Wer regiert die deut­sche Wirt­schaft? Walt­her Rathen­au wuss­te es: drei­hun­dert Män­ner, von denen jeder jeden kennt. Das Buch 300 Män­ner. Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG erzählt, wie sie ihr Sys­tem errich­te­ten, was es leistete—und wie es still und ohne gro­ßes Auf­he­ben abge­räumt wur­de. Von der Grün­dungs­ko­ali­ti­on aus Rog­gen und Eisen 1876 bis zu den Mana­gern der 1990er Jah­re, den ambi­tio­nier­ten Über­nah­men, wie im Fall Chrys­ler, der Zer­schla­gung von Höchst und von Invest­ment­ban­king-Ambi­tio­nen, die das zer­leg­ten, was Gene­ra­tio­nen auf­ge­baut hat­ten. Das Drit­te Reich, das Wirt­schafts­wun­der, die Schrö­der-Steu­er­re­form, der Fall Mannesmann—der Autor ver­knüpft die­se Strän­ge zu einer Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te. Das Buch endet mit der Auf­lö­sung. Was es nicht mehr sagt, aber die Lek­tü­re erzwingt: Als for­ma­les Netz­werk ist die Deutsch­land AG verschwunden—als Denk­fi­gur lebt sie unge­bro­chen fort. Staats­gläu­big­keit, Kon­sor­ti­al­lo­gik, Subventionserwartung—die drei­hun­dert Män­ner sind fort, ihre Refle­xe sind geblieben. 


Walt­her Rathen­au wuss­te, wovon er sprach. „Drei­hun­dert Män­ner, von denen jeder jeden kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Geschi­cke des Kontinents”—dieses Dik­tum aus dem Jahr 1909 ist nicht nur der Titel, son­dern die ana­ly­ti­sche Leit­fra­ge des vor­lie­gen­den Buches. Der Autor nimmt es beim Wort: Was ent­stand da eigent­lich, wer waren die­se Män­ner, und war­um ist das Arran­ge­ment, das sie schu­fen, am Ende des 20. Jahr­hun­derts zerfallen?

In dem Buch 300 Män­ner – Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG erzählt Kon­stan­tin Rich­ter die Geschich­te des deut­schen orga­ni­sier­ten Kapi­ta­lis­mus als Institutionengeschichte—und das mit einer erzäh­le­ri­schen Kraft, die wirt­schafts­his­to­ri­sche Sach­bü­cher sel­ten errei­chen. Es beginnt mit der Grün­dungs­ko­ali­ti­on von 1876, dem Cen­tral­ver­band deut­scher Indus­tri­el­ler, des­sen pro­gram­ma­ti­scher Name für das ent­ste­hen­de Ver­bands­we­sen steht: „Rog­gen und Eisen”, die Alli­anz aus Agra­ri­er und Schwer­indus­trie gegen den Frei­han­del, die im Rück­blick wie der Grün­dungs­akt eines Sys­tems wirkt, das über hun­dert Jah­re tra­gen soll­te. Dass August Bebel im Foy­er des Reichs­tags den neu­en Typus des Lob­by­is­ten mit Abscheu beob­ach­te­te, gehört zu den schö­ne­ren Befun­den die­ses Buches—der orga­ni­sier­te Kapi­ta­lis­mus und die orga­ni­sier­te Arbeit wuch­sen gleich­zei­tig, als Reak­ti­on aufeinander.

