„Es ist dar­um kei­nes­wegs ein eit­les Unter­fan­gen, wenn wir uns der Ana­ly­se von Begrif­fen wid­men, die uns schon lan­ge geläu­fig sind, und auf­zu­zei­gen, wovon ihre Recht­fer­ti­gung und Brauch­bar­keit abhängt.” – Albert Einstein


Vor­be­mer­kung: Ein­steins Methode

Die Iro­nie ist bemer­kens­wert: Albert Ein­stein, der in Tho­mas Kuhns Wis­sen­schafts­ge­schich­te als Para­de­bei­spiel eines revo­lu­tio­nä­ren Para­dig­men­wechs­lers figu­riert, hat sei­ne eige­ne Metho­de ganz anders beschrie­ben – nicht als Umsturz, son­dern als Begriffs­ana­ly­se. Was er vor­schlug, war kei­ne Rebel­li­on gegen die klas­si­sche Phy­sik, son­dern eine nüch­ter­ne Prü­fung: Wovon hängt die Recht­fer­ti­gung eines Begriffs ab? Stimmt sei­ne Bezie­hung zur tat­säch­li­chen Erfah­rung noch? Und wenn nicht: Muss er bei­sei­te­ge­stellt, kor­ri­giert oder durch einen ande­ren ersetzt werden?

Ein­stein erklär­te, es sei dar­um kei­nes­wegs ein eit­les Unter­fan­gen, wenn wir uns der Ana­ly­se von Begrif­fen wid­men, die uns schon lan­ge geläu­fig sind, und auf­zu­zei­gen, wovon ihre Recht­fer­ti­gung und Brauch­bar­keit abhängt. Die all­zu gro­ße Auto­ri­tät alt­ge­wohn­ter Begrif­fe wird dann gebro­chen: sie wer­den bei­sei­te gestellt, wenn sie nicht als adäquat gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen, sie wer­den kor­ri­giert, wenn ihre Bezie­hung zur tat­säch­li­chen Erfah­rung zu sorg­los hin­ge­nom­men wur­de, oder sie wer­den durch ande­re Begrif­fe ersetzt, wenn es mög­lich ist, ein neu­es Sys­tem auf­zu­stel­len, das den Vor­zug ver­dient. (in: Albert Ein­stein als Phi­lo­soph und Naturforscher)

Die­se drei Ope­ra­tio­nen – Bei­sei­te­stel­len, Kor­ri­gie­ren, Erset­zen – sind nicht Stu­fen eines ein­zi­gen Pro­zes­ses. Sie sind unter­schied­li­che Ein­grif­fe mit unter­schied­li­chen Kon­se­quen­zen. Einen Begriff bei­sei­te­stel­len heißt: Er war nie adäquat, sei­ne Auto­ri­tät beruh­te auf Gewöh­nung. Einen Begriff kor­ri­gie­ren heißt: Er taugt grund­sätz­lich, aber sei­ne Reich­wei­te wur­de über­schätzt. Einen Begriff erset­zen heißt: Es gibt ein bes­se­res Sys­tem, das den Vor­zug verdient.

Was folgt, ist der Ver­such, Ein­steins Metho­de auf die Grund­ka­te­go­rien der Finanz­re­gu­lie­rung anzu­wen­den. Die The­se: Meh­re­re tra­gen­de Begrif­fe der Basel-Archi­tek­tur, der Ban­ken­auf­sicht und der Sta­bi­li­täts­po­li­tik haben eine Bezie­hung zur tat­säch­li­chen Erfah­rung, die zu sorg­los hin­ge­nom­men wird. Ihre Auto­ri­tät ist groß – sie struk­tu­rie­ren Geset­ze, Stress­tests, Rating­mo­del­le, Eigen­ka­pi­tal­an­for­de­run­gen, Kar­rie­ren. Aber ihre Brauch­bar­keit hängt von Vor­aus­set­zun­gen ab, die sel­ten expli­ziert und noch sel­te­ner geprüft werden.


