhungen und höhere Baukosten nach sich ziehen könnten, eine allgemein schwache wirtschaftliche Entwicklung und—fast beiläufig—„weiterhin hohe Homeoffice-Quoten”.
Gerade dieser letzte Punkt verdient mehr Gewicht, als ihm im Text zukommt. Denn die ersten beiden Faktoren sind zyklischer Natur: Zinsen steigen und fallen, Konjunkturen drehen. Die Homeoffice-Quote hingegen markiert einen strukturellen Nachfrageeinbruch bei Büroflächen, der sich nicht durch Zinszyklen auflöst. Wer heute keine repräsentative Büropräsenz mehr verlangt, wird das auch bei günstigeren Finanzierungskosten nicht grundlegend revidieren. Die Nutzungsgewohnheiten haben sich verschoben—und mit ihnen der Bedarf an großflächigen, zentral gelegenen Büroimmobilien.
Das bedeutet: Was Neske als „Talphase” beschreibt, könnte in Teilen eine dauerhafte Neukalibrierung des Marktes sein. Die Unterscheidung zwischen Zyklus und Struktur ist analytisch entscheidend—und sie bleibt im Bloomberg-Interview unterbelichtet.
Der Iran-Krieg als rhetorische Entlastung
„Es gab Anfang des Jahres erste Anzeichen für eine Erholung am Gewerbeimmobilienmarkt. Diese wurden jedoch mit Beginn des Irankriegs obsolet.”
Das ist ein klassisches Narrativmuster: Eine exogene Störung unterbricht eine endogen ohnehin fragile Erholung. Die Frage, die sich stellt: Wie substanziell waren diese „ersten Anzeichen” wirklich? Handelte es sich um fundamentale Nachfragebelebung—mehr Mietvertragsabschlüsse, sinkende Leerstandsquoten, belastbare Transaktionszahlen—oder um ein technisches Preisflackern an den Märkten, das bei der nächsten makroökonomischen Erschütterung ohnehin nicht gehalten hätte?
Der Iran-Krieg dient hier—ob bewusst oder nicht—als rhetorische Entlastung. Er erlaubt es, die Erholungshoffnung am Leben zu halten und gleichzeitig das Ausbleiben der Erholung zu erklären. Das mu…