Der eigent­li­che Reich­tum des Buches liegt in sei­nen Figu­ren. Wer­ner Sie­mens erscheint als Pro­to­typ des deut­schen Inge­nieurs­un­ter­neh­mers: miss­trau­isch gegen­über angel­säch­si­scher Finanz­in­dus­trie, anti­se­mi­tisch grun­diert, und doch von einer Urteils­si­cher­heit über Geschäfts­mo­del­le, die ihn befä­higt, Edi­sons Glüh­bir­nen­prä­sen­ta­ti­on in Paris zwar zu igno­rie­ren, aber sofort das Kon­kur­renz­pro­dukt von Swan zu lizen­zie­ren. Sein Selbst­bild als Erfin­der und Gelehr­ter kol­li­diert struk­tu­rell mit dem, was sei­ne Fir­ma von ihm ver­langt. Anders Emil Rathen­au: Wo Sie­mens in Edi­son nur das ame­ri­ka­ni­sche Blend­werk sieht, erkennt Rathen­au das Systemversprechen—nicht tau­send Glüh­bir­nen, son­dern Schal­ter, Siche­run­gen, Lei­tun­gen, das Fun­da­ment, um die Welt zum Leuch­ten zu brin­gen. Die­se Gegen­über­stel­lung ist ana­ly­tisch dicht: Sie­mens denkt vom Pro­dukt her, Rathen­au denkt in Infrastruktur.

Die Mana­ge­ria­li­sie­rung des deut­schen Kapi­ta­lis­mus, die Alfred D. Chand­lers „Visi­ble Hand” für den ame­ri­ka­ni­schen Fall beschrie­ben hat, voll­zieht sich in Deutsch­land mit spe­zi­fi­scher Prä­gung. Carl Duis­berg bei Bay­er steht für den Typus des wis­sen­schaft­li­chen Mana­gers, der die For­schung indus­tria­li­siert, ohne sie zu kor­rum­pie­ren. Die Box-Sys­te­me, die kol­lek­ti­ven Labor­land­schaf­ten, der Grund­satz, dass Che­mi­ker bes­ser in Teams als ein­zeln forschen—all das ver­weist auf eine Inno­va­ti­ons­ar­chi­tek­tur, die nicht zufäl­lig war. Sie war Ergeb­nis einer bewuss­ten Insti­tu­tio­nen­bil­dung, getra­gen von Kai­ser-Wil­helm-Insti­tu­ten und Phy­si­ka­lisch-Tech­ni­scher Reichs­an­stalt, finan­ziert aus pri­va­tem und staat­li­chem Kapi­tal. Der Autor notiert lako­nisch, dass Deutsch­land nie wie­der so vie­le bril­lan­te Wis­sen­schaft­ler her­vor­brin­gen soll­te wie in die­ser Zeit—und dass sie kei­ne Elfen­bein­turm­be­woh­ner waren.

Ein roter Faden, der das Buch von der Kai­ser­zeit bis in die Gegen­wart durch­zieht, ist die struk­tu­rel­le Fixie­rung der deut­schen Wirt­schaft auf Qua­li­tät und das Pre­mi­um­seg­ment. Wer­ner Sie­mens’ Ver­ach­tung für den ame­ri­ka­ni­schen Schnell­geld­ma­cher Edi­son ist nicht nur Charaktersache—sie ist Aus­druck einer tief sit­zen­den kul­tu­rel­len Über­zeu­gung, dass deut­sche Inge­nieurs­kunst ame­ri­ka­ni­sches Blend­werk über­trump­fen müs­se. Die­se Hal­tung schreibt sich fort. Als der For­dis­mus in den 1920er Jah­ren zum Modell der Zukunft wird, trifft er in Deutsch­land auf orga­ni­sier­ten Wider­stand: Kon­ser­va­ti­ve, Gewerk­schafts­füh­rer, Betriebs­rä­te und Tarif­ver­hand­ler leh­nen die ame­ri­ka­ni­schen Pro­duk­ti­ons­me­tho­den ab, die eigen­wil­li­gen Fach­ar­bei­tern kei­ne Rol­le mehr las­sen. Ford braucht für die Her­stel­lung eines Wagens einen Bruch­teil der Arbeits­stun­den, die die Deut­schen benö­ti­gen. Die Nach­fra­ge nach dem Volks­au­to ist real, aber die deut­sche Auto­in­dus­trie ver­wei­gert sich ihr—zu vie­le Fach­ar­bei­ter, zu hohe Lohn­kos­ten, zu wenig brei­te Mit­tel­schicht als Käu­fer­ba­sis. Daim­ler und Benz fokus­sie­ren sich auf eine klei­ne Grup­pe kauf­kräf­ti­ger Kun­den und ent­wi­ckeln die hohen Prei­se, die bedeu­ten­de Fir­men wie Daim­ler und Benz ver­lan­gen kön­nen, zu einem Geschäfts­mo­dell. Dass Volks­wa­gen schließ­lich ent­steht, ist kein Markt­re­sul­tat, son­dern Staatsakt—und genau dar­in liegt die Iro­nie: Das ein­zi­ge wirk­lich mas­sen­markt­fä­hi­ge Pro­dukt der deut­schen Auto­mo­bil­in­dus­trie ver­dankt sei­ne Exis­tenz dem Dik­tat eines Dik­ta­tors, der der frei­en Wirt­schaft droh­te, sie sei andern­falls nicht fähig, als freie Wirt­schaft wei­ter­zu­be­stehen. Die Pre­mi­um­ori­en­tie­rung, die das Buch als früh ange­leg­te Struk­tur­ei­gen­schaft des deut­schen Kapi­ta­lis­mus her­aus­ar­bei­tet, ist also nicht nur Stärke—sie ist auch das insti­tu­tio­nel­le Erbe einer Indus­trie, die das Mas­sen­markt­den­ken nie wirk­lich ver­in­ner­licht hat und dafür bis heu­te einen Preis zahlt.

