Über 3.000 auf­ge­bro­che­ne Schließ­fä­cher, ein igno­rier­ter Alarm, “kata­stro­pha­le” Koope­ra­ti­on mit Ermitt­lern: Der Ein­bruch in die Spar­kas­se Gel­sen­kir­chen-Buer beschä­digt weit mehr als einen Tre­sor­raum. Er atta­ckiert die nor­ma­ti­ve Grund­la­ge einer Insti­tu­ti­ons­ty­pus, des­sen Son­der­sta­tus sich durch das Ver­spre­chen von Sicher­heit und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung legi­ti­miert. Der Fall offen­bart die Ero­si­on die­ser Legi­ti­ma­ti­on – nicht durch einen ein­zel­nen Skan­dal, son­dern durch die sys­te­ma­ti­sche Dis­kre­panz zwi­schen insti­tu­tio­nel­lem Anspruch und orga­ni­sa­tio­na­ler Wirk­lich­keit. Eine Fall­stu­die über Rou­ti­ne als Risi­ko, Com­pli­ance als Ersatz für Kom­pe­tenz und die schlei­chen­de Aus­höh­lung öffent­lich-recht­li­cher Glaubwürdigkeit.


Am Mor­gen des 29. Dezem­ber 2025 ent­deck­ten Ein­satz­kräf­te nach einem Brand­mel­de­alarm in der Spar­kas­sen­fi­lia­le Gel­sen­kir­chen-Buer einen Tre­sor­raum im Zustand voll­stän­di­ger Plün­de­rung. Fast alle 3.250 Schließ­fä­cher waren auf­ge­bro­chen, ihr Inhalt wahl­los auf dem Boden ent­leert. Die Täter hat­ten sich über ein angren­zen­des Park­haus Zugang ver­schafft, im Archiv­raum ein etwa 40 Zen­ti­me­ter gro­ßes Loch durch die Wand in den Tre­sor­raum gebohrt und dort metho­disch Schließ­fach um Schließ­fach geknackt.

Was zurück­blieb: meh­re­re Hun­dert­tau­send Gegen­stän­de, die nun hän­disch sor­tiert wer­den müs­sen, ver­zwei­fel­te Kun­den, die um Fami­li­en­schmuck und Lebens­er­spar­nis­se ban­gen, und eine Insti­tu­ti­on, deren Sicher­heits­ar­chi­tek­tur sich als Kulis­se erwies.

Die Ana­to­mie des Versagens

Der Fall Gel­sen­kir­chen ist bemer­kens­wert nicht nur wegen der kri­mi­nel­len Ener­gie der Täter, son­dern vor allem auch wegen der struk­tu­rel­len Inkom­pe­tenz der Insti­tu­ti­on. Bereits am Sams­tag, 27. Dezem­ber, um 6:15 Uhr lös­te die Brand­mel­de­an­la­ge Alarm aus. Feu­er­wehr, Poli­zei und Sicher­heits­dienst rück­ten an, fan­den “nichts Auf­fäl­li­ges” und kate­go­ri­sier­ten den Vor­fall als Fehl­alarm. Um 10:45 Uhr des­sel­ben Tages bra­chen die Täter das ers­te Schließ­fach auf. Sie arbei­te­ten über Tage, wäh­rend die Insti­tu­ti­on in Fehl­alarm-Rou­ti­ne verharrte.

Die­se Epi­so­de ist mehr als ein Unglücks­fall – sie illus­triert, was Karl Weick als “sen­se­ma­king under pres­su­re” beschreibt: Orga­ni­sa­tio­nen inter­pre­tie­ren Signa­le nicht neu­tral, son­dern durch die Bril­le bis­he­ri­ger Erfah­run­gen. Ein Alarm wird nicht als poten­zi­el­le Bedro­hung behan­delt, son­dern als tech­ni­sche Stö­rung ein­ge­ord­net, weil dies dem Erwar­tungs­mus­ter ent­spricht. Die Insti­tu­ti­on ope­riert auf Auto­pi­lot, unfä­hig, Anoma­lien als Warn­si­gna­le zu deuten.

Die Sicher­heits­ar­chi­tek­tur selbst offen­bart ein Den­ken in Com­pli­ance-Kate­go­rien statt in Bedro­hungs­sze­na­ri­en. Video­über­wa­chung lief offen­bar nur wäh­rend der Öff­nungs­zei­ten – als wür­den Ein­bre­cher sich an Geschäfts­zei­ten hal­ten. Bewe­gungs­mel­der im Trep­pen­haus waren abge­klebt, bohr­sen­si­ti­ve Sen­so­ren in Wän­den und Decken mög­li­cher­wei­se nicht vor­han­den. Dies ist kei­ne Sicher­heits­ar­chi­tek­tur, die auf die Logik orga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät abge­stimmt ist, son­dern eine, die for­ma­le Anfor­de­run­gen erfüllt und dabei sys­te­ma­tisch blind bleibt für rea­le Verwundbarkeiten.

Mus­ter statt Einzelfall

Der struk­tu­rel­le Cha­rak­ter des Pro­blems wird deut­lich, wenn man den Fall in Serie setzt. Seit 2012 gab es meh­re­re gro­ße Schließ­fach­ein­brü­che in Deutsch­land – in drei Vier­teln der Fäl­le waren Spar­kas­sen betrof­fen. Lübeck (Deut­sche Bank, 2021), Nor­der­stedt (Has­pa, 2021), nun Gel­sen­kir­chen: Das Mus­ter ist iden­tisch. Täter ver­schaf­fen sich über benach­bar­te Gebäu­de Zugang, boh­ren sich durch Wän­de, nut­zen Zeit­fens­ter, in denen Sicher­heits­sys­te­me pas­siv bleiben.

Was hät­te die Spar­kas­se Gel­sen­kir­chen aus die­sen Fäl­len ler­nen kön­nen? Alles. Was hat sie gelernt? Offen­bar nichts. Dies ist kein Ein­zel­ver­sa­gen, son­dern ein sys­te­mi­sches Pro­blem: Deut­sche Insti­tu­tio­nen sind her­vor­ra­gend dar­in, Stan­dards zu erfül­len, aber struk­tu­rell unfä­hig, aus Prä­ze­denz­fäl­len orga­ni­sa­tio­na­les Ler­nen zu gene­rie­ren. Sie ope­rie­ren in dem, was James March als “explo­ita­ti­on trap” beschreibt – der Fokus liegt auf Effi­zi­enz im Bekann­ten, nicht auf Explo­ra­ti­on von Bedrohungsszenarien.

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