In der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts war die Trenn­li­nie zwi­schen Ban­kier und Indus­tri­el­lem kei­ne schar­fe. Wer Kapi­tal mobi­li­sie­ren konn­te, muss­te es auch diri­gie­ren – und wer Maschi­nen bau­te, brauch­te Insti­tu­tio­nen, die sein Risi­ko tru­gen. Theo­dor von Cra­mer-Klett (1817–1884) ver­kör­pert die­sen Typus in beson­de­rer Rein­heit: als Eigen­tü­mer der Maschi­nen­bau Acti­en­ge­sell­schaft Nürn­berg, als Grün­der der Süd­deut­schen Boden­cre­dit­bank, als Mit­be­grün­der von Merck, Chris­ti­an & Co. und der Mün­che­ner Rück­ver­si­che­rungs-Gesell­schaft. Wer ihn nur als Unter­neh­mer liest, ver­steht ihn halb.


Ban­kier und Indus­tri­el­ler als eine Figur

Es gibt Epo­chen, in denen die Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te zugleich Per­so­nen­ge­schich­te ist – nicht weil gro­ße Män­ner Geschich­te machen, son­dern weil neue Orga­ni­sa­ti­ons­for­men noch kei­nen selbst­tra­gen­den Appa­rat besit­zen und auf die Koor­di­na­ti­ons­leis­tung ein­zel­ner Akteu­re ange­wie­sen sind. Die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts war eine sol­che Epo­che, und das Deut­sche Reich – oder, genau­er, der süd­deut­sche Wirt­schafts­raum vor und nach der Reichs­grün­dung 1871 – war ihr bevor­zug­ter Schauplatz.

David Han­se­mann, Gus­tav von Mevis­sen, Georg von Sie­mens: Die Namen der gro­ßen Ban­kier-Indus­tri­el­len die­ser Zeit sind bekannt, zumin­dest in der Wirt­schafts­ge­schich­te. Theo­dor von Cra­mer-Klett (1817–1884) gehört in die­se Rei­he – ist aber weni­ger prä­sent im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis, obwohl sei­ne insti­tu­tio­nel­len Grün­dun­gen bis heu­te fort­wir­ken. Rein­hard Spree hat in sei­nem instruk­ti­ven Bei­trag Der Indus­trie-Pio­nier und Finan­zier Theo­dor von Cra­mer-Klett das Pro­fil die­ses Akteurs schär­fer kon­tu­riert, als es die gän­gi­gen Wirt­schafts­ge­schich­ten leisten.

Die Maschi­nen­bau Acti­en­ge­sell­schaft Nürn­berg: Indus­tri­el­le Sub­stanz als Basis

Cra­mer-Kletts zen­tra­le indus­tri­el­le Posi­ti­on war das Eigen­tum an der Maschi­nen­bau Acti­en­ge­sell­schaft Nürn­berg (MAN), genau­er: an ihrem Vor­läu­fer­un­ter­neh­men, dem Maschi­nen­bau-Unter­neh­men, das er seit den 1840er-Jah­ren kon­trol­lier­te und das unter sei­ner Füh­rung zu einem der bedeu­tends­ten Indus­trie­wer­ke Süd­deutsch­lands wur­de. Zusam­men mit Joseph von Baa­der und Joseph Anton von Maf­fei gilt er als einer der drei maß­geb­li­chen Weg­be­rei­ter der Eisen­bahn in Bay­ern – nicht als Visio­när im roman­ti­schen Sin­ne, son­dern als Eigen­tü­mer der pro­duk­ti­ven Kapa­zi­tä­ten, die Loko­mo­ti­ven­pro­duk­ti­on und Stre­cken­bau über­haupt erst ermöglichten.

Das ist ana­ly­tisch wich­tig: Cra­mer-Kletts Rol­le in der Eisen­bahn­ge­schich­te war kei­ne finan­zi­el­le Spe­ku­la­ti­on auf zukünf­ti­ge Erträ­ge, son­dern die Bereit­stel­lung indus­tri­el­ler Infra­struk­tur. Die Maschi­nen­fa­brik war das Asset; die Eisen­bahn war der Markt. Die­se Kon­stel­la­ti­on – Pro­duk­ti­ons­ba­sis plus Markt­ent­wick­lung in einer Hand – ent­spricht dem Chand­ler­schen Mus­ter der ver­ti­ka­len Inte­gra­ti­on avant la lettre.

Insti­tu­tio­nen­stif­tung: Kre­dit, Rück­ver­si­che­rung, Privatbank

Was Cra­mer-Klett von einem blo­ßen Indus­tri­el­len unter­schei­det, ist sei­ne par­al­le­le Tätig­keit als Finanz­ar­chi­tekt. Drei Grün­dun­gen sind hier von Belang:

Die Süd­deut­sche Boden­cre­dit­bank AG adres­sier­te ein struk­tu­rel­les Pro­blem des süd­deut­schen Kapi­tal­markts: die man­geln­de lang­fris­ti­ge Kre­dit­ver­sor­gung für Immo­bi­li­en und Grund­be­sitz. In einer Volks­wirt­schaft, in der Kapi­tal knapp und mobil war, der Grund­be­sitz aber immo­bil und sicher­heits­be­dürf­tig, schuf die Boden­cre­dit­bank eine Inter­me­dia­ti­ons­struk­tur, die bei­de Sei­ten des Mark­tes bedie­nen konn­te. Cra­mer-Klett erkann­te, dass indus­tri­el­les Wachs­tum kre­dit­wirt­schaft­li­che Infra­struk­tur vor­aus­setzt – nicht nur als Finan­zie­rungs­mit­tel, son­dern als Vor­aus­set­zung für Ver­trau­en und Planbarkeit.