Was Andrew Shon­field in Modern Capi­ta­lism als „orga­ni­zed pri­va­te capi­ta­lism” beschrie­ben hat, nimmt in den Kapi­teln zur Deutsch­land AG kon­kre­te Gestalt an: ein dich­tes Netz wech­sel­sei­ti­ger Betei­li­gun­gen zwi­schen Groß­ban­ken und Indus­trie­un­ter­neh­men, das der Deut­schen Bank ermög­lich­te, als Schutz­pa­tron gegen feind­li­che Über­nah­men zu fun­gie­ren, und das zugleich eine infor­mel­le Koor­di­na­ti­ons­lo­gik schuf, die regu­lie­rungs­sei­tig nie­mals erzwun­gen wer­den muss­te. Die Sit­zun­gen im Köl­ner Domi­zil von Fritz Berg, BDI-Prä­si­dent, wo Kanz­ler Ade­nau­er und füh­ren­de Indus­tri­el­le sich zur Aus­rich­tung der Wirt­schaft berieten—das ist nicht Kor­rup­ti­on, son­dern insti­tu­tio­na­li­sier­te Sub­or­di­na­ti­on, die man je nach theo­re­ti­schem Stand­punkt als sys­te­mi­sche Stär­ke oder als struk­tu­rel­len Demo­kra­tie­de­fi­zit lesen kann.

Die Kapi­tel zur Wei­ma­rer Repu­blik zei­gen das Über­le­bens­kal­kül der gro­ßen Unter­neh­men in einer Zeit mehr­fa­cher Schocks. Revo­lu­ti­on, Hyper­in­fla­ti­on, Weltwirtschaftskrise—die Fir­men erwie­sen sich als resi­li­ent nicht trotz, son­dern wegen ihrer spe­zi­fi­schen Gover­nan­ce: lang­fris­tig ori­en­tier­tes Manage­ment, fami­liä­re und stif­tungs­ge­bun­de­ne Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, eine impli­zi­te Inter­es­sen­ge­mein­schaft mit Gewerk­schaf­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten, die man im Kriegs­fall als Part­ner gefun­den hatte.

