Binan­ce ver­liert bin­nen etwa 20 Minu­ten Kryp­tower­te von rund 6,3 Mrd. US-Dol­lar, und Mel­dun­gen die das mit „KI“ erklä­ren, gehen an der eigent­li­chen Fra­ge vor­bei. Nach allem, was bis­lang bekannt ist, wur­de kein pri­va­ter Schlüs­sel ent­wen­det. Die Angrei­fer brach­ten Binan­ces eige­ne Signa­tur­in­fra­struk­tur dazu, Frei­ga­ben zu ertei­len. Das ist kei­ne Kryp­to­fra­ge, son­dern ein Pro­blem der Pro­zess- und Kon­troll­ar­chi­tek­tur – und damit ein The­ma, das jede Bank kennt.


Am Abend des 29. Okto­ber 2026 ver­lie­ßen Kryp­tower­te im Gegen­wert von etwa 6,3 Mrd. US-Dol­lar die Hot Wal­lets von Binan­ce, ver­teilt auf zehn Block­chains. Die Ana­ly­se­fir­ma TRM Labs bezif­fert den Abfluss auf 6,36 Mrd. Dol­lar, das meis­te davon in rund 20 Minu­ten. Damit ist es der größ­te bekann­te Kryp­to-Dieb­stahl, mehr als vier­mal so groß wie der Angriff auf die Bör­se Bybit im Febru­ar 2025 mit 1,5 Mrd. Dollar.

Eine Hot Wal­let ist eine mit dem Inter­net ver­bun­de­ne Wal­let, aus der eine Bör­se lau­fen­de Aus­zah­lun­gen bedient. Sie ent­spricht dem Kas­sen­be­stand, nicht dem Tre­sor. Dass hier viel liegt, ist betriebs­not­wen­dig. Ent­schei­dend ist, wer die Frei­ga­be ertei­len darf und wie vie­le Kon­trol­len zwi­schen einer Anwei­sung und dem Abfluss liegen.

Was geschah

Nach den bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Rekon­struk­tio­nen lief der Angriff auf Ethe­re­um so ab: Um 20:20 Uhr UTC reich­te der Angrei­fer eine ein­zi­ge Trans­ak­ti­on ein, die 50 vor­ab signier­te Auto­ri­sie­run­gen ent­hielt. Die Tech­nik heißt EIP-7702 und stammt aus dem Pec­tra-Update vom Mai 2025. Sie erlaubt einer gewöhn­li­chen Wal­let, sich per Signa­tur an einen Smart Con­tract zu bin­den, also an ein Stück Pro­gramm­code, das ihr Ver­hal­ten bestimmt. Der Angrei­fer band eine der Binan­ce-Wal­lets (die unter „Binan­ce 14“ geführt wird) an einen eige­nen Sweeper-Ver­trag, der nur auf sei­ne Anwei­sun­gen hör­te. Weni­ge Minu­ten spä­ter räum­te die­ser Ver­trag die Wal­let in einer Trans­ak­ti­on leer; die Bin­dung blieb bestehen, sodass auch spä­ter ein­ge­hen­de Gel­der abge­zo­gen wurden.

War­um 50 Auto­ri­sie­run­gen? Der Angrei­fer kann­te den lau­fen­den Trans­ak­ti­ons­zäh­ler (die „Non­ce“) der Wal­let nicht, die ja stän­dig Aus­zah­lun­gen ver­ar­bei­te­te. Er streu­te des­halb auf­ein­an­der­fol­gen­de Zäh­ler, einer davon traf. Das ist Hand­werk, kein Zau­ber – und kein Beleg für künst­li­che Intelligenz.

Wich­tig ist, was TRM und ande­re dar­aus ablei­ten: Jede die­ser Auto­ri­sie­run­gen muss­te von der Wal­let selbst signiert sein. Binan­ce sagt, es gebe kei­nen Hin­weis auf ein Leck pri­va­ter Schlüs­sel. Bei­des zusam­men deu­tet auf einen Zugriff auf die Signa­tur­in­fra­struk­tur hin, also auf die Sys­te­me, die im Auf­trag der Bör­se signie­ren. Binan­ce selbst nann­te zunächst den kom­pro­mit­tier­ten Lap­top eines DevOps-Inge­nieurs, sprach spä­ter aber von zusätz­li­chen Ein­stiegs­punk­ten und einem kom­ple­xe­ren Ablauf.

Die KI-The­se

Dass der Angriff „wohl mit KI“ erfolgt sei, ist bis­lang eine Deu­tung, kein Befund. Belegt ist hohe Auto­ma­ti­sie­rung: vie­le Trans­ak­tio­nen auf meh­re­ren Chains in kur­zer Zeit, danach unge­wöhn­li­che Ver­schleie­rungs­mus­ter, wie Chai­na­ly­sis berich­tet. Die Vor­be­rei­tung dage­gen folgt einem bekann­ten Mus­ter: Eine Betriebs-Wal­let wur­de über klei­ne Abhe­bun­gen aus dem Mixer Tor­na­do Cash gespeist, die Vor­be­rei­tung begann min­des­tens 36 Stun­den vor­her, die Signa­tu­ren lagen vor­ab bereit. TRM ver­weist dar­auf, dass die­sel­ben Merk­ma­le schon bei Bybit und beim Kelp­DAO-Fall im April 2026 auftraten.

