Die Überwindung veralteter Denkmuster im Banking

Von Ralf Keuper

Wer sich über Jahre oder Jahrzehnte an bestimmte Abläufe, Begriffe und Kategorien gewöhnt hat, kann sich nur schwer davon trennen und sein Denkmuster der veränderten Realität anpassen. Auf dieses Dilemma wies Alfred Herrhausen in seinem Beitrag Denkmuster und Realität hin (Vgl. dazu: Denkmuster und Realitäten im Banking der Digitalmoderne (Alfred Herrhausen)). Statt sich den neuen Realitäten zu stellen, wird die Zeit darauf verwendet, an den Symptomen zu kurieren. Die Ursachen werden ausgeblendet. Es werde, so Herrhausen, nicht zu Ende gedacht; es wird allzu oft auf halber Strecke Halt gemacht. Im Banking führt das dazu, dass der Glaube überwiegt, die sog. digitale Transformation reiche aus, um das eigene Geschäft wie gewohnt fortführen zu können – nur eben digitaler. In dieser Haltung werden die Banken von Beratern und Medienvertreten bestätigt. An den Denkmustern, die sich über Jahrzehnte gebildet und in den Köpfen, Abläufen und Geschäftsmodellen verfestigt haben, wird kaum gerüttelt. Wenn es gar nicht mehr anders geht, sucht man den Kontakt mit einem oder mehreren Fintech-Startups. Dass sich damit die fehlende Digitale Souveränität nicht zurückgewinnen lässt, wird weder thematisiert noch problematisiert.

Paradigmenwechsel im Banking 

Es ist ein in der Geschichte häufig zu beobachtendes Phänomen, dass ein neues Paradigma, eine neue Sicht auf die Welt, von den etablierten Kreisen, die ein verständliches Interesse am Status Quo haben, so lange wie möglich bekämpft bzw. ignoriert wird (Vgl. dazu: New Banking wissenschaftshistorisch betrachtet). Es wird an alten Vorstellungen und Begriffen festgehalten, obwohl sich abzeichnet, dass sie nicht mehr ausreichen, um den Veränderungen in der Umwelt Rechnung zu tragen. Hartnäckig hält man an den alten Bezugsgrößen und -systemen (Benchmarks) sowie den selbst gestalteten Umwelten fest (Vgl. dazu: Verwenden wir im Banking noch das passende Bezugssystem?  & Von pluralistischer Ignoranz und Gestaltungshemmung im Banking).

Diskursverweigerung und Realitätsverdrängung 

Diese Denkhaltung attestierte Raymond Klibansky den Nachfolgern von Max Weber, Georg Simmel und Ferdinand Tönnies:

Ich stellte fest, dass die nachfolgende Generation in der Soziologie ein Mittel sah, die Geschichte im Lichte bestimmter Begriffe zu bemeistern. Wenn man die Terminologie kannte, wenn man einen bestimmten Begriff benennen konnte, der die Phänomene zu erfassen schien, glaubte man schon, sie zu begreifen. Man ging nicht vom historischen Individuum oder von Fakten, sondern von Begriffen aus. Man subsumierte Ereignisse und Realitäten unter Begriffe, anstatt beim tiefen Wissen um die Einzigartigkeit der Geschichte und der Zeiterfahrung anzusetzen.

So auch im Banking: Die Veränderungen in der Umwelt werden unter dem Begriff “Digitalisierung” oder “Digitale Transformation” subsumiert. Wer in der Lage ist, diese Begriffe zu benennen und auf Power Point-Folien zu übertragen, hat die Wirklichkeit eigentlich schon vollständig erfasst. Hinzu kommen noch weitere Begriffe und Schlagworte ohne Inhalt bzw. mit großen Interpretationsspielraum und im Neusprech-Jargon wie “Technologie-DNA” oder “Plattform”. Die eigentliche Besonderheit der Zeit, in der wir uns befinden, wird als Nebenbedingung behandelt.

Alfred Herrhausen beschrieb diese Besonderheiten vor mehr als 30 Jahren:

… der Dienst am Produkt wird in zunehmendem Maße ergänzt durch den Dienst am Kunden. Er wird abhängig von dessen Eigenschaften, Gewohnheiten und Anforderungen, seinen Wünschen und Möglichkeiten.

Medien bestimmen die Wirklichkeit der Kunden und Banken 

Die Wünsche und Gewohnheiten der Kunden werden heute im hohen Maß durch die Medien, wie das Smartphone, bestimmt. Medien sind niemals neutral. Friedrich Nietzsche bemerkte:

Unser Schreibwerk arbeitet mit an unseren Gedanken

Um wieviel mehr gilt diese Aussage für Smartphones, iPads, Streaming-Dienste und allgemein die sozialen Netzwerke. Wie der Medienhistoriker Andreas Würger hervorhebt , strukturieren Bild-, wie Textmedien  die menschliche Wahrnehmung und Erfahrung der Wirklichkeit (Vgl. dazu: Die Bedeutung der Mediengeschichte (Andreas Würgler)). Anders noch als Bankiers wie Alfred Herrhausen und Jürgen Ponto haben ihre Nachfolger kaum noch am gesellschaftlichen Diskurs teilgenommen; jedenfalls nicht in der Rolle als Ideengeber. Am Wettbewerb um die besten Ideen und die innovativste Kombination von Produktionsfaktoren haben die Banken in den letzten 20-30 Jahren nicht teilgenommen. Stattdessen hielt man an einem überholten Geschäftsmodell fest, dessen Defizite durch Gebührenerhöhungen und andere Maßnahmen ohne erkennbaren Mehrwert für die Kunden übertüncht wurden, fest. Derweil besetzten branchenfremde Mitbewerber wichtige Funktionen wie den Zahlungsverkehr. Dass es Apple und Google dabei weniger um den Bezahlvorgang an sich, sondern und die Bezahldaten und ihre Aussagekraft ging, wurde viel zu lange übersehen (Vgl. dazu: Die andersartige Natur der modernen Mobile-Payment-Verfahren und ihre Einbettung in den Mobile Commerce). Folge davon ist, dass die Banken von ihren Kunden abgeschnitten wurden und ihr Informationsmonopol verloren.

Zu Ende denken

Was würde ein Alfred Herrhausen den Banken heute raten? Womöglich würde er sie auffordern, über ihre Rolle nachzudenken und nicht auf halbem Wege zu stoppen, sondern zu Ende zu denken, auch wenn das Ergebnis unbequem sein mag. Wie können die Banken ihre einstmals angestammte Rolle als Finanzintermediäre und Risikomanager in der Datenökonomie, zumindest in Teilen, zurückgewinnen? Müssen Banken sich tatsächlich in Technologieunternehmen wandeln, oder sollten sie sich eher auf die Interpretation und Bewertung der Daten konzentrieren? Sollten sie sich weiterhin auf den Rat Dritter verlassen oder auf die eigene Intuition vertrauen und am gesellschaftlichen Diskurs (Überwachung, Verbraucherschutz, Verlust der Datensouveränität der Bürger und Unternehmen, Europas Rolle in der Digitalisierung) schöpferisch mitwirken. Wenn sie es nicht machen, das zeigt die Vergangenheit, machen es andere – so viel ist sicher.

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