Doch das Buch wäre unvollständig—und unehr­lich —, wenn es bei der Resi­li­en­z­ge­schich­te ste­hen blie­be. Zwi­schen Wei­ma­rer Repu­blik und Wirt­schafts­wun­der liegt das Drit­te Reich, und der Autor wid­met die­sem Kapi­tel bemer­kens­wer­te ana­ly­ti­sche Schär­fe. Das Ver­hält­nis von Wirt­schaft und NS-Staat war kein ein­fa­ches: Mal zwang der Staat die Unter­neh­men in Pro­jek­te, die sie nicht woll­ten, mal nutz­ten die Unter­neh­men den Staat als Hebel für Expan­si­on, die sie nie auf eige­ne Rech­nung gewagt hät­ten. Hit­ler tritt 1937 auf der Auto­mo­bil­aus­stel­lung auf und droht der Bran­che: Ent­we­der sei die freie Wirt­schaft in der Lage, Pro­ble­me wie das Volks­au­to zu lösen, oder sie sei nicht fähig, als freie Wirt­schaft wei­ter­zu­be­stehen. Die Auto­in­dus­trie woll­te den KdF-Wagen nicht—zu wenig Mar­ge, zu viel Inves­ti­ti­ons­ri­si­ko. Also wird das Pro­jekt Robert Leys Deut­scher Arbeits­front über­tra­gen, die das Gewerk­schafts­ver­mö­gen beschlag­nahmt hat und über aus­rei­chen­de Mit­tel ver­fügt. Volks­wa­gen ent­steht als Staats­un­ter­neh­men, die Werks­pla­nung ori­en­tiert sich an Detroit, Por­sche reist zwei­mal nach Detroit—und neben­bei drängt Por­sche sei­nen jüdi­schen Teil­ha­ber Rosen­ber­ger zum Nenn­wert von 3000 Reichs­mark aus dem Unter­neh­men. Unter den Natio­nal­so­zia­lis­ten legt Por­sche die Grund­la­gen für das spä­te­re Welt­un­ter­neh­men und für den Auf­stieg einer Dynas­tie. Von den Natio­nal­so­zia­lis­ten pro­fi­tie­ren nicht bloß die Unter­neh­men, son­dern auch die Inha­ber: gan­ze Fami­li­en wie die Quandts, die Flicks, die Por­sches, deren Ver­mö­gen das Kriegs­en­de über­dau­ern, so dass die Erben bis heu­te zu den reichs­ten Deut­schen zählen.

Ähn­lich auf­schluss­reich ist das Kapi­tel über die Her­mann-Göring-Wer­ke. Die Schwer­indus­trie lehnt es ab, die Erz­fel­der rund um Salz­git­ter zu erschließen—zu hoher Säu­re­ge­halt, zu teu­er, zu auf­wän­dig. Göring, der im Juli 1937 zum Unter­neh­mens­grün­der wider Wil­len wird, setzt sich über den Wider­stand der Ver­ei­nig­ten Stahl­wer­ke mit einer Dro­hung hin­weg, die im Tele­gramm an die Teil­neh­mer der ent­schei­den­den Sit­zung gip­felt: „Heil Hit­ler! Göring.” Bin­nen weni­ger Jah­re sam­meln die Her­mann-Göring-Wer­ke Hun­der­te Unter­neh­men in ganz Euro­pa ein—von den Sko­da-Wer­ken in Pil­sen bis zur Deutsch-Bul­ga­ri­schen Chrom­erz­berg­bau AG in Sofia. Und mit den mili­tä­ri­schen Sie­gen eröff­nen sich für die gesam­te deut­sche Wirt­schaft neue Räu­me: Beim Anschluss Öster­reichs lädt Göring die Wirt­schafts­füh­rer auf eine Boots­fahrt ein—das Boot gehört der Donau­dampf­schif­fahrts­ge­sell­schaft, die den Her­mann-Göring-Wer­ken gehört—und ver­teilt die öster­rei­chi­sche Wirt­schaft unter den Anwe­sen­den: Krupp erhält die Bern­dor­fer Metall­wa­ren­fa­brik, IG Far­ben über­nimmt Pul­ver­fa­bri­ken, die Dresd­ner Bank fusio­niert die Wie­ner Län­der­bank. Anschluss, Anne­xi­on des Sude­ten­ge­biets, Zer­schla­gung der Tschechoslowakei—die deut­schen Unter­neh­men fol­gen dem Mili­tär jeweils ein paar Tage nach dem Ein­marsch und kon­kur­rie­ren um die Beu­te. Was his­to­ri­sche Geschichts­bü­cher oft als Zwang schil­dern, zeigt der Autor als Sym­bio­se: ein alter Traum wird wahr, eine euro­päi­sche Wirt­schafts­uni­on unter deut­scher Vor­herr­schaft. Die eigent­li­chen Geis­tes­grö­ßen indes—die wah­ren Nobelpreisträger—sind längst emi­griert. Por­sche erhält den Deut­schen Natio­nal­preis für Kunst und Wis­sen­schaft, die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Vari­an­te des Nobel­prei­ses, zusam­men mit Ernst Hein­kel und Wil­ly Mes­ser­schmitt; in Prince­ton sucht Albert Ein­stein nach einer Theo­ry of Everything.

