Die Anfänge von Venture Capital in Deutschland

Von Ralf Keuper

Bei der Wagnisfinanzierung gilt Deutschland im internationalen Vergleich bis heute als eher rückständig. Sicher – in den letzten Jahren hat sich hierzulande einiges verändert, wie ein Blick auf die Fintech-Startup-Szene hierzulande mit den diversen Inkubatoren, Accelatoratoren und anderen Investoren zeigt. Die eigentlichen Pioniere nahmen ihre Tätigkeit bereits Anfang der 1980er Jahre auf, damals noch als einsame Rufer in der Wüste.

In einem Round Table – Gespräch versammelte das manager magazin im Januar 1984 die seinerzeit führenden Köpfe im deutschen Markt für Wagniskapital an einem Tisch (Round Table – Venture Capital – mehr als eine Modewelle?).

Teilnehmer waren

  • Bernd Ertl, damals geschäftsführender Gesellschafter der PM Portfolio Management GmbH in München,
  • Klaus Nathusius, Chef der Genes GmbH und Gründer der ersten Venture-Capital-Gesellschaft zur Finanzierung junger deutscher Technologiefirmen,
  • Klaus Neugebauer, Gründer des zu dem Zeitpunkt zweigrößten Softwareunternehmens Deutschlands, Softlab,
  • Hansjörg Häfele, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und
  • Herbert Zapp, Vorstand der Deutschen Bank

Herbert Zapp ließ es sich nicht nehmen darauf hinzuweisen, dass 28 deutsche Banken im Jahr 1975 mit der Gründung der Deutschen Wagnisfinanzierungsgesellschaft (WFG) den ersten Schritt hierzulande vollzogen hätten.

Als größten Hemmschuh benannte Bernd Ertl die im Unterschied zu den USA fehlende bzw. deutlich eingeschränkte Möglichkeit, junge Technologieunternehmen an die Börse zu bringen. Die Redakteure des mm wiesen auf die dynamische Entwicklung im Silicon Valley hin. Dort seien die Investitionen in junge Technologieunternehmen erst so recht in Gang gekommen, als der Staat im Jahr 1978 die Kapitalgewinnsteuer halbierte.

Angesprochen auf die diversen Aktivitäten einiger Banken und Vermögensverwalter, mit eigenen Berater-Teams und Venture-Capital Fonds in den Markt einzusteigen, kommentierte Klaus Nathusius kritisch. Als positives Beispiel nannte Nathusius die Techno Venture GmbH in München, die u.a von Siemens finanziert wurde. Die Aktivitäten der Banken und Sparkassen in dem Umfeld fanden bei ihm dagegen nur wenig Zuspruch.

Es gibt in den USA den Satz: Ein guter Banker ist nie ein guter Venture Capitals, ein guter Venture Capitalist ist nie ein guter Banker. Beim Siegerland Fonds wird zum Beispiel der Leiter des Kreditsekretariats in Nebentätigkeit die Geschäftsführung des Fonds übernehmen. Jemand, der mit der Kreditakte an Venture Capital herangeht, wird mit Sicherheit nich die richtigen Entscheidungen treffen.

Klaus Neugebauer nannte die Anforderungen, die ein Venture-Capital-Fonds erfüllen muss:

Das Kapital, das die jungen Unternehmen brauchen, ist nur einer von vielen Aspekten in der ganzen Venture-Szenerie. Die Gründer sind in der Regel ja sehr gute Techniker, aber keine erfahrenen Kaufleute. Was die vor allen Dingen brauchen, ist die Beratung in den kaufmännischen Bereichen – Umsetzung von Entwicklungen in Produkte, Vermarktung, Vertrieb, Management. Das alles muss die Fonds-Leitung zur Verfügung stellen, sonst taugt sie nichts.

Die Deutsche Bank, so Herbert Zapp damals, werde fehlendes technisches und industrielles Know How dazu kaufen, wie mit der seinerzeit neuen Gesellschaft für Innovationsfinanzierung in Berlin. Auch beabsichtige man, gemeinsam mit Siemens die Techno Venture GmbH zu finanzieren.

Der in dem Gespräch erwähnte Siegerlandfonds der Sparkasse Siegen existiert noch heute.

Der Siegerlandfonds wurde 1983 gegründet und ist damit die erste Beteiligungsgesellschaft einer Sparkasse in Deutschland. Wir sind eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Sparkasse Siegen. Das Kapital, das wir zur Verfügung stellen, haben wir ausschließlich selbst erwirtschaftet bzw. von der Sparkasse Siegen für unseren Geschäftszweck erhalten, d.h. wir sammeln kein Kapital von Dritten ein, haben demzufolge keinen “Anlagedruck“ und sind nicht durch die Interessen privater Investoren fremdbestimmt (Quelle: Der Siegerlandfonds im Profil).

Die Techno Venture GmbH firmiert heute als TVM Capital. Am Markt aktiv ist auch noch die Genes GmbH. Die Deutsche Wagniskapitalfinanzierungsgesellschaft bestand bis zum Jahr 1984.

Als Wagniskapitalfinanzierer sind die Banken und Sparkassen hierzulande, von einigen Ausnahmen abgesehen, bis heute nicht sonderlich stark in Erscheinung getreten. Ihr Rolle wurde von Firmen übernommen, die sich auf die Beteiligung und Betreuung von Startups konzentriert haben, wie Rocket Internet, Hit Fox und Finleap. Die Commerzbank hat eigens den Main Incubator ins Leben gerufen. Banken beschränken sich häufig auf Beteiligungen an Startups und Acceleratoren/Inkubatoren.

Weitere Informationen:

Das Geschäft mit Erfindern. Start in einen neuen Markt

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