Ein neu­es agen­ten­ba­sier­tes Modell simu­liert Bank Runs unter Ein­schluss sozia­ler Medi­en und zeigt: Nicht Fun­da­men­tal­da­ten allein, son­dern die Über­lap­pung von Ein­le­ger­ge­mein­schaf­ten und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len ent­schei­det dar­über, ob aus einer loka­len Ban­ken­stö­rung eine sys­te­mi­sche Kas­ka­de wird.


Die klas­si­sche Theo­rie des Bank Runs—prominentestes Modell: Dia­mond und Dyb­vig (1983)—beschreibt das Phä­no­men als Koor­di­na­ti­ons­pro­blem mit mul­ti­plen Gleich­ge­wich­ten. Ent­we­der zie­hen nur die wirk­lich illi­qui­den Ein­le­ger ab, oder alle tun es gleich­zei­tig, weil alle erwar­ten, dass alle ande­ren es tun. Wel­ches Gleich­ge­wicht sich rea­li­siert, bleibt in die­sen Model­len letzt­lich offen, abhän­gig von „Sunspots”—exogenen Koor­di­na­ti­ons­si­gna­len ohne inhä­ren­ten Infor­ma­ti­ons­ge­halt. Glo­bal-Games-Ansät­ze à la Mor­ris und Shin ver­fei­nern das Bild durch das Ein­füh­ren pri­va­ter Signa­le: Ein Gleich­ge­wicht lässt sich ein­deu­tig bestim­men, wenn Ein­le­ger unvoll­stän­di­ge Infor­ma­tio­nen über den Bank­zu­stand haben. Doch auch hier bleibt die Koor­di­na­ti­ons­dy­na­mik abstrakt—ein theo­re­ti­scher Mecha­nis­mus ohne ope­ra­ti­ve Beschrei­bung des Pro­zes­ses selbst.

Genau hier setzt ein neue­res For­schungs­pro­jekt an, das sich der SVB-Kri­se vom März 2023 als Kali­brier­ba­sis bedient. Die Autoren argu­men­tie­ren, dass die Aus­brei­tungs­dy­na­mik moder­ner Bank Runs ohne expli­zi­te Model­lie­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur, Netz­werk­he­te­ro­ge­ni­tät und Feed­back­schlei­fen in sozia­len Medi­en nicht adäquat zu beschrei­ben ist. Ihr Werk­zeug: ein agen­ten­ba­sier­tes Simu­la­ti­ons­mo­dell, in dem Ein­le­ger nicht als homo­ge­ne Mas­se, son­dern als ver­netzt-hete­ro­ge­ne Indi­vi­du­en mit unter­schied­li­cher Risi­ko­to­le­ranz und unter­schied­li­chem Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tungs­ver­hal­ten auftreten.

Drei Blö­cke, ein Modell

Der Modell­auf­bau glie­dert sich in drei Kom­po­nen­ten. Die Banken—kalibriert auf SVB, First Repu­blic und eine regio­na­le Kontrollbank—sind mit rea­lis­ti­schen Bilanz­pa­ra­me­tern aus­ge­stat­tet: Liqui­di­tät, illi­qui­de Akti­va, Ein­la­gen­so­ckel, endo­ge­ne Stress- und Aus­fall­wahr­schein­lich­keits­in­di­zes sowie Liqui­da­ti­ons­hair­cuts (SVB: 0,85; First Repu­blic: 0,88; Regio­nal­bank: 0,90). FDIC-ähn­li­che Schwel­len­wer­te defi­nie­ren, ab wel­chem kumu­la­ti­ven Abzug eine Bank als „sei­zed” gilt.

Die Ein­le­ger unter­schei­den sich in ihrer Gewich­tung von Fun­da­men­tal­da­ten gegen­über sozia­ler Infor­ma­ti­on sowie in ihrem Ver­si­che­rungs­sta­tus. Pro Simu­la­ti­ons­pe­ri­ode erhal­ten sie drei Signa­le: den aktu­el­len Bank­zu­stand, die Abzugs­quo­te der Vor­pe­ri­ode und die Posts ihrer sozia­len Nach­barn. Aus die­sem Input gene­rie­ren sie eine Entscheidung—„withdraw” oder „stay”—und optio­nal einen eige­nen Social-Media-Post.