Die Kon­ti­nui­tät der Per­so­nen nach 1945 ist das eigent­lich Skan­da­lö­se: Her­mann Josef Abs, Vor­stands­mit­glied der Deut­schen Bank seit 1938, der Ari­sie­run­gen beglei­te­te und Kriegs­fi­nan­zie­rung orga­ni­sier­te, wur­de zum zen­tra­len Archi­tek­ten des Wie­der­auf­baus und des Wirt­schafts­wun­ders. Das Wirt­schafts­wun­der, so die impli­zi­te Dia­gno­se des Buches, war nicht ohne das Wir­ken sol­cher Män­ner denkbar—und es errich­te­te die Deutsch­land AG nach 1949 auf den­sel­ben Fun­da­men­ten, mit weit­ge­hend den­sel­ben Personen.

Dann der Bruch—und der Autor arbei­tet sei­ne insti­tu­tio­nel­len Ursa­chen sorg­fäl­tig her­aus. Den Anfang mar­kiert Alfred Herr­hau­sen, der die Deut­sche Bank auf den Weg des Invest­ment­ban­kings führt und damit aus dem Schutz­pa­tron der Indus­trie schritt­wei­se eine Insti­tu­ti­on macht, die dem anglo­ame­ri­ka­ni­schen Kapi­tal­markt­mo­dell nach­ei­fert. Herr­hau­sen selbst fällt 1989 dem RAF-Atten­tat zum Opfer, bevor er sieht, wohin der ein­ge­schla­ge­ne Weg führt. Sei­ne Nach­fol­ger voll­zie­hen die Trans­for­ma­ti­on: Die Bank kauft Mor­gan Gren­fell, dann Ban­kers Trust, sie ver­sucht, im glo­ba­len M&A‑Geschäft zu den gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Häu­sern aufzuschließen—und zahlt dafür über Jahr­zehn­te einen enor­men Repu­ta­ti­ons­preis. Libor-Mani­pu­la­ti­on, Geld­wä­sche­vor­wür­fe, Abschrei­bun­gen in Mil­li­ar­den­hö­he: Was als stra­te­gi­scher Auf­stieg gemeint war, wird zur lan­gen Geschich­te des insti­tu­tio­nel­len Schei­terns in einem Geschäfts­mo­dell, das die Bank nie wirk­lich beherrschte.