Als Täter nen­nen TRM Labs und Chai­na­ly­sis die nord­ko­rea­ni­sche Grup­pe Trader­Trai­tor, TRM mit hoher Sicher­heit. Chai­na­ly­sis stützt sich vor allem dar­auf, dass die Beu­te sich on-chain mit Gel­dern aus dem Bit­get-Dieb­stahl vom Sep­tem­ber ver­misch­te, der eben­falls Nord­ko­rea zuge­schrie­ben wird. Binan­ce und die Behör­den haben das bis­lang nicht bestä­tigt; die Zuschrei­bung ist also vor­läu­fig. Wer den Hack gleich­wohl vor allem als KI-Ereig­nis erzählt, lenkt von der unbe­que­me­ren Fra­ge ab, wie ein bekann­ter Angrei­fer­typ mit bekann­ter Vor­ge­hens­wei­se erneut durchkam.

Die eigent­li­che Frage

Bei Ban­ken heißt das Gegen­stück Zah­lungs­ver­kehr: Frei­ga­ben, Limits, Vier-Augen-Prin­zip, Ver­zö­ge­run­gen bei außer­ge­wöhn­li­chen Beträ­gen. Ihr Sinn ist, dass ein ein­zel­ner kom­pro­mit­tier­ter Zugang nicht genügt, um Mil­li­ar­den zu bewe­gen. Der Fall Binan­ce deu­tet auf einen Zugang, der genüg­te. Nach Anga­ben des Sicher­heits­un­ter­neh­mens Hyper­na­ti­ve war der Sweeper-Ver­trag mehr als vier Stun­den vor­her als bös­ar­tig mar­kiert wor­den. Eine Richt­li­nie, die Bin­dun­gen an sol­che Ver­trä­ge sperrt oder die ers­te Bin­dung einer Hot Wal­let über­haupt mel­det, hät­te also ein Zeit­fens­ter gehabt. Ob es sol­che Regeln gab und war­um sie nicht grif­fen, ist offen; dazu hat Binan­ce eine tech­ni­sche Nach­ana­ly­se angekündigt.

Eine The­se, vor­läu­fig und durch die Nach­ana­ly­se noch zu prü­fen: Das Risi­ko gro­ßer Ver­wah­rer liegt weni­ger in der Kryp­to­gra­fie als in der Ver­dich­tung von Frei­ga­be­macht an weni­gen Stel­len. Allein auf Ethe­re­um flos­sen nach Ether­scan-Daten rund 2,8 Mrd. Dol­lar ab, und ein Teil davon aus einer ein­zi­gen Wal­let, die lau­fend nach­ge­füllt wur­de. Das erin­nert eher an Schwä­chen in Zah­lungs­ver­kehrs­pro­zes­sen als an einen Feh­ler im Protokoll.

Fol­gen und Grenzen

Binan­ce sagt, Kun­den­gel­der sei­en sicher, und hat nach eige­nen Anga­ben mehr als 6,34 Mrd. Dol­lar zur Deckung der Ver­lus­te bereit­ge­stellt, dazu den SAFU-Fonds von rund 1 Mrd. Dol­lar, eine Not­re­ser­ve der Bör­se. Der Scha­den ent­spricht etwa 4 % der knapp 145 Mrd. Dol­lar, die vor dem Hack in den öffent­li­chen Wal­lets lagen. Das ist ver­kraft­bar, aber nicht fol­gen­los: Ein- und Aus­zah­lun­gen wur­den aus­ge­setzt, ein aktua­li­sier­ter Pro­of of Reser­ves soll nach der Behe­bung folgen.

Rund 3 Mrd. Dol­lar gel­ten als ein­ge­fro­ren, vor allem Sta­b­le­co­ins von Tether und Cir­cle. Das zeigt eine Schat­ten­sei­te der Zen­tra­li­sie­rung, die hier aus­nahms­wei­se nützt: Wo ein Emit­tent sper­ren kann, lässt sich ein Teil der Beu­te bin­nen Stun­den still­le­gen. Zurück­ge­holt ist damit noch nichts; TRM ver­weist auf ein eige­nes Rechts­ver­fah­ren mit Gerichts­be­schlüs­sen und Abstim­mung mit den Emittenten.

Für Ban­ken und Auf­se­her bleibt eine nüch­ter­ne Leh­re: Ver­wah­rung ist ein Pro­zess­pro­blem. Wer Mil­li­ar­den hält, muss bele­gen kön­nen, dass kein ein­zel­ner Zugang, kein ein­zel­ner Lap­top und kei­ne ein­zel­ne Signa­tur aus­reicht, um sie zu bewegen.

Ralf Keu­per


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