Wenn das Denken in Sicherheiten überwiegt und hausgemachte Fehler dazu kommen – Der Konkurs eines Computerhändlers

Von Ralf Keuper
Um die Jahrtausendwende wurden Banken und Unternehmen gleichermaßen von der Goldgräberstimmung an den Börsen erfasst. Zu dieser Zeit schien nichts unmöglich zu sein, von allen Seiten winkten Wachstumsmärkte mit unbegrenzten Möglichkeiten. Die Finanzierung vorausgesetzt, konnte ein Unternehmen, das in der richtigen Branche, d.h. in der IT unterwegs war, eigentlich nichts mehr falsch machen. Als eines von vielen Beispielen für den Höhenflug und Absturz am Neuen Markt steht der Computerhändler m+s Elektronik AG

Als m+s seine Pläne für den Börsengang schmiedete und Ausschau nach einer Konsortialbank hielt, standen die Banken Schlange. Der Börsengang erfolgte dann unter der Regie der m+s – Hausbanken Commerzbank und DG Bank, letztere Vorgängerinstitut der heutigen DZ Bank. 
Zu der Zeit verfügte m+s bei sieben Banken über eine Kreditlinie von je 14 Mio. DM, was bei einem Umsatz von 1 Mrd. DM nicht ungewöhnlich war bzw. ist. Etwas ungewöhnlich war der Umstand, dass keine der Banken Sicherheiten für die Kreditlinie verlangte; lediglich auf die Gleichbehandlung legten die Banken großen Wert. 
Mit dem Geld aus dem Börsengang wollte m+s einige Übernahmen tätigen, um seine Marktstellung auszubauen. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass die Annahmen über die weitere Geschäftsentwicklung allzu optimistisch waren. Die als Folge der Jahrtausendumstellung erhofften zusätzlichen Aufträge beispielsweise erfüllten sich nicht. 
Das Unheil nahm seinen Lauf, als die DG Bank nach einer Ad hoc Meldung von m+s über einen Verlust ohne Rücksprache mit der Firmenleitung die Kreditlinie kündigte. Und das, obwohl das Geschäftskonto von m+s zu dem Zeitpunkt mit 58.000 DM im Plus stand. 
Zu einer weiteren Verschärfung der Situation führte der Anschlag vom 11.9.2001, in dessen Folge die Banken dazu übergingen, ihre Kreditvergabepolitik zu verändern, d.h. restriktiver zu handhaben. 
Im weiteren Verlauf kündigten auch die anderen Banken ihre Kreditlinie, worauf m+s in eine bedrohliche Schieflage geriet. So kam eines zum anderen. 
Als verheerend erwies sich der hohe Forderungsbestand von m+s. Viele Kunden, darunter auch die Commerzbank, zahlten ihre Rechnungen nicht oder nur schleppend. Ein Teufelskreis. 
Obwohl dem Unternehmen von verschiedenen Unternehmensberatungen die Sanierungsfähigkeit attestiert wurde, konnten sich die Banken unter Führung der Deutschen Bank nicht dazu durchringen, das Unternehmen zu finanzieren. Zu guter Letzt meldete m+s Insolvenz an und verschwand vom Markt. 
Für den Niedergang des Unternehmens wurden von mehreren Seiten die Banken verantwortlich gemacht. Einige unterstellten sogar eine gezielte Absicht, was mir abwegig erscheint, wenngleich die Banken sich hier nicht verausgabt haben – im wahrsten Sinne des Wortes. Plausibler ist für mich dagegen das, was der Soziologe Dirk Baecker als den blinden Fleck in der Intelligenz der Banken bezeichnet.  Das Dilemma bestehe, so Baecker, darin, dass die Banken den Kern ihres Geschäftes auf die Sicherheiten legten, d.h. in dem vorliegenden Fall auf die Verwertung der Sicherheiten. Das Denken in Sicherheiten führe daher zu einer Risikovermeidung um jeden Preis. Dabei sei die Hauptaufgabe der Banken die eine Risikohändlers und Risikoverarbeiters. 
Nach meinen Eindruck waren die Banken darauf bedacht, Sicherheiten zu bekommen, nachdem sie jahrelang darauf verzichteten, und sie dann so schnell wie möglich zu verwerten, um das Engagement nicht mit Verlust, möglichst mit einem Gewinn abzuschließen. Wenn wir dann noch die üblichen Anreizsysteme in den Banken, vor allem zu der Zeit, berücksichtigen, wäre ein davon abweichendes Verhalten für die betroffenen Banker nicht unbedingt karriereförderlich gewesen. Daraus folgt nicht, dass man sich nicht anders hätte entscheiden können und ggf. sollen. Nur – unter den gegebenen Umständen war die Aussicht gering. 
Obschon die Banken sich in dem vorliegenden Fall nicht mit Ruhm bekleckert haben, so darf man die Unternehmensleitung von ihrer Verantwortung nicht freisprechen. Schon damals waren sich einige Beobachter einig, dass die Expansionsstrategie und weitere hausgemachte Fehler den Untergang von m+s verursacht haben, jedenfalls einen großen Anteil daran hatten, wie in den Beiträgen Zweitgrösstes deutsches Systemhaus hat sich mit Expansionsstrategie übernommen und Der Untergang der M+S
Die Strategie des Unternehmens hätte aufgehen können, wenn nicht einige externe Ereignisse einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. So aber begab sich das Unternehmen vom Wachstumsrausch geleitet in die Abhängigkeit der Banken, die dann, als sich herausstellte, dass auch m+s nicht über Wasser laufen kann, wohl überstürzt, die Reißleine zogen. 
Das ist einer der Gründe, weshalb einige Familienunternehmen in Deutschland, wie Oetker, einem Börsengang nicht viel abgewinnen können und stattdessen darauf bedacht sind, in keine existenzbedrohende Abhängigkeit von Banken oder vom Kapitalmarkt zu geraten. 
Sicherlich nicht für jedes Unternehmen ein gangbarerer Weg. Es kann ja auch funktionieren, wenn …  
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