Die brei­te­re Logik hin­ter die­ser Trans­for­ma­ti­on ist das Share­hol­der-Value-Den­ken, das in den 1990er Jah­ren auch die deut­schen Groß­kon­zer­ne und Ban­ken erfasst. Kapi­tal­ver­flech­tun­gen, die jahr­zehn­te­lang als Sta­bi­li­täts­an­ker gal­ten, erschei­nen nun als Ballast—unrentable Buch­po­si­tio­nen, die Kapi­tal bin­den und die Akti­en­kur­se drü­cken. Die Ban­ken und Ver­si­che­run­gen begin­nen, ihre Indus­trie­be­tei­li­gun­gen abzu­sto­ßen. Den ent­schei­den­den gesetz­li­chen Anstoß lie­fert die Unter­neh­mens­steu­er­re­form der Regie­rung Schrö­der, die 2002 in Kraft tritt: Gewin­ne aus der Ver­äu­ße­rung von Kapi­tal­an­tei­len wer­den steu­er­frei gestellt. Was jah­re­lang fis­ka­lisch unat­trak­tiv war, wird damit auf einen Schlag loh­nend. Der Ver­flech­tungs­kno­ten der Deutsch­land AG löst sich in weni­gen Jah­ren auf—nicht durch Zwang, son­dern durch einen steu­er­li­chen Anreiz, der genau in jene Rich­tung zielt, die das Share­hol­der-Value-Den­ken ohne­hin schon vor­ge­ge­ben hatte.

Die Kapi­tel zur Gene­ra­ti­on Mid­del­hoff, Schr­empp, Esser und Dor­mann sind das Bit­ters­te des Buches—nicht weil der Autor mora­li­siert, son­dern weil er zeigt, wie eine Mana­ger­ge­ne­ra­ti­on, die im eng­lisch­spra­chi­gen Raum sozia­li­siert wor­den war und die anglo­ame­ri­ka­ni­sche Kapi­tal­markt­lo­gik ver­in­ner­lich­te, die infor­mel­len Sta­bi­li­sie­rungs­re­geln des alten Sys­tems inner­halb weni­ger Jah­re außer Kraft setz­te. Die Ein­zel­fäl­le spre­chen für sich. Tho­mas Mid­del­hoff, der Ber­tels­mann zum glo­ba­len Medi­en­kon­zern trans­for­mie­ren woll­te, wird von Eigen­tü­mer Rein­hard Mohn vor die Tür gesetzt und endet Jah­re spä­ter mit einer rechts­kräf­ti­gen Gefäng­nis­stra­fe. Jür­gen Dor­mann zer­legt Hoechst—eines der tra­di­ti­ons­reichs­ten deut­schen Indus­trie­un­ter­neh­men, Erbin der IG Far­ben und Kern der deut­schen Chemieindustrie—ohne gro­ße Not und gibt es in die Hän­de fran­zö­si­scher Kon­zer­ne; Bun­des- und Lan­des­po­li­tik schau­en zu, die Gewerk­schaf­ten schwei­gen. Jür­gen Schr­empp schei­tert kolos­sal mit sei­ner Visi­on der „Welt-AG” und der Über­nah­me von Chrys­ler, die als trans­at­lan­ti­sche Fusi­on der Glei­chen ange­kün­digt wird und als teu­rer Feh­ler endet. Klaus Esser ser­viert Man­nes­mann Voda­fone auf dem Silbertablett—wenngleich unfrei­wil­lig, unter dem Druck eines feind­li­chen Über­nah­me­an­ge­bots, gegen das die erprob­ten Abwehr­me­cha­nis­men der alten Deutsch­land AG nicht mehr grei­fen. Die Deut­sche Bank, seit der Grün­dung des Unter­neh­mens im Jahr 1890 Haus­bank von Man­nes­mann, rührt kei­nen Fin­ger. Das war kei­ne per­sön­li­che Ent­schei­dung, son­dern eine sys­te­mi­sche Wei­chen­stel­lung, deren Kon­se­quen­zen der Autor im Epi­log nüch­tern bilan­ziert: Die DAX-40-Kon­zer­ne sind mehr­heit­lich in aus­län­di­scher Hand, die deut­schen Ban­ken haben ihre Indus­trie­be­tei­li­gun­gen auf­ge­ge­ben, das Pro­fil des deut­schen Groß­kon­zerns ist selt­sam unscharf geworden.

