Am 17. März 2026 veröffentlichten SEC und CFTC gemeinsam ein 68-seitiges Interpretationsdokument, das nach eigenem Bekunden „mehr als ein Jahrzehnt regulatorischer Unsicherheit” beendet. SEC-Chef Paul S. Atkins formulierte das Selbstbild der neuen Behörde knapp: „We’re not the ’securities and everything commission’ anymore.” Der Tonfall ist der eines Befreiungsschlags – und verdient als solcher institutionentheoretische Skepsis.
Was technisch als Token-Taxonomie firmiert, ist strukturell ein Jurisdiktionskompromiss: Fünf Kategorien (Digital Commodities, Digital Collectibles, Digital Tools, Stablecoins, Digital Securities) sollen das jahrelange Behördenpatt zwischen SEC und CFTC auflösen, das intern als „Turf War” bezeichnet wurde. 16 Kryptowerte – darunter Bitcoin, Ethereum und Solana – gelten fortan als „Digital Commodities” und fallen primär unter CFTC-Aufsicht. Airdrops, Protocol Mining und Staking werden explizit aus dem Wertpapierrecht herausgenommen.
Die Logik der Interpretation
Interpretationsrecht ist schwächeres Recht. Atkins selbst konzediert, das Dokument sei „not a panacea” und lediglich eine Übergangslösung bis zur gesetzlichen Kodifikation durch den CLARITY Act, der seit dem Sommer 2025 im Senat blockiert ist. Was als Meilenstein inszeniert wird, ist institutionenrechtlich ein Verwaltungsakt auf Abruf: ohne Gesetzeskraft, ohne parlamentarische Legitimation, rücknehmbar.
Dieser Befund ist nicht trivial. Genslers Vorgänger-Strategie – Regulierung durch Enforcement – wurde von der Industrie zu Recht kritisiert. Atkins’ Gegenstrategie – Regulierung durch Interpretation – löst das Grundproblem nicht: Rechtssicherheit, die auf administrativer Kulanz beruht, ist strukturell fragil.
Institutionelle Konstellation und ihre Treiber
Der Schwenk erklärt sich nicht aus neuer regulatorischer Weisheit, sondern aus der politischen Konstellation der Trump-Administration: Das erklärte Ziel, die USA zur „Crypto Capital of the World” zu machen, ist wirtschaftspolitisches Programm. Atkins und CFTC-Chef Selig agieren als Vollzugsorgane einer finanz- und industriepolitischen Agenda, nicht als autonome Regulierungsbehörden im klassischen Sinne.
Das ist keine Kritik an der Sache – es ist eine Kritik an der Erzählung. Wenn Behörden ihre Maßnahmen als neutrale Rechtserhellung darstellen, während sie faktisch politische Präferenzen umsetzen, entsteht eine institutionelle Schere zwischen Selbstdarstellung und Funktion. Luhmann würde sa…