I. Aus­fall­wahr­schein­lich­keit (Pro­ba­bi­li­ty of Default, PD)

Der Begriff

Die Aus­fall­wahr­schein­lich­keit ist die zen­tra­le Ein­gangs­grö­ße der risi­ko­ge­wich­te­ten Eigen­ka­pi­tal­be­rech­nung nach Basel II/​III/​IV. Sie gibt die Wahr­schein­lich­keit an, mit der ein Kre­dit­neh­mer inner­halb eines Jah­res sei­nen Ver­pflich­tun­gen nicht mehr nach­kommt. Inter­ne Rating­ver­fah­ren (IRB-Ansät­ze) schät­zen die PD auf Basis his­to­ri­scher Aus­fall­rei­hen, ergänzt durch qua­li­ta­ti­ve Boni­täts­merk­ma­le. Die PD eines Kre­dit­neh­mers bestimmt sein Risi­ko­ge­wicht und damit den Eigen­ka­pi­tal­be­darf der kre­dit­ge­ben­den Bank.

Die impli­zi­ten Voraussetzungen

Der Begriff „Aus­fall­wahr­schein­lich­keit” trans­por­tiert eine gan­ze Onto­lo­gie, deren ein­zel­ne Annah­men sel­ten expli­ziert werden:

Die PD ist eine Eigen­schaft des Kre­dit­neh­mers. Sie haf­tet am ein­zel­nen Unter­neh­men, an sei­ner Bilanz, sei­ner Ertrags­la­ge, sei­nem Geschäfts­mo­dell. Sie wird iso­liert geschätzt, als sei der Kre­dit­neh­mer ein abge­schlos­se­nes System.

Die PD ist aus his­to­ri­schen Daten schätz­bar. Die Ver­gan­gen­heit infor­miert die Zukunft. Aus­fall­mus­ter, die in den letz­ten zehn oder zwan­zig Jah­ren beob­ach­tet wur­den, erlau­ben Rück­schlüs­se auf die nächs­ten zwölf Monate.

Die PD ist unab­hän­gig vom Sys­tem­zu­stand. Die Aus­fall­wahr­schein­lich­keit von Kre­dit­neh­mer A wird nicht davon beein­flusst, ob Kre­dit­neh­mer B, C und D gleich­zei­tig unter Druck gera­ten – zumin­dest nicht inner­halb des Modells.

Die PD ist sta­tio­när – das heißt, sie ent­stammt einer Ver­tei­lung, deren Eigen­schaf­ten sich über die Zeit nicht fun­da­men­tal ändern. Struk­tur­brü­che kom­men in der Kali­brie­rungs­lo­gik nicht vor.

Die Prü­fung an der tat­säch­li­chen Erfahrung

Die PD eines sau­er­län­di­schen Maschi­nen­bau­ers ist nicht eine Eigen­schaft die­ses Unter­neh­mens. Sie ist eine Funk­ti­on des Ener­gie­preis­pfads, der Ver­si­cher­bar­keit sei­ner Lie­fer­ket­te, der geld­po­li­ti­schen Erwar­tung, der Trans­for­ma­ti­ons­dy­na­mik sei­ner Bran­che, der Kre­dit­ver­ga­be­po­li­tik sei­ner Haus­bank. Die­se Fak­to­ren ste­cken nicht in der PD. Der Begriff unter­drückt die Kom­ple­xi­tät, die er abbil­den müsste.

Die Annah­me his­to­ri­scher Schätz­bar­keit ver­sagt, wenn sich die Struk­tur der Risi­ken ver­än­dert. Die NPL-Quo­te deut­scher Ban­ken stieg zwi­schen dem drit­ten Quar­tal 2023 und dem drit­ten Quar­tal 2024 von 1,38 auf 1,76 Pro­zent – ein Anstieg, der in den Kali­brie­rungs­zeit­räu­men der Vor­jah­re kei­nen Vor­läu­fer hat­te, weil die Ursa­chen­kon­stel­la­ti­on – Ener­gie­preis­schock, Indus­trie­trans­for­ma­ti­on, geo­po­li­ti­sche Frag­men­tie­rung – his­to­risch ohne Prä­ze­denz ist. Die PD-Model­le schät­zen die Zukunft aus einer Ver­gan­gen­heit, die für die Zukunft nicht mehr reprä­sen­ta­tiv ist.