Das sozia­le Netz­werk inner­halb jeder Bank folgt einer hea­vy-tail­ed Ver­tei­lung mit Kern-Peri­phe­rie-Struk­tur, kali­briert auf tat­säch­li­che Twit­ter-Akti­vi­tät wäh­rend der SVB-Kri­se. Zwi­schen den Ban­ken exis­tie­ren soge­nann­te „Bridge-Ein­le­ger” sowie asym­me­tri­sche Infor­ma­ti­ons­s­pill­overs, die aus Lag-Regres­sio­nen von Tweet-Zeit­rei­hen abge­lei­tet wur­den. Die Ent­schei­dungs­lo­gik der Agen­ten wird durch ein Lar­ge Lan­guage Model (GPT‑4.1‑mini) erzeugt, das zero-shot auf struk­tu­rier­te Prompts ant­wor­tet und gegen Labor­ex­pe­ri­men­te zu Bank Runs vali­diert wurde.

Was das Modell zeigt—und was nicht

Ver­gli­chen mit den klas­si­schen Theo­rie­mo­del­len lie­fert das neue Simu­la­ti­ons­mo­dell das über­zeu­gen­de­re Bild der Rea­li­tät. Das Dia­mond-Dyb­vig-Modell kann zwar erklä­ren, dass ein Bank Run mög­lich ist—es sagt aber nichts dar­über, wann und war­um er tat­säch­lich ein­setzt. Das Mor­ris-Shin-Modell geht einen Schritt wei­ter und kommt unter rea­lis­ti­schen Annah­men zu dem Schluss, dass ein Run so gut wie unver­meid­lich ist—und schießt damit über das Ziel hin­aus: Bei der SVB zogen Ein­le­ger vor der Schlie­ßung rund 24 Pro­zent der Ein­la­gen ab, kein voll­stän­di­ger Zusam­men­bruch also, son­dern ein par­ti­el­ler. Das agen­ten­ba­sier­te Modell trifft genau die­ses Mus­ter: Wer kei­ne Ein­la­gen­si­che­rung hat, zieht in mehr als acht von zehn Simu­la­tio­nen sein Geld ab; wer abge­si­chert ist, bleibt eher. Und der Pro­zess läuft nicht schlag­ar­tig ab, son­dern ent­wi­ckelt sich Schritt für Schritt—je nach­dem, was Nach­barn im Netz­werk tun und berichten.

In 4.900 Konfigurationen—einem Git­ter über Netz­werk- und Spillover-Parameter—treten drei zen­tra­le Befun­de hervor.

Ers­tens: Die Kas­ka­de von 2023 lässt sich repro­du­zie­ren. SVB schei­tert zuerst, First Repu­blic folgt mit erhöh­ten Abzugs­ra­ten, die Regio­nal­bank bleibt über­wie­gend sta­bil. Unver­si­cher­te Ein­le­ger zie­hen im Schnitt 2,4‑mal häu­fi­ger ab als versicherte.

Zwei­tens: Das Modell zeigt ein zwei­tes, beson­ders auf­schluss­rei­ches Phä­no­men: Es gibt kei­nen flie­ßen­den Über­gang zwi­schen Sta­bi­li­tät und Kol­laps, son­dern einen Kipp­punkt. Solan­ge die Nach­rich­ten und Nar­ra­ti­ve rund um die SVB-Kri­se nur begrenzt auf ande­re Insti­tu­te über­grei­fen, über­steht First Repu­blic die Kri­se in den meis­ten Sze­na­ri­en. Über­schrei­tet die Inten­si­tät die­ser Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung jedoch einen bestimm­ten Schwel­len­wert, schlägt die Situa­ti­on abrupt um—und First Repu­blic schei­tert in der Mehr­zahl der Simu­la­tio­nen. Ein klei­ner Unter­schied in der Stär­ke des Nar­ra­tivs kann also den Aus­schlag zwi­schen Ret­tung und Unter­gang geben. Klas­si­sche Gleich­ge­wichts­mo­del­le kön­nen die­sen Mecha­nis­mus grund­sätz­lich nicht abbil­den, weil sie nicht beschrei­ben, wie sich ein Pro­zess über die Zeit aufschaukelt—sie zei­gen nur den End­zu­stand, nicht den Weg dorthin.

