Goldman Sachs automatisiert seit einem halben Jahr mit künstlichen Agenten Kernfunktionen in Buchhaltung, Regelüberwachung und Kundenaufnahme. Das Management spricht von „Effizienzgewinnen” und versichert, Jobverluste seien „verfrüht” – während gleichzeitig die „Begrenzung des Personalwachstums” angekündigt wird. Was hier als Versuchsprojekt beginnt, ist mehr als eine technische Verbesserung: Es ist die Vollendung dessen, was Daniel Bell 1973 als “intellektuelle Technologie” beschrieb – die Verlagerung kognitiver Arbeit und institutionellen Urteilsvermögens in technische Systeme. Nur geschieht diese Umwälzung schneller, radikaler und unübersichtlicher, als Bell es sich vorstellen konnte. Die Frage ist nicht, ob diese Transformation kommt, sondern wer ihre Kosten trägt – und wer ihre Risiken kontrolliert.
Bells Vision wird Wirklichkeit – aber anders
Als Daniel Bell 1973 Die nachindustrielle Gesellschaft beschrieb, unterschied er grundlegend zwischen zwei Arten von Technologie: Maschinentechnologien, die in der Industriegesellschaft physische Arbeit ersetzten, und intellektuelle Technologien, die zunehmend kognitive, regelbasierte Tätigkeiten übernehmen würden. Bell sprach von Operations Research, Systemanalyse, Entscheidungstheorie – algorithmischen Verfahren zur Entscheidungsfindung, die menschliches Urteilsvermögen formalisieren und automatisieren.
Was Goldman Sachs jetzt mit künstlichen Agenten macht, ist die radikale Verwirklichung von Bells Voraussage. Nur dass die intellektuellen Technologien nicht mehr nur Hilfsmittel für menschliche Entscheider sind, sondern eigenständige Akteure in kritischen Geschäftsabläufen werden. Bell konnte sich 1973 Operations-Research-Modelle vorstellen, die Managern bei Entscheidungen halfen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass fünfzig Jahre später Softwareagenten selbstständig Millionen von Handelsgeschäften abgleichen, Regelkonformität beurteilen und nur noch Ausnahmefälle an Menschen weiterreichen.
Der Unterschied ist fundamental: Bell dachte an Werkzeuge, die menschliche Intelligenz erweitern. Was wir jetzt erleben, ist die Substitution menschlicher Urteilskraft durch z.T. undurchsichtige Systeme – nicht als Hilfsmittel, sondern als Ersatz.
Die Mechanik der Schönfärberei
„Zu früh, um mit Jobverlusten zu rechnen” und „Begrenzung des Personalwachstums” in derselben Mitteilung – das ist ein Lehrbuchbeispiel für jene sprachliche Doppelstrategie, die Veränderungen ankündigt, ohne ihre Folgen zu benennen. Goldman Sachs arbeitet seit einem halben Jahr mit fest eingebundenen Ingenieuren von Anthropic an selbstständigen Softwareagenten für Handelsabrechnung, Transaktionsabgleich und Kundenidentifikation. Die Systeme werden ausdrücklich als „digitale Mitarbeiter” beschrieben, die Millionen von Handelsgeschäften abgleichen, Dokumente prüfen und Abweichungen markieren – Aufgaben, die heute große Verwaltungsteams beschäftigen[1]https://x.com/HedgieMarkets/status/2020311619419713864.
Der Technikchef gibt offen zu, man sei „überrascht” gewesen, wie gut die künstliche Intelligenz Claude bei regelbasierten Tätigkeiten außerhalb reiner Programmierung arbeitet. Diese Überraschung ist das eigentliche Signal: Was als Werkzeug für Softwareentwicklung getestet wurde, entpuppt sich als allgemeine Automatisierungsschicht für sämtliche dokumenten- und regelbasierten Arbeitsabläufe. Buchhaltung, Regelüberwachung, Rechtsprüfung – überall dort, wo Arbeit sich als Abfolge aus „Daten durchsehen, Regeln anwenden, Sonderfälle weitergeben” formalisieren lässt, wird die Technik einsatzfähig.
Die nächsten Einsatzfelder sind bereits benannt: Mitarbeiterüberwachung zur Prüfung der Regeleinhaltung und Erstellung von Präsentationen für das Investmentbanking. Was sich hier abzeichnet, ist nicht die Verbesserung einzelner Abläufe, sondern die systematische Durchdringung der gesamten betrieblichen Struktur einer erstklassigen Bank durch selbstständige Systeme.
Personalsprache: Schleichender Abbau als Strategie
Offiziell heißt es, man erwarte „zunächst” Effizienzgewinne und werde „externe Dienstleister reduzieren”. Gleichzeitig kündigt die Geschäftsführung im Rahmen der Neuorganisation ausdrücklich eine „begrenzte Verringerung von Stellen” an. Was hier stattfindet, ist kein abrupter Personalabbau, sondern eine methodische Umwandlung über natürliche Personalabgänge und Einstellungsstopp.
Die Mathematik ist einfach: Wenn ein Softwareagent die Leistung pro Mitarbeiter um ein Vielfaches steigert, kann dieselbe Arbeitsmenge in wenigen Jahren mit deutlich weniger Vollzeitstellen bewältigt werden – ohne das Wort „Massenentlassung” je benutzen zu müssen. Bei Fluktuationsraten im zweistelligen Prozentbereich und Tausenden von Mitarbeitenden in Regelüberwachung und Buchhaltung reicht es, freiwerdende Stellen nicht nachzubesetzen. Die soziale Anpassungslast wird vollständig auf den Einzelnen abgewälzt; was als „Modernisierung” dargestellt wir…
References
| ↑1 | https://x.com/HedgieMarkets/status/2020311619419713864 |
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