Wie der Kon­zern aus Cup­er­ti­no die Welt der Fer­ti­gung neu erfand – und sich dabei in eine stra­te­gi­sche und geo­po­li­ti­sche Fal­le manövrierte

Es gibt Bücher über Apple, die den Kon­zern als Wun­der der Mar­ken­füh­rung beschrei­ben. Patrick McGees Apple in Chi­na ist kei­nes davon. Es ist eine nüch­ter­ne, bis­wei­len ernüch­tern­de Unter­su­chung des­sen, was Apple wirk­lich ist: nicht pri­mär ein Design-Unter­neh­men oder eine Life­style-Mar­ke, son­dern eines der aus­ge­feil­tes­ten Fer­ti­gungs- und Lie­fer­ket­ten­sys­te­me, das die Welt je gese­hen hat – und ein Sys­tem, das zutiefst in die Abhän­gig­keit von Chi­na ein­ge­bet­tet ist.

McGee, lang­jäh­ri­ger Tech­no­lo­gie­jour­na­list der Finan­cial Times, hat für die­ses Buch über Jah­re hin­weg Dut­zen­de von ehe­ma­li­gen Apple-Inge­nieu­ren, Ope­ra­ti­ons-Mana­gern, Zulie­fe­rern und Bran­chen­be­ob­ach­tern befragt. Das Ergeb­nis ist ein detail­lier­tes, quel­len­rei­ches Werk, das App­les Auf­stieg zur wert­volls­ten Aktie der Welt aus einer Per­spek­ti­ve erzählt, die in der media­len Bericht­erstat­tung weit­ge­hend fehlt: der Per­spek­ti­ve der Fabrik­hal­le, der Lie­fer­ket­te und der geo­po­li­ti­schen Verwundbarkeit.

Die Pyra­mi­de: Wie Apple sei­ne Lie­fer­ket­te beherrschte

Eines der zen­tra­len Kapi­tel des Buches behan­delt App­les revo­lu­tio­nä­re Metho­de, die eige­ne Lie­fer­ket­te nicht bloß zu mana­gen, son­dern zu durch­drin­gen. McGee beschreibt, wie Apple – anders als alle Kon­kur­ren­ten – kei­ne ech­te Aus­la­ge­rung betrieb. Statt Zulie­fe­rern tech­ni­sche Daten­blät­ter zu über­ge­ben und zu sagen „Baut das”, schick­te Apple sei­ne bes­ten Pro­dukt­de­si­gner und Fer­ti­gungs­in­ge­nieu­re aus Cup­er­ti­no direkt in die Wer­ke – für Wochen, manch­mal Monate.

Para­dig­ma­tisch dafür steht App­les mas­si­ver Ein­kauf von CNC-Maschi­nen. Als Ste­ve Jobs 2008 das Uni­bo­dy-Mac­Book vor­stell­te – aus einem ein­zi­gen Alu­mi­ni­um­block gefräst –, hat­te Apple im Vor­feld mehr als 10.000 sol­cher Maschi­nen erwor­ben, die pro Stück zwi­schen 100.000 und 500.000 Dol­lar kos­ten. Apple schloss sogar einen Ver­trag mit dem Auto­ma­ti­sie­rungs­kon­zern FANUC über des­sen gesam­te CNC-Pro­duk­ti­on auf Jah­re hin­aus. Die­se Maschi­nen wur­den mit dem Eti­kett „Nur für Apple” in den Fabri­ken der Zulie­fe­rer plat­ziert – ein Modell, das dem Kon­zern enor­me Kon­troll­macht ver­lieh, ohne dass er die Fabri­ken selbst besit­zen musste.

McGee zitiert einen ehe­ma­li­gen Apple-Fer­ti­gungs­in­ge­nieur mit einer prä­gnan­ten For­mel: „Wir wer­den Ihre Fabrik benut­zen. Wir wer­den Ihre Mit­ar­bei­ter nut­zen. Aber wir kom­men zu ihnen und set­zen sie als unse­re Arme und Bei­ne ein.” Kein ein­zi­ger Anbie­ter hät­te ein­fach Zeich­nun­gen ent­ge­gen­ge­nom­men und dann das gewünsch­te Pro­dukt gelie­fert. Apple muss­te den gesam­ten Pro­zess selbst auf­bau­en – und tat es.

