New Banking: Endstation digitaler Totalitarismus?

Von Ralf Keuper
Seit einiger Zeit geht ein Slogan um, der im Gewand naturgesetzlicher Strenge verkündet: 

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.

Was hat es damit auf sich? Was bedeutet das für das Banking?
Dass sich die Digitalisierung zu immer mehr Lebensbereichen der Menschen Zutritt verschafft, ist unbestritten. Ohne Frage ist diese Entwicklung, d.h. die Überführung von Tätigkeiten, die bisher noch zu einem gewissen Grad im analogen Modus verrichtet wurden, wie manuelles Eintippen von Belegen, Geldabheben am GAA oder Bankschalter, die schrittweise Ablösung des Bargelds durch Mobile und Online Payments und demnächst womöglich durch digitale Währungen, der Übergang von Formularen und Scheckkarten in den digitalen, elektronischen Zustand, noch lange nicht an ihre Ende gekommen. Nicht auszuschließen, dass demnächst Roboter Dienstleistungen erbringen, die bisher noch in die Zuständigkeit der Kundenberater fielen.
Folgt daraus aber, dass diesem Prozess keinerlei Grenzen gesetzt sind, das also alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert wird bzw. werden muss? Kann es sein, dass wir uns hier wie im Rausch auf einen Digitalen Totalitarismus zu bewegen – und das längst nicht nur im Banking?
Wie sähe eine Welt aus, in der alles digitalisiert wird, was nur irgend geht?
Digitalisierung bedeutet, dass letztlich alles messbar gemacht werden kann. Das reicht von der Messung der Gesundheit/Fitness, der finanziellen Performance bis hin zum Smart Home, das in einer Smart City eingebettet ist. Wenn wir uns mal nicht in unserem Smart Home aufhalten, bewegen wir uns in unserem Connected Car zwischen den verschieden Lebens- und Arbeitswelten, wozu auch die Bank zählt. Hin und wieder sind wir genötigt, ein Geschäft, einen Arzt oder eine Behörde aufzusuchen, aber nur, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden lässt. Die Versorgung mit Gütern ist fast vollständig über Drohnen gesichert. 
Alles, was den Fluss der Daten aufhält, ist ineffizient. Der Mensch ist hier eine Reibungsfläche, die mit der Zeit glatt geschliffen wird. 

Alles fließt

so steht es schließlich schon bei Heraklit. Friedrich Cramer war in seinem Buch Der Zeitbaum noch der Ansicht, dass Struktur gebremste Zeit sei. Demnächst haben wir auch diesen Zustand überwunden. Streaming ist der neue Modus. 
Das ist dann nicht mehr allzu weit entfernt von Ernst Jüngers Totaler Mobilmachung in seiner Schrift Der Arbeiter. Der digitale Ameisenstaat, Selbstauflösung als Lebens- und Gesellschaftsziel. 
Abwegig? 
Vielleicht.
Keine Frage: Die Digitalisierung fiel nicht vom Himmel, sie ist nicht das Werk finsterer Mächte. Es liegt in unserer Hand, häufiger als wir denken, diesen Prozess zu gestalten, ohne in Kulturpessimismus zu verfallen. Es geht keinesfalls darum, die Digitalisierung zu verteufeln, und ihre Vorzüge klein zu reden. Allerdings ist auch hier Augenmaß wichtig. Längst nicht alles, was digitalisiert werden kann, muss und darf auch digitalisiert werden. Das gute alte Handwerk, die Manufakturen sind Beispiele dafür. Weiterhin würde eine fast vollständige Digitalisierung, so sie denn durchführbar ist, das Systemrisiko vervielfachen. Ein Ausfall eines, oder mehrere zentraler Knoten, hätte unabsehbare Konsequenzen, sei es im Bereich Energie, Militär oder Banking (Hochfrequenzhandel). Die Utopie der durchdigitalisierten Gesellschaft kann letztlich nur funktionieren, wenn alles in einem bestimmten Modus, einem Akkord läuft. Harmonie, statt Disharmonie, Gleichklang und Monotonie. Das klingt nicht wirklich verlockend oder innovativ. 
Es daher gar nicht mal so weit her geholt, wenn Matthias Horx prophezeit, dass Medien-Süchtige künftig ebenso sanktioniert werden, wie Raucher. Um das zu verhindern, benötigen wir eine gesundes Maß an (Selbst-) Kritik. 
Kurzum: Mehr Erasmier und weniger Propheten eines platten Digitalen Totalitarismus. 
Die fortschreitende Digitalisierung wird das Gesicht von Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Die Grenzen werden neu gezogen. Davon sind in besonderer Weise die Banken betroffen. Die alten Geschäfts- und Denkmodelle funktionieren nicht mehr. Der alte Bankstil ist an sein Ende gelangt. Lieb gewordene Denkmuster lösen auf, neue bilden sich.  Neue Formen, neue Stilarten des Banking entstehen. Sie werden noch stärker als bisher digital sein; daneben wird die analoge Komponente weiter eine Rolle spielen, was nicht heißen muss, dass die Filialen eine Renaissance erleben werden. Reale Orte, an denen die Menschen sich zu einem Gespräch, Informationsaustausch über Fragen des Banking treffen werden, wird es aber auch künftig noch geben. 
Gut möglich, dass wir irgendwann eine Phase der Re-Analogisierung im Banking erleben. 
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