Die Geschichte der AGIV: Eine Bank als Eigentümerin von Industrieunternehmen

Von Ralf Keuper

In den 1990er Jahren begann der Zerfallsprozess der alten Deutschland AG. Bis dahin waren einige Banken, allen voran die Deutsche Bank, aber auch die Dresdner Bank und die Commerzbank, bei vielen Großkonzernen Hauptanteilseigner, so wie die Deutsche Bank beim damaligen Daimler-Benz – Konzern.

Allerdings verfügte keine Bank über eine Holdinggesellschaft zur Verwaltung der eigenen Industriebeteiligungen wie die BHF-Bank mit der AGIV (Aktiengesellschaft für Industrie und Verkehrswesen). Lange Zeit galt die AGIV als Erfolgsmodell und als Beleg dafür, dass Banken auch als Eigner von Industrieunternehmen reüssieren können. Die Deutsche Bank, die Allianz und die Bayerische Hypothekenbank spielten daher in den 1980er Jahren ebenfalls mit dem Gedanken, dem Beispiel AGIV/BHF-Bank zu folgen.

Über das Erfolgsrezept schrieb das mm seinerzeit:

Die AGIV-Philosophie unterscheidet sich .. deutlich von der üblichen Beteiligungspolitik der Banken: Unternehmensanteile werden ausschließlich unter langfristigen Gesichtspunkten erworben. Dabei scheuen die AGIV-Manager – anders als die meisten institutionellen Anleger – nicht vor unternehmersicher Verantwortung zurück (in: Engagement auf Umwegen, mm 58/1985)

Der Gruppenumsatz der Holdinggesellschaften betrug im Jahr 1985 beachtliche 4,6 Mrd. DM, die Zahl der Beschäftigen lag bei 25.700. Die Holding selber hatte nur 35 Mitarbeiter. Wichtigste Mehrheitsbeteiligungen waren Carl Schenck AG, Wayss & Freitag AG, Gaggenau Werke und DLT-Deutsche Luftverkehrsgesellschaft mbH. Die Deutsche Bank folgte dem Beispiel AGIV mit der Gründung der Deutsche Beteiligungs AG  im Jahr 1984.

Das Management der AGIV legte großen Wert auf die Feststellung, als eigenständiges Unternehmen zu agieren. Man sei kein “Dividenden-Schnippelverein”, so der damalige AGIV-Chef  Niethammer. Allerdings schaute ihm der AR-Chef der BHF-Bank, Hanns-Christian Schroeder-Hohenwarth, als Vorsitzender des AGIV-Aufsichtsrats über die Schulter. Die BHF-Bank stand der AGIV bei größeren Vorhaben häufig als Finanzierer zur Seite. Abgesehen davon profitierten die AGIV-Unternehmen bei anderen Finanzinstituten von der Bonität der BHF-Bank in Form günstiger Konditionen.

Einige Jahre später erlag die AGIV dem Schicksal vieler Mischkonzerne. Der Umbau von einer Finanzholding zu einem Maschinenbau- und Meßtechnikkonzern misslang (Vgl. dazu: Agiv: Umbau geht voranStellenschnitt und Kurzarbeit bei Barmag).

Die BHF-Bank reduzierte im Laufe der Jahre ihren Anteil an der AGIV auf unter 50 Prozent. Nachdem auch die Konzentration auf das Immobiliengeschäft ohne Erfolg blieb, meldete die AGIV im Jahr 2004 Insolvenz an (Vgl. dazu: Agiv muß Insolvenz anmelden). Im Jahr 2002, zwei Jahre vor der Insolvenz, verkaufte die BFF-Bank ihren Anteil an der AGIV an die HBAG Real Estate AG.

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