Merck, Chris­ti­an & Co. – die spä­te­re Merck Finck & Co. – ist ein ande­rer Typus: eine Pri­vat­bank, die das Mün­che­ner Bank­we­sen auf eine dau­er­haf­te­re insti­tu­tio­nel­le Grund­la­ge stell­te. Die Mit­grün­dung durch Cra­mer-Klett illus­triert, dass das süd­deut­sche Finanz­ka­pi­tal der Grün­der­zeit nicht aus dem Nichts ent­stand, son­dern durch Netz­wer­ke per­sön­li­cher Haf­tung und Repu­ta­ti­on auf­ge­baut wur­de, die erst nach­träg­lich in Gesell­schafts­for­men über­führt wurden.

Die Mün­che­ner Rück­ver­si­che­rungs-Gesell­schaft ist schließ­lich das lang­le­bigs­te Erbe. Die Munich Re, gegrün­det 1880, ist heu­te einer der größ­ten Rück­ver­si­che­rer der Welt. Ihre Grün­dungs­lo­gik war schlicht: Das Wachs­tum indus­tri­el­ler und infra­struk­tu­rel­ler Risi­ken über­stieg die Kapa­zi­tät der Erst­ver­si­che­rer. Cra­mer-Klett und sei­ne Mit­grün­der erkann­ten, dass Risi­ko­ag­gre­ga­ti­on auf einer höhe­ren Ebe­ne insti­tu­tio­na­li­siert wer­den muss­te. Das war kei­ne bana­le Beob­ach­tung – es war ein struk­tu­rel­les Urteil über die Gren­zen loka­ler Versicherungsarrangements.

Struk­tu­rel­le Lek­tü­re: Was die­ser Typus erklärt

Cra­mer-Klett ist kein Ein­zel­fall, son­dern ein Typus. Und Typen sind ana­ly­tisch ergie­bi­ger als Aus­nah­me­fi­gu­ren. Was cha­rak­te­ri­siert die­sen Typus?

Ers­tens: Kapi­tal und Kon­trol­le in einer Hand. Der Ban­kier-Indus­tri­el­le des 19. Jahr­hun­derts ist kein pas­si­ver Inves­tor, son­dern ein akti­ver Insti­tu­tio­nen­stif­ter. Er bringt nicht nur Kapi­tal, son­dern orga­ni­siert Erwar­tungs­struk­tu­ren – für Gläu­bi­ger, Lie­fe­ran­ten, Abneh­mer, Mit­ar­bei­ter. Die­se Leis­tung ist nicht durch Markt­kräf­te ersetz­bar; sie erfor­dert Auto­ri­tät, Netz­werk und Reputation.

Zwei­tens: Risi­ko­ag­gre­ga­ti­on als stra­te­gi­sche Kom­pe­tenz. Wer gleich­zei­tig in Indus­trie, Kre­dit und Ver­si­che­rung aktiv ist, diver­si­fi­ziert nicht nur – er erkennt die sys­te­mi­schen Inter­de­pen­den­zen zwi­schen die­sen Fel­dern. Die Mün­che­ner Rück ent­stand nicht trotz Cra­mer-Kletts indus­tri­el­lem Hin­ter­grund, son­dern wegen ihm: Wer weiß, wie Maschi­nen­ri­si­ken ent­ste­hen, weiß auch, wie sie agg­re­giert und trans­fe­riert wer­den müssen.

Drit­tens: Regio­na­le Ver­an­ke­rung als Ska­lie­rungs­gren­ze und Stär­ke. Bay­ern um 1870 war kein natio­na­les Zen­trum, son­dern ein regio­na­ler Markt mit spe­zi­fi­scher Indus­trie­struk­tur, spe­zi­fi­scher Kapi­tal­knapp­heit und spe­zi­fi­schen poli­ti­schen Koor­di­na­ten (Zoll­ver­ein, Reichs­grün­dung, baye­ri­sche Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen). Cra­mer-Kletts Insti­tu­tio­nen waren regio­na­le Ant­wor­ten auf regio­na­le Pro­ble­me – und wur­den dadurch trag­fä­hig, weil sie in kon­kre­te sozia­le und öko­no­mi­sche Struk­tu­ren ein­ge­bet­tet waren.

Eine metho­di­sche Anmerkung

Die wirt­schafts­his­to­ri­sche Wür­di­gung Cra­mer-Kletts – nament­lich durch Rein­hard Sprees Bei­trag – ist ein Bei­spiel dafür, was sys­te­ma­ti­sche Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te leis­ten kann: Sie löst die Fra­ge nach dem Bei­trag ein­zel­ner Akteu­re aus dem Genie-Mythos her­aus und stellt sie in einen struk­tu­rel­len Kon­text. Cra­mer-Klett war nicht erfolg­reich, weil er außer­ge­wöhn­lich war, son­dern weil er zur rich­ti­gen Zeit über die rich­ti­gen Res­sour­cen und die rich­ti­ge Urteils­ka­pa­zi­tät ver­füg­te, um insti­tu­tio­nel­le Lücken zu füllen.

Das ist die Per­spek­ti­ve, die Bank­stil inter­es­siert: nicht der Unter­neh­mer als Per­sön­lich­keit, son­dern der Akteur als Kno­ten­punkt insti­tu­tio­nel­ler Trans­for­ma­tio­nen. In die­sem Sin­ne bleibt Cra­mer-Klett ein loh­nen­des Stu­di­en­ob­jekt – nicht für die Wirt­schafts­ge­schich­te allein, son­dern für jeden, der ver­ste­hen will, wie Finanz­sys­te­me entstehen.

Ralf Keu­per 


Wei­ter­füh­rend: Rein­hard Spree, „Der Indus­trie-Pio­nier und Finan­zier Theo­dor von Cramer-Klett”