„Sparkassen-Skandale“: Einzelfälle ohne weitere Aussagekraft?

Von Ralf Keuper

Lange Zeit war auch ich der Ansicht, dass es sich bei den „Sparkassen-Skandalen“, über die in den Medien seit einiger Zeit verstärkt berichtet wird, um Einzelfälle handelt, die keine weiteren Aufschlüsse zulassen. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Banken- und Sparkassen-Skandale sind in der Vergangenheit immer wieder mal vorgekommen, wie in Schleswig im Jahr 1928. Besonders spektakulär war der Postsparkassenskandal im Jahr 1926 in Österreich. In Südtirol sorgt derzeit das Buch Bankomat – Die Millionenverluste der Südtiroler Sparkasse für Aufregung.

In Deutschland reißen jedenfalls seit einiger Zeit die Meldungen über „Sparkassen-Skandale“ nicht ab. Hier eine Liste von Artikeln aus dem (Berichts-)Zeitraum 2010 – 2015 ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Handelt es sich dabei noch immer nur um Einzelfälle, oder haben wir mittlerweile einen Punkt erreicht, ab dem wir von Evidenz sprechen können?

Je mehr Daten vorliegen, aus denen man Belege erzeugen kann, und je überzeugender die Kombinationen von Experimenten sind, die für eine Argumentation verwendet werden, desto unwahrscheinlicher werden weitere Interpretationen gemacht: Erst die Kombination und die Einschränkung der Interpretationsmöglichkeiten führen dann zu einer Evidenz mit hoher Überzeugungskraft. (in: Heureka. Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch)

Lässt sich allein aus der Häufung von Skandal-Meldungen, die über einen längeren Zeitraum beobachtet werden können, Evidenz ableiten? Welche Bedeutung, welche Funktion hat ein Skandal? Was ist eigentlich ein echter Skandal?

In seinem Buch Skandal: Eine Psychologie des Unerhörten legt Christian Schütze die Latte für einen veritablen Skandal hoch:

Erst wenn ein Ärgernis entsteht, weil ein Missstand nicht von selbst oder auf normalem Wege beseitigt wird, erst wenn der außerordentliche Weg, den der Skandal nimmt, zum Erfolg führt, erst dann soll – unserer Definition entsprechend – von einem Skandal gesprochen werden.

Übertragen auf den vorliegenden Fall: Können die Missstände, die durch die Skandale an die Öffentlichkeit gelangen auf normalen Wege behoben werden, d.h. sind die Sparkassen bzw. ist die Sparkassenorganisation in der Lage, die Ursachen abzustellen, sofern diese struktureller Art sind? Provozieren, wie das manager magazin schreibt, die Governance-Strukturen der Sparkassen die Missstände?

Mit Alfred Kieser, Max Weber u.a. gehen wir hier davon aus, dass formale Strukturen das Handeln in Organisationen in einem hohen Maß bestimmen. Um diese Annahme zu überprüfen, bietet sich der Vergleich mit einer Institutsgruppe an, die über einen ähnlichen organisatorischen Aufbau und eine adäquate Marktpräsenz verfügt – wie die Genossenschaftsbanken.

So weit ich sehen kann, sind Skandal-Meldungen aus dem Sektor der Genossenschaftsbanken deutlich geringer an Zahl, als bei den Sparkassen, was nicht allein darauf zurückgeführt werden kann, dass die Sparkassen mehr Mitarbeiter und Filialen haben. Die Vertreter der Genossenschaftsbanken weisen gerne und zu Recht darauf hin, dass während der Finanzkrise kein genossenschaftliches Institut vom Staat „gerettet“ werden musste. Unter den Landesbanken dagegen, die zur Sparkassenorganisation gezählt werden, waren einige, die in der einen oder anderen Form vom Staat gestützt werden mussten.

Angesichts dessen liegt die Vermutung nahe,  dass die Organisationskultur der Genossenschaftsbanken Elemente bzw. Eigenheiten aufweist, die Missstände eindämmen bzw. ausschließen (Vgl. dazu: Das Volksbank-Geheimnis). Was könnten die Sparkassen daraus lernen?

Skandale, so Schütze, sind Anzeichen dafür, dass es in der Gesellschaft arbeitet. Schütze zitiert Marcel Amyé, für den der Skandal der Agent der Transformation der Sitten und der Institutionen ist.

Ob die Sparkassen-Skandale tatsächlich Vorboten einer Transformation in dem von Amyé beschriebenen Sinne sind, muss die Zukunft erst noch zeigen. Skandale, auch wenn sie eine Institution in hoher Zahl betreffen oder heimsuchen, reichen alleine nicht aus, um daraus Prognosen ableiten zu können, selbst zur Diagnose sind sie nur bedingt geeignet. Skandale kommen und gehen.