Eine der ein­dring­lichs­ten Beob­ach­tun­gen des Buches ist dabei kei­ne neue. Anfang 1966 ver­öf­fent­licht der Spie­gel eine fünf­zehn Sei­ten lan­ge Geschich­te mit dem Titel „Ist das Wirt­schafts­wun­der zu Ende?” Das Maga­zin warf einen nost­al­gi­schen Blick zurück auf die gro­ßen Wundergeschichten—Neckermann, Grun­dig, Springer—um sodann düs­ter in die Zukunft zu schau­en. Man sei dabei, die Schlacht um den künf­ti­gen Wohl­stand zu ver­lie­ren, schrieb der Spie­gel: ver­säumt, in Bil­dung zu inves­tie­ren, in For­schung und Ent­wick­lung; die Talen­te wan­der­ten aus; an den bedeu­ten­den Inno­va­tio­nen der letz­ten Jahre—Computern, Laser­tech­nik, Erb­for­schung, Raumfahrt—sei man nicht betei­ligt gewe­sen; das Geld statt­des­sen in groß­zü­gig bemes­se­ne Sozi­al­aus­ga­ben geflos­sen; selbst die Auto­bran­che, des Wun­ders liebs­tes Kind, wach­se nicht mehr wie gehabt. Das Selt­sa­me dabei, hält der Autor lako­nisch fest: Die­se Geschich­te ist danach immer wie­der geschrie­ben worden—in den 1980er Jah­ren, in den 2000er Jah­ren, und auch in jüngs­ter Zeit wie­der. Es ist der Abge­sang auf die deut­sche Wirt­schaft als Dau­er­gat­tung. Die struk­tu­rel­len Defi­zi­te, die 1966 benannt wur­den, sind die­sel­ben, die heu­te dia­gnos­ti­ziert wer­den. Was das bedeu­tet, liegt auf der Hand: nicht kon­junk­tu­rel­les Pech, son­dern insti­tu­tio­nel­le Lernresistenz.

Was bleibt? Der Autor stellt die Fra­ge, ob das Ende der Deutsch­land AG eine Befrei­ung war oder ein Ver­lust insti­tu­tio­nel­ler Sub­stanz, die sich nicht so leicht erset­zen lässt. Er gibt kei­ne ein­fa­che Antwort—und das ist viel­leicht das Klügs­te an die­sem Buch.

Eines aber lässt sich dem Befund hin­zu­fü­gen, der über das Buch selbst hin­aus­geht: Die Deutsch­land AG als for­ma­les Netz­werk ist auf­ge­löst, als Denk­fi­gur aber lebt sie fort—und zwar in einer Form, die das Schlech­tes­te des alten Sys­tems kon­ser­viert, ohne das Bes­te zu erhal­ten. Die impli­zi­te Erwar­tungs­hal­tung, dass der Staat die gro­ßen Risi­ken trägt, wäh­rend die Unter­neh­men die Gewin­ne ein­strei­chen, ist nicht ver­schwun­den, son­dern hat sich von der infor­mel­len Koor­di­na­ti­on in die offe­ne Sub­ven­ti­ons­po­li­tik ver­la­gert. Deut­sche Wirt­schafts­füh­rer neh­men staat­li­che Hil­fen in Anspruch, um eige­ne Inves­ti­ti­ons­ri­si­ken zu mini­mie­ren, und tra­gen eine Ener­gie­po­li­tik mit, die zu mas­siv stei­gen­den Kos­ten führt und einen Umbau der gesam­ten Wirt­schafts­struk­tur erfordert—einen Umbau, der, wie sie eigent­lich wis­sen müss­ten, Jahr­zehn­te benö­tigt, sofern er über­haupt gelingt. Solan­ge Sub­ven­tio­nen flie­ßen, ist vie­les recht. Das ist nicht mehr die alte Deutsch­land AG, die auf Gegen­sei­tig­keit beruh­te und insti­tu­tio­nel­le Ver­pflich­tun­gen kannte—es ist ihre Ver­falls­form: Staats­gläu­big­keit ohne Gegen­leis­tung, Risi­ko­mi­ni­mie­rung auf Kos­ten der All­ge­mein­heit. Beson­ders deut­lich wird das an der Auto­mo­bil­in­dus­trie, die jahr­zehn­te­lang poli­tisch bevor­zugt behan­delt wur­de und dar­über ver­säumt hat, sich auf die struk­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen durch Elek­tro­mo­bi­li­tät und chi­ne­si­sche Kon­kur­renz vorzubereiten.