Drit­tens: Die Kanä­le inter­agie­ren nicht­li­ne­ar. Hohe Kon­nek­ti­vi­tät allein genügt nicht für star­ke Anste­ckung. Spill­over allein auch nicht. Erst die Kom­bi­na­ti­on von Bridge-Ein­le­gern, dicht ver­netz­ten Gra­phen und hin­rei­chen­dem Nar­ra­tiv-Trans­fer zwi­schen Insti­tu­ten erzeugt Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten, die deut­lich über der Sum­me der Ein­zel­wir­kun­gen liegen.

Sozia­le Kor­re­la­ti­on als eigen­stän­di­ge Risikodimension

Die kon­zep­tio­nel­le Schluss­fol­ge­rung der Autoren ver­dient beson­de­re Auf­merk­sam­keit: Sie schla­gen vor, „sozia­le Kor­re­la­ti­on”—die Über­lap­pung von Ein­le­ger­ge­mein­schaf­ten und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len—als eigen­stän­di­gen, mess­ba­ren Risi­ko­fak­tor zu behan­deln. Ana­log zu kor­re­lier­ten Ver­mö­gens­po­si­tio­nen im Markt­ri­si­ko wirkt die­ser Fak­tor nicht über Bilanz­kenn­zah­len, son­dern über Erwar­tun­gen und Koordinationsdynamiken.

Für Auf­sichts­be­hör­den und Stress­test-Archi­tek­tu­ren hät­te das prak­ti­sche Kon­se­quen­zen: Maße wie Audi­ence-Over­lap, gemein­sa­me Influen­cer-Reich­wei­ten oder Ret­weet-Netz­wer­ke zwi­schen Ein­le­ger­grup­pen ver­schie­de­ner Insti­tu­te lie­ßen sich als Sze­na­rio­pa­ra­me­ter ein­füh­ren. Eben­so wäre die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik einer Bank—Reaktionsgeschwindigkeit, Glaub­wür­dig­keit, Ton­la­ge in Krisenzeiten—explizit als Resi­li­enz­fak­tor modellierbar.

Das Modell selbst bleibt ein „Sandbox”-Instrument mit erkenn­ba­ren Gren­zen: ver­ein­fach­te Bilanz­dy­na­mi­ken, klei­ne Agen­ten­zah­len, kei­ne Real­lo­ka­ti­on abge­zo­ge­ner Ein­la­gen, voll­stän­di­ge Beob­acht­bar­keit der Fun­da­men­tal­da­ten. Die­se Ein­schrän­kun­gen sind den Autoren bewusst; sie rah­men ihre Arbeit aus­drück­lich als Grund­la­ge für wei­ter­ge­hen­de, kali­brier­te sozia­le Risikomessung.

Fazit

Der eigent­li­che Bei­trag liegt weni­ger in der Modell­archi­tek­tur als in der kon­zep­tio­nel­len Ver­schie­bung: Bank Runs sind kei­ne rei­nen Liqui­di­täts­er­eig­nis­se, die sich in Bilanz­re­la­tio­nen abbil­den las­sen. Sie sind Kom­mu­ni­ka­ti­ons­er­eig­nis­se, deren Aus­brei­tung von der sozia­len Topo­lo­gie der Ein­le­ger­schaft abhängt. Wer das igno­riert, betreibt Stress­test-Design an der Rea­li­tät vorbei—zumindest an der Rea­li­tät des digi­ta­len Ban­ken­we­sens, in dem ein Nar­ra­tiv auf Twit­ter bzw. mitt­ler­wei­le X schnel­ler dif­fun­diert als jede Einlagensicherungsmitteilung.