Der steinige Weg zur agilen Organisation

Von Ralf Keuper

In der IT-Branche ist Agilität seit einiger Zeit ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Um so erfreulicher daher, dass sich ObjektSpektrum vor einiger Zeit schwerpunktmäßig damit beschäftigte. Die Artikel setzten sich auch mit den organisatorischen Aspekten auseinander, die bei der Einführung agiler Methoden der Softwareentwicklung, allen voran Scrum, nicht vernachlässigt werden dürfen, will man Chaos und Motivationsverlust verhindern.

Die Erfahrungen der Branche mit agilen Methoden der Softwareentwicklung sind, so weit ich sehen kann, durchwachsen. Einige Unternehmen sind wieder davon abgerückt, andere wiederum springen auf den Zug auf. Trotzdem glaube auch ich, dass es sich hier um mehr als nur einen Trend handelt. Es liegt eine leichte Ironie darin, dass die organisatorischen Veränderungen nicht im Rahmen klassischer Organisationsentwicklung, sondern quasi durch die Hintertür als Softwareentwicklungsmethodik Einzug in die Unternehmen halten.

In dem Artikel Was heisst eigentlich >agil<? Kennzeichen agiler Organisationen gibt der Autor Jens Coldewey einen guten Überblick über den aktuellen Stand in Theorie und Praxis. Agile Organisationen zeichnen sich dabei durch folgende Merkmale aus:

  • Offene Kommunikation
  • Lernen durch Experimente
  • Handwerkliches Können
  • Katalytische Führung
  • Langfristiges ergebnisorientiertes Controlling (im Sinne von beyond budgeting)

Das Ganze wird theoretisch von dem Konzept des systemischen Denkens in der Lesart von Peter Senge u.a. umrahmt.

Allerdings sind die Probleme bzw. Hindernisse auf dem Weg zu einer agilen Organisation oder eines agil arbeitenden Unternehmensbereichs nicht zu unterschätzen. Häufig stehen der Umsetzung die Aufbau- und Ablauforganisation des Unternehmens im Weg, die nicht selten funktional und damit streng hierarchisch gegliedert sind. Da kann der größte agile Elan an unsichtbaren und auch sichtbaren Mauern zerschellen. Ein hohes Maß an Frustrationstoleranz kann daher nicht schaden.

Dennoch lohnt sich nach Ansicht des Autors der Aufwand, zumal in hoch flexiblen Arbeitsumgebungen, wie sie für die IT üblich sind, auf Dauer kein Weg an agilen Prinzipien vorbei führt. Demnach sind in einem dynamischen Umfeld, das kaum Raum für längerfristige Planungen lässt und mit Unvorhersehbaren rechnen muss, komplexe, adaptive Organisationen fast schon die logische Konsequenz.

Es versteht sich quasi von selbst, dass statische Verfahren, wie die Budgetplanung, mit Agilität nur schwer vereinbar sind. Daher wundert es dann auch nicht, dass die Prinzipien des beyond budgeting dem Autor als besonders “systemkompatibel” erscheinen, was Niels Pfläging besonders freuen wird 😉

Alles in allem ein gelungener und informativer Artikel.

Die Fließbandproduktion in der Automobilindustrie verhalf dem Taylorismus und damit der funktionalen, hierarchischen Unternehmensorganisation zum Durchbruch. Im Zeitalter der Informationsgesellschaft könnte daher ein ähnlicher tiefgreifender Wandel der Arbeitswelt von der Softwareentwicklung ausgehen.

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