Dabei ver­dient ein Befund beson­de­re Auf­merk­sam­keit, der im Buch allen­falls impli­zit anklingt, aber ana­ly­tisch erheb­lich ist: Eini­ge der erfolg­reichs­ten deut­schen Unter­neh­men der Nach­kriegs­zeit waren nie­mals Teil der Deutsch­land AG. Aldi, Lidl, New Yor­ker, SAP—keines die­ser Unter­neh­men gehör­te dem Netz­werk wech­sel­sei­ti­ger Betei­li­gun­gen und infor­mel­ler Koor­di­na­ti­on an. Sie hat­ten kei­ne Haus­bank im alten Sin­ne, kei­ne Auf­sichts­rä­te als Ver­hand­lungs­in­stanz, kei­ne Ein­bin­dung in bran­chen­über­grei­fen­de Kon­sor­ti­en. Und genau das dürf­te ein wesent­li­cher Grund für ihren inter­na­tio­na­len Erfolg sein: Sie konn­ten Stra­te­gie ohne insti­tu­tio­nel­len Kon­sens ent­wi­ckeln, Risi­ken ein­ge­hen ohne Rück­sicht auf das Netz­werk, Geschwin­dig­keit ent­fal­ten ohne die Rei­bungs­ver­lus­te kol­lek­ti­ver Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Das legt eine Schluss­fol­ge­rung nahe, die das Buch offen lässt, aber die Lek­tü­re erzwingt: Leben jen­seits der Deutsch­land AG war nicht nur mög­lich, son­dern unter Umstän­den die Vor­aus­set­zung für dau­er­haf­ten Erfolg. Wer nie Teil des Netz­werks war, muss­te nie das Schei­tern des Netz­werks verarbeiten.

Beson­ders auf­schluss­reich ist schließ­lich, dass die Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gik der Deutsch­land AG auch in den gro­ßen Digi­tal­kon­sor­ti­en der jüngs­ten Zeit unge­bro­chen fort­lebt. Gaia‑X, das euro­päi­sche Cloud-Infra­struk­tur­pro­jekt, und Catena‑X, das Daten­netz­werk der Auto­mo­bil­in­dus­trie, fol­gen exakt der alten Blau­pau­se: bran­chen­über­grei­fen­de Groß­kon­sor­ti­en unter staat­li­cher För­de­rung, mit dem Ziel, durch kol­lek­ti­ves Han­deln den Rück­stand gegen­über ame­ri­ka­ni­schen und chi­ne­si­schen Platt­form­an­bie­tern auf­zu­ho­len. Die Logik ist die­sel­be wie bei Rog­gen und Eisen—die gemein­sa­me Inter­es­sen­ge­mein­schaft gegen die aus­län­di­sche Über­macht. Nur passt die­se Logik nicht mehr in die Zeit. Platt­form­öko­no­mie ver­langt Geschwin­dig­keit, Risi­ko­be­reit­schaft und die Fähig­keit, pro­prie­tä­re Stan­dards zu set­zen, bevor der Markt sich kon­so­li­diert hat. Was die Deutsch­land AG in der Kai­ser­zeit als Stär­ke auszeichnete—die Fähig­keit zur gedul­di­gen, kon­sen­sua­len Institutionenbildung—wird im Platt­form­wett­be­werb zur struk­tu­rel­len Schwä­che. Gaia‑X ist dar­über zu einem Ver­hand­lungs­ge­gen­stand gewor­den, bevor es ein Pro­dukt ist. Die drei­hun­dert Män­ner sind abge­tre­ten. Ihre Kon­sor­ti­al­lo­gik besteht fort.

Ralf Keu­per