Die Unab­hän­gig­keits­an­nah­me ist empi­risch wider­legt. Die BaFin-Ana­ly­se zeigt: 81 Pro­zent der Kre­dit­ex­per­ten erwar­ten stei­gen­de Aus­fall­quo­ten in der Auto­mo­bil­bran­che, 60 Pro­zent im Maschi­nen­bau, 59 Pro­zent im ver­ar­bei­ten­den Gewer­be. Das sind kei­ne von­ein­an­der unab­hän­gi­gen Aus­fäl­le – es sind kor­re­lier­te Schocks ent­lang von Lie­fer­ket­ten, Ener­gie­ab­hän­gig­kei­ten und gemein­sa­men Markt­ex­po­si­tio­nen. Die Sta­tio­na­ri­täts­an­nah­me ist das, was Benoît Man­del­brot seit den 1960er Jah­ren empi­risch bestrei­tet: Finan­zi­el­le Zeit­rei­hen haben „Long Memo­ry” – die Vola­ti­li­tät von ges­tern beein­flusst die Vola­ti­li­tät von mor­gen, Risi­ken akku­mu­lie­ren sich ent­lang pfad­ab­hän­gi­ger Tra­jek­to­ri­en, und die Ver­tei­lung der Aus­fäl­le hat Fat Tails, die das Gauß­sche Modell sys­te­ma­tisch unterschätzt.

Ein­steins Urteil

Die PD ist nicht bei­sei­te­zu­stel­len – sie ist als Annä­he­rung brauch­bar, solan­ge ihre Vor­aus­set­zun­gen gel­ten: in sta­bi­len Regi­men, bei diver­si­fi­zier­ten Port­fo­li­os, für kurz­fris­ti­ge Hori­zon­te. Aber sie ist zu kor­ri­gie­ren: Ihre Bezie­hung zur tat­säch­li­chen Erfah­rung ist zu sorg­los hin­ge­nom­men wor­den. Die PD müss­te kon­di­tio­niert wer­den – auf den Sys­tem­zu­stand, den Sek­tor­pfad, die Netz­werk­po­si­ti­on des Kre­dit­neh­mers. Das wäre kei­ne Ver­fei­ne­rung des bestehen­den Modells, son­dern ein kon­zep­tio­nel­ler Umbau: von einer Eigen­schaft des Kre­dit­neh­mers zu einer Funk­ti­on des Sys­tems, in dem der Kre­dit­neh­mer operiert.


II. Eigen­ka­pi­tal als Risikopuffer

Der Begriff

Die gesam­te Basel-Archi­tek­tur beruht auf einer ein­fa­chen Idee: Ban­ken müs­sen genug Eigen­ka­pi­tal vor­hal­ten, um Ver­lus­te absor­bie­ren zu kön­nen, ohne zah­lungs­un­fä­hig zu wer­den. Das Eigen­ka­pi­tal ist der Puf­fer zwi­schen erwar­te­ten Ver­lus­ten (die durch Risi­ko­vor­sor­ge gedeckt wer­den) und uner­war­te­ten Ver­lus­ten (die das Eigen­ka­pi­tal auf­fängt). Die Höhe des erfor­der­li­chen Eigen­ka­pi­tals bemisst sich nach den risi­ko­ge­wich­te­ten Akti­va – je ris­kan­ter die Kre­di­te, des­to mehr Eigenkapital.

Die impli­zi­ten Voraussetzungen

Die Puf­fer­funk­ti­on des Eigen­ka­pi­tals funk­tio­niert unt…