In ihrem Roman “Der Geld­ver­lei­her” lässt Cathe­ri­ne Gore 1843 einen Kre­dit­ge­ber die Logik des Kapi­tals erklä­ren – mit einer Klar­heit, die heu­ti­gen Finanz­ana­lys­ten zur Ehre gerei­chen wür­de. Die Struk­tu­ren, die sie beschreibt, haben sich ver­fei­nert und glo­ba­li­siert. Ihre Grund­lo­gik ist geblieben.


Als der jun­ge Theo­dor Fon­ta­ne in den 1840er Jah­ren einen deut­schen Ver­le­ger für sei­ne Über­set­zung von Cathe­ri­ne Gores “The Money-Len­der” such­te, stieß er auf Ableh­nung. Das Des­in­ter­es­se war sym­pto­ma­tisch: Der deut­sche Bil­dungs­bür­ger woll­te von den Mecha­nis­men des Gel­des nichts wis­sen. Erst 2021 erschien der Roman in deut­scher Über­set­zung – fast zwei Jahr­hun­der­te nach sei­ner Entstehung.

Die Ver­zö­ge­rung ist bedau­er­lich, denn Gore hat etwas erfasst, das über vik­to­ria­ni­sche Ver­hält­nis­se hin­aus­weist. In ihrem Roman legt sie dem Geld­ver­lei­her A.O. einen Mono­log in den Mund, der die Logik des Kapi­tals mit erstaun­li­cher Prä­zi­si­on beschreibt. “Der Kapi­ta­list ist der ein­zi­ge wah­re Herr­scher unse­rer Tage”, erklärt er sei­nem aris­to­kra­ti­schen Kun­den. Es ist eine Fest­stel­lung, kei­ne Anklage.

Die unsicht­ba­re Herrschaft

A.O. beschreibt eine Umkeh­rung der Stan­des­lo­gik: Der sicht­ba­re Sta­tus – Uni­form, Kut­sche, Titel – sagt nichts über die tat­säch­li­chen Macht­ver­hält­nis­se. Der Schuld­ner behält den Schein, der Gläu­bi­ger die Substanz.

Die­se Struk­tur hat sich nicht ver­än­dert, nur ihre Erschei­nungs­form. Die Pri­va­te-Equi­ty-Gesell­schaf­ten unse­rer Zeit – KKR, Blackstone, Car­lyle – tre­ten sel­ten ins öffent­li­che Bewusst­sein. Die Unter­neh­men, die sie kon­trol­lie­ren, behal­ten ihre Namen, ihre Logos, ihre Geschäfts­füh­rer. Der eigent­li­che Eigen­tü­mer bleibt im Hin­ter­grund. Er muss nicht in präch­ti­gen Karos­sen vor­fah­ren; er kon­trol­liert die Kreditlinien.

Black­Rock ver­wal­tet Ver­mö­gen von über zehn Bil­lio­nen Dol­lar und hält signi­fi­kan­te Antei­le an prak­tisch allen gro­ßen bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men der west­li­chen Welt. Lar­ry Fink ist kein Eigen­tü­mer im klas­si­schen Sin­ne – er ver­wal­tet das Geld ande­rer. Aber er kon­trol­liert Stimm­rech­te, beein­flusst Unter­neh­mens­stra­te­gien, definie…