Die öffentliche Debatte über den Iran-Konflikt und die Gefährdung der Straße von Hormus konzentriert sich auf Energiepreise und Versorgungssicherheit. Was dabei fast vollständig fehlt, ist die Frage, die Kreditgeber, Investoren und Risikoabteilungen stellen sollten: Wie sind die Kredit- und Finanzrisiken entlang der betroffenen Wertschöpfungsketten bewertet – und werden sie angemessen bepreist?
Die Antwort ist: wahrscheinlich nicht.
Warum Standardmodelle versagen: Die Struktur der Krise
Die Hormus-Krise ist keine klassische Ölpreiskrise, die Risikomodelle seit Jahrzehnten kennen und einpreisen. Sie ist eine simultane Versorgungsstörung in mindestens fünf voneinander unabhängigen Wertschöpfungsketten:
Energie, Basischemikalien (Olefine, Methanol, Ammoniak, BTX, MEG), Industriegase (Helium, Wasserstoff, Spezialgase), Düngemittel (Harnstoff, Phosphate, Schwefel) und Schifffahrt/Logistik. Jede dieser Ketten hat ihre eigene Zeitverzögerung, ihre eigenen Abnehmerstrukturen und ihre eigenen Risikoträger.
Das Kernproblem für Kreditrisikomodelle: Sie sind auf sektorale Störungen kalibriert, nicht auf simultane Systemausfälle. Korrelationsannahmen zwischen Industrie‑, Chemie‑, Agrar- und Logistiksektoren, die in ruhigen Zeiten gering sind, kollabieren in einem Szenario simultaner Ausfälle gegen eins. Die Diversifikation, die im Kreditportfolio als Absicherung gilt, erweist sich als strukturelle Illusion – genau dann, wenn sie gebraucht würde.
Betroffene Kreditnehmer: Eine Taxonomie der Exposition
Rohstoffhändler: Margin-Druck und Kontraktrisiko
Rohstoffhändler wie die Hamburger Helm AG stehen vor einem doppelten Kontraktrisiko: Auf der Abnehmerseite bestehen Lieferverpflichtungen mit vereinbarten Mengen und Preisen. Auf der Beschaffungsseite sind dieselben Volumina – bezogen von QAFCO, SABIC, ADNOC – plötzlich nicht mehr lieferbar oder nur zu Spot-Preisen verfügbar, die weit über den Kontraktpreisen liegen. Die Differenz schlägt unmittelbar auf Liquidität und Eigenkapital durch.
Als privates Unternehmen ohne Kapitalmarktzugang sind Handlungsspielräume begrenzt. Kreditlinien, die für Normalbetrieb dimensioniert sind, reichen bei anhaltender Preisdifferenz zwischen Kontrakt- und Beschaffungsseite nicht aus.
BayWa ist ein noch exponierter Fall, weil das Unternehmen die aktuelle Krise aus einer bereits geschwächten Bilanzlage heraus trifft. Die Restrukturierung 2023⁄24 hat Pufferkapazitäten reduziert, die für einen Preisanstieg bei Düngemitteln und Agrarmitteln jetzt dringend gebraucht würden. Die Gefahr: BayWa gibt den Preisdruck ungefiltert an Abnehmer weiter – und erhöht damit das Kreditrisiko nachgelagerter Handelsstufen.
Glencore ist analytisch der komplexeste Fall. Als gleichzeitiger Produzent, Händler und Finanzakteur in Öl, Schwefel, Metallen und Agrarchemikalien akkumuliert Glencore simultane Risikopositionen in nahezu allen betroffenen Märkten. Glencore kann von Preisanstiegen profitieren, wenn Positionen stimmen – oder massive Verluste fahren, wenn Lieferverpflichtungen nicht erfüllbar sind und Margin Calls in mehreren Büchern gleichzeitig ausgelöst werden. Glencore ist systemisch relevant: Ein Liquiditätsstress bei Glencore pflanzt sich unmittelbar in Rohstoffmärkte fort.
Spezialchemie: Versteckte Vorleistungsrisiken
Evonik Industries und Wacker Chemie sind keine Rohstoffunternehmen – sie gelten als stabile, margenstarke Spezialchemiekonzerne mit guter Kreditqualität. Aber ihre Wertschöpfungsketten reichen tief in petrochemische Grundstoffe hinein, die durch die aktuelle Versorgungsstörung unter Druck geraten.
Evoniks profitabelster Bereich – Animal Nutrition mit dem Kernprodukt Methionin – hat eine doppelte petrochemische Abhängigkeit: Propylen und Methanol sind beide Golfexportprodukte. Ein simultaner Preisanstieg beider Vorprodukte komprimiert Margen in einem Ausmaß, das in normalen Marktbedingungen nicht modelliert wird. Für Kreditgeber, die Evonik-Bonds…
