Die Versicherung, dass das deutsche Finanzsystem stabil sei, gehört derzeit zum Standardrepertoire politischer Kommunikation. Bundesfinanzminister Klingbeil lieferte am 9. März die erwartbare Formel: stabil, aber unter Beobachtung. Das ist, systemtheoretisch betrachtet, die Kommunikation einer Nichtentscheidung – die Reduktion von Komplexität durch Beruhigung, bevor die eigentliche Problemstruktur sichtbar wird.
Denn die Frage ist nicht, ob das deutsche Finanzsystem kollapsbedroht ist wie 2008. Die Frage ist, ob der Irankrieg jene Transmissionskanäle aktiviert, die seit dem Finanzstabilitätsbericht 2025 der Bundesbank als latente Verwundbarkeiten identifiziert sind – und ob der exogene Schock die langsame Erosion der deutschen Industriebasis über eine kritische Schwelle beschleunigt.
Die drei Transmissionskanäle
1. Versicherung als Transmissionsriemen
Der bemerkenswerteste Aspekt der Hormuz-Krise ist ihre Mechanik. Iran hat die Meerenge nicht durch eine klassische Seeblockade geschlossen. Einige wenige Drohnenangriffe in der Nähe der Durchfahrt reichten, damit Versicherer den P&I‑Schutz (Protection & Indemnity) für durchfahrende Schiffe strichen. Am 5. März wurde die Versicherungsdeckung für die Passage vollständig aufgehoben. Die Folge: Kein Reeder riskiert die Durchfahrt ohne Deckung, unabhängig von der tatsächlichen militärischen Lage.
Das ist ein Novum in der Geschichte maritimer Konflikte. Der Tankerkrieg der 1980er Jahre während des Iran-Irak-Konflikts wurde durch Geleitschutz gelöst. Diesmal blockiert nicht die Waffe, sondern die Risikomodellierung. Die Finanzbranche – Versicherer und Rückversicherer – ist nicht nur Betroffene der Krise, sondern ihr Transmissionsriemen.
Für die deutschen Rückversicherungskonzerne – Munich Re, Hannover Rück, Allianz – ergibt sich daraus eine doppelte Exponierung. S&P sieht die Kreditqualität des Sektors wegen der starken Kapitalausstattung zwar nicht gefährdet. Gleichzeitig berichten Makler aber bereits von Kündigungen bei Political-Risk-Deckungen (SRCC: Strikes, Riots, Civil Commotion). Die Frage ist nicht der Einzelschaden, sondern die systemische Rückkopplung: Wenn Versicherer ihr Risikoprofil in der gesamten Golfregion und angrenzenden Märkten neu bewerten, verengt sich der Spielraum für Handel, Logistik und Energieversorgung dauerhaft – auch nach einem Waffenstillstand.
2. Kreditportfolios unter Energiestress
Der Finanzstabilitätsbericht 2025 der Bundesbank identifizierte steigende Kreditrisiken als das zentrale Thema der kommenden Jahre. Die NPL-Quote (Non-Performing Loans) deutscher Banken stieg zwischen dem dritten Quartal 2023 und dem dritten Quartal 2024 von 1,38 auf 1,76 Prozent – noch auf niedrigem Niveau, aber mit klarer Aufwärtsdynamik, besonders bei Gewerbeimmobilien. Die BaFin warnte in ihrem Fokusrisikobericht 2025 explizit, dass energieintensive Branchen wie die Chemie‑, Papier- und Glasindustrie bereits unter den strukturell hohen Energiekosten litten – und das war vor dem Irankrieg.
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