Dennoch ist unübersehbar, dass die Sparkassen derzeit einem enormen Anpassungsdruck ausgesetzt sind. Der Rahmen ihres Geschäfts, das Wettbewerbsumfeld haben sich gewandelt, die Akzeptanz in der Gesellschaft droht zu schwinden. Hinzu  kommen noch die veränderte Medienlandschaft bzw. der erneute Strukturwandel der Öffentlichkeit, denen sich kaum noch mit den herkömmlichen Instrumenten erfolgreich begegnen lässt. Als teilnehmender Beobachter gewinnt man nicht selten den Eindruck, dass man sich im Sparkassenlager in gestalteten Umwelten (Karl Weick) bewegt und sich die Kommunikation an den Prinzipien der Höfischen Gesellschaft (Norbert Elias) orientiert. Für eine Finanzgruppe, die wie keine andere in Deutschland der Öffentlichkeit verpflichtet ist, nicht wirklich eine optimale Unternehmenspolitik.

Diese Haltung konnten sich die Sparkassen so lange leisten, wie für die Kunden keine ernsthaften Alternativen zur Verfügung standen. Diese Zeit neigt sich jedoch dem Ende zu. Auch Sparkassen sind, wie alle anderen gesellschaftlichen Institutionen, nur Gebilde der bzw. auf Zeit.

Institutionen, wie Banken und Sparkassen, müssen heute mehr denn je, der Öffentlichkeit ihre Legitimation vermitteln:

Das Problem der Legitimation entsteht unweigerlich erst dann, wenn die Vergegenständlichung einer institutionalen Ordnung einer neuen Generation vermittelt werden muss. Zu diesem Zeitpunkt kann .. der Gewissheitscharakter der Institutionen nicht länger mehr mittels Erinnerung und Habitualisierung aufrechterhalten werden (in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit).

Vor einiger Zeit schrieb ich dazu, u.a. in Die Legitimitätskrise der Banken:

Finanzkrisen, selbst Kriege haben den Banken bis heute nicht viel anhaben können. Auch eine Vertrauenskrise, und sei sie noch so schwerwiegend, ist noch keine existenzbedrohende Gefahr.

Brisant wird es erst dann, wenn Alternativen zur Verfügung stehen, deren symbolische Sinnwelt, deren Funktion besser zur Gesellschaft passen:

„Das Auftauchen einer alternativen symbolischen Sinnwelt ist eine Gefahr, weil ihr bloßes Vorhandensein empirisch demonstriert, dass die eigene Sinnwelt nicht wirklich zwingend ist. (Berger/Luckmann)

Denn:

„Weil Sinnwelten historische Produkte der Aktivität von Menschen sind, verändern sie sich“ (ebd.).

Mittlerweile stehen im Internet genügend alternative Symbolwelten zur Auswahl und die Erkenntnis greift um sich, dass das alte Banking lediglich ein historisches, zeitlich bedingtes Phänomen ist, das sich verändert und verschwinden kann.

Die eigentliche Gefahr des echten Skandals nach Schütze besteht demnach darin, dass er die Bildung eines neuen Verhaltens und einer veränderten Einstellung dem Banking gegenüber begünstigt bzw. beschleunigt. Die Gesellschaft wartet also gar nicht mehr die Behebung des Missstandes ab, sondern umgeht ihn.

Weitere Informationen / Update:

Sparkassen-Skandal: Die Fragen und Antworten

Kreistag fordert Aufklärung von Sparkassen-Vorstand

Sparkassen-Mitarbeiter veruntreut offenbar rund 200.000 Euro

Banker vergreifen sich an Kundenkonten

War es das schon für den Sparkassenchef in Leverkusen?

Sparkasse Gütersloh setzt ihre Sammlung verlorener Prozesse unbeirrt fort

Geheimniskrämerei um Sparkassen-Kredit

Grüne kritisieren Vergütung der Sparkassen-Verwaltungsräte

Skandale bei Sparkassen: Gier, Geltungssucht, Geheimniskrämerei

Sparkassen-Kassierer will Geld nicht für sich veruntreut haben

Dieser Beitrag wurde unter Regionalbanken abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu „Sparkassen-Skandale“: Einzelfälle ohne weitere Aussagekraft?

  1. Pingback: Sparkasse Gütersloh setzt ihre Sammlung verlorener Prozesse unbeirrt fort | Bankstil

  2. Pingback: Sparkasse Gütersloh setzt ihre Sammlung verlorener Prozesse unbeirrt fort | Westfalenlob

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.