New Banking wissenschaftshistorisch betrachtet

Von Ralf Keuper

Das Banking durchläuft seit einigen Jahren einen tiefgreifenden Wandel, der bei den Beobachtern und Teilnehmern zu unterschiedlichen Reaktionen und Bewertungen führt. Von daher kann ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zu mehr Übersicht führen.

Die Wissenschaftsgeschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Durchbrüche vor ihrem historischen Hintergrund und mit Blick auf das Handeln von Personen wie auch Institutionen einzuordnen.

Ausgangspunkte

Einen besonderen Stellenwert in der Wissenschaft hat das Paradigma, womit die für eine bestimmte Zeit vorherrschende Denkweise gemeint ist. Besonders intensiv hat sich Thomas S. Kuhn mit dem Beharrungsvermögen von Paradigmen beschäftigt, wie in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.

Für Kuhn bestand das eigentliche Problem darin, dass sich über die Zeit Kollektive von Wissenschaftlern bilden, die an bestimmten Denkweisen auch dann noch festhalten, wenn die Anzeichen dafür, dass sie auf überholten Annahmen beruhen, zunehmen. Um ihr Paradigma zu retten, schließen sie sich ab und sorgen dafür, dass die Lehrstühle mit Gleichgesinnten besetzt werden. Erst dann, wenn die Forschergeneration abritt, also eher aus biologischen Gründen, kann sich ein neues Paradigma etablieren.

Ähnlich wie Kuhn argumentieren Paul Feyerabend, Imre Lakatos und Ludwik Fleck. Letzterer führte die Begriffe Denkstil und Denkkollektive in die Wissenschaftsgeschichte ein.

Ausschlaggebend für den „Erfolg“ wissenschaftlicher Theorien waren für Fleck >Denkstile<, denen sich die Mehrzahl der Fachleute wie auch seiner Vermittler verpflichtet fühlen. Es sind demnach soziale Faktoren, die dafür sorgen, dass bestimmte Ansichten den Weg in die wissenschaftliche Gemeinschaft und in die Öffentlichkeit finden, um sich dort für lange Zeit festzusetzen. Es bedarf tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, damit ein neuer Denkstil an die Stelle des alten treten kann. Die Resistenz des wissenschaftlichen Mainstreams gegen Veränderungen in der äußeren Umwelt darf daher nicht unterschätzt werden, zumal er auf einige bewährte Tricks zurückgreifen kann, wie Fleck in seinem Buch Denkstile und Tatsachen am Beispiel der Naturwissenschaften veranschaulicht.

Damit ein wissenschaftlicher Denkstil die Vorherrschaft erringen und behaupten kann, bedarf es über die Gemeinschaft der Forscher bzw. Fachleute hinaus der Vermittlung in die breite Öffentlichkeit. Diese Rolle übernehmen in unserer Zeit Wirtschaftsjournalisten, Forschungsinstitute, Wissenschaftliche Zeitschriften, Blogger und nicht zuletzt die sog.  >Analysten<, die zusammen ein, wenngleich nicht homogenes,  >Denkkollektiv< bilden.

Für den Organisationsforscher Karl Weick bewegen sich Mitglieder von Organisationen und Institutionen häufig in selbst gestalteten Umwelten, die sie irgendwann für die “Realität” halten. Das kommt auch daher, da sie den Kontakt mit der Außenwelt in Form abweichender Ansichten möglichst meiden, und sich stattdessen bei ihresgleichen rückversichern, dass man richtig liegt. Die Überprüfung der eigenen Annahmen in Form von Tests ist damit überflüssig. Wenn überhaupt, dann greift man dabei lieber auf die Expertise externer Berater zurück, was dann zu stellvertretendem, zu einem Lernen aus zweiter Hand führt.

Gesellschaftliche Institutionen sind nur Gebilde, Konstrukte auf Zeit. Sobald ihr Sinngehalt erschöpft ist, sobald sie ihre Legitimation der nachfolgenden Generation nicht mehr glaubhaft vermitteln können und  Alternativen zur Verfügung stehen, ist ihre Zeit abgelaufen, wie Peter Berger und Thomas Luckmann in ihrem Klassiker Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit schreiben.

Der aus der Biologie stammende Begriff der Evolution wird häufig verwendet, um gesellschaftlichen Wandel zu erklären. Nicht selten wird dabei übersehen, dass die kulturelle Evolution mit der biologischen nur sehr bedingt deckungsgleich ist und es sich hier in den meisten Fällen um Analogien handelt. Geeignet sind u.a. die Begriffe Population, Selektionsdruck und Umwelt. Damit eine Spezies überleben kann, muss die Zahl der Nachkommen, die Reproduktion gesichert sein. Nach Ansicht von Ernst Mayr ist jeder Fall einer scheinbar sprunghaften Evolution auf den allmählichen Umbau von Populationen zurückzuführen. Konkurrenz sorgt für permanenten Selektionsdruck. Sobald das Gleichgewicht nicht mehr gewährleistet ist, kommt es zur natürlichen Selektion. Ändern sich die Umweltbedingungen grundlegend, kann es sein, dass die erforderlichen Gene für eine angemessene Reaktion in der Art nicht vorhanden sind, was dann zu einem Aussterben der Art führen kann.

Übertragung auf das Banking

Im Banking haben sich über vergangenen Jahrzehnte bestimmte Denkstile und Denkkollektive gebildet, die bewusst oder unbewusst darauf bedacht sind, das ihnen bekannte Paradigma über die Zeit zu retten. Dazu zählt u.a. das Festhalten an dem Modell der Universalbank, der Rolle der Banken als Finanzintermediäre und zentraler Beobachtungsinstanz der Wirtschaft sowie die Erhaltung des Drei-Säulen-Banksystems in Deutschland. Statt die eigenen Annahmen einer ständigen, kritischen Überprüfung zu unterziehen und sich ein eigenes Bild zu machen, holt man den Rat von Beratern ein, die ein verständliches Interesse daran haben, dass die Kunden sich nicht allzu sehr emanzipieren. Ähnlich verhält es sich mit dem Rat der Medien, die ihrerseits Opfer der Digitalisierung sind und –  bislang jedenfalls – kein Rezept gefunden haben, ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig zu machen. Etwas anders liegt der Fall bei den Fintech-Startups, die in bestimmten Bereichen von dem vorherrschenden Paradigma abweichen. Allerdings stellt die Mehrzahl von ihnen das Paradigma an sich nicht (mehr) in Frage. Stattdessen überwiegt der Hang bzw. Drang zur Kooperation. In gewisser Hinsicht schmort man kollektiv im eigenen Saft vor sich hin. Die ältere Generation in den Banken hat häufig kein Interesse daran, am Status quo Änderungen vorzunehmen oder Risiken einzugehen, die, sollten sie sich auszahlen, erst nach dem eigenen Ausscheiden aus dem Beruf zur Wirkung kommen.

In den letzten Jahren hat die Population der Banken in Deutschland stark abgenommen. Das betrifft sowohl die Zahl der Filialen wie auch die der Mitarbeiter – aber  vor allem die des Nachwuchses. Letzteres sagt viel über die Zukunftsfähigkeit einer Branche aus. Das Schicksal anderer Spezies, wie des Bergbaus oder der Stahlindustrie, lässt grüßen.

Der größte Selektionsdruck auf die Banken kommt durch die “Digitalisierung” und die Plattformökonomie. Banken werden in eine Nische abgedrängt, die auf Dauer zu wenig Nahrung liefert. Die Frage ist nun, ob die Zeit ausreicht, das nötige Know How, die nötigen “Gene”, den “Mindset” aufzubauen, um überleben zu können. Im Management von Plattformen, die Hardware, Software und Logistik vereinen, oder Netzwerken haben Banken und Sparkassen kaum Erfahrung. Die Zeit läuft ihnen davon. Die Umweltbedingungen verändern sich zu rasant.

Unterdessen gewöhnt sich die nachwachsenden Generationen an eine Welt ohne Filialen, Bannkkaufleuten und Bankhochhäusern. Sie bewegen sich in neuen Symbol- und Sinnwelten, mit denen die klassischen Banken nicht kompatibel sind. Mit der Blockchain-Technologie bzw. den Distributed Ledger Technologies, dem Web 3.0, zeichnet sich eine weitere Alternative ab, bei der kein Bedarf für Banken, wie wir sie heute noch kennen, besteht.

Neue Arten werden entstehen. Neue Denkkollektive, neue Bankstile bilden sich, die ein Paradigma vertreten, das ebenfalls nur ein Konstrukt auf Zeit ist.

Weitere Informationen / Quellen:

Banking trifft Evolutionstheorie #1

Banken als Ergebnis der kulturellen Evolution, oder: Weshalb Darwin nicht weiter hilft

Banken als gesellschafliche Konstruktion der Wirklichkeit – Berger und Luckmann reloaded

Von pluralistischer Ignoranz und Gestaltungshemmung im Banking

Denkstile und Tatsachen in der Ökonomie

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