Die­se Stra­te­gie hat­te eine wei­te­re Dimen­si­on der Macht­aus­übung. Wenn Fox­conn 2011 ver­such­te, sei­ne domi­nan­te Rol­le bei der iPho­ne-Mon­ta­ge als Druck­mit­tel ein­zu­set­zen, tauch­ten Apple-Inge­nieu­re an der Fer­ti­gungs­stra­ße auf und began­nen, teu­re Maschi­nen vom Boden zu demon­tie­ren – um sie zu Pega­tron trans­por­tie­ren zu las­sen. Die blo­ße Andeu­tung genügte.

Design trifft Ope­ra­ti­ons: Die inter­ne Spannungsstruktur

Ein wei­te­res fas­zi­nie­ren­des Kapi­tel wid­met McGee der inter­nen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gik App­les, die er als „Pyra­mi­de” beschreibt. An der Spit­ze: Jony Ives Indus­tri­al-Design-Team. Dar­un­ter das Pro­duct Design (PD) und das Manu­fac­tu­ring Design (MD). Die­se Struk­tur erzeug­te struk­tu­rel­le Span­nun­gen: Das Design-Team ent­wi­ckel­te Ent­wür­fe mit höchs­ten Ansprü­chen an Hap­tik, Mate­ri­al und Prä­zi­si­on – die die Ope­ra­ti­ons-Teams dann auf Ska­lier­bar­keit, Preis und Lie­fer­ket­ten­kom­ple­xi­tät prü­fen mussten.

Die berühm­te Anek­do­te über Jony Ive und den Mac Mini ver­deut­licht das: Als Ive frag­te, ob ein Inge­nieur etwas her­stel­len kön­ne, ant­wor­te­te die­ser mit „Ja” – wor­auf­hin Ive die Maße ver­klei­ner­te und erneut frag­te. „Nein, das wäre wirk­lich schwie­rig.” Ive: „Toll, das sind die Maße.” Die­se kom­pro­miss­lo­se Hal­tung war eine der wesent­li­chen Quel­len von App­les Inno­va­ti­ons­kraft – aber auch eine per­ma­nen­te Quel­le inner­be­trieb­li­cher Reibung.

Der „Apple Squeeze”: Markt­macht ohne Marktanteil

Ein zen­tra­les öko­no­mi­sches Para­do­xon stellt McGee im Kapi­tel über den „Apple Squeeze” dar: Apple hält weni­ger als 20 Pro­zent des welt­wei­ten Smart­phone-Markt­an­teils – und ver­ein­nahmt den­noch regel­mä­ßig mehr als 80 Pro­zent der gesam­ten Bran­chen­ge­win­ne. Nicht Volu­men, son­dern Mar­gen­dis­zi­plin ist das eigent­li­che Geschäftsmodell.

Die­se Pro­fi­ta­bi­li­tät speist sich aus einem Zusam­men­spiel von Mar­ken­stär­ke, ver­ti­ka­ler Inte­gra­ti­on bei den Chips (Apple Sili­con) und der beschrie­be­nen Fer­ti­gungs­über­le­gen­heit. Das iPho­ne kos­te­te schon 2007 499 Dol­lar, 2015 bereits 649 Dol­lar – wäh­rend die PC-Prei­se im glei­chen Zeit­raum auf unter 1.500 Dol­lar san­ken. Die Bereit­schaft der Käu­fer, die­se Preis­prä­mie zu zah­len, und App­les Fähig­keit, sie auf der Kos­ten­sei­te zu ver­tei­di­gen, ist das eigent­li­che Wun­der des Konzerns.

Der stil­le Wis­sens­trans­fer: Fox­conn lernt von Apple

Eines der beun­ru­hi­gends­ten Kapi­tel des Buches ist zugleich das am wenigs­ten öffent­lich dis­ku­tier­te: McGee legt dar, wie der Auf­bau der chi­ne­si­schen Fer­ti­gungs­ket­te nicht nur Chi­na als Stand­ort nütz­te, son­dern die chi­ne­si­schen Auf­trag­neh­mer selbst zu eigen­stän­di­gen Tech­no­lo­gie­ak­teu­ren erzog – auf Kos­ten der USA.

Fox­conn und ande­re Auf­trags­fer­ti­ger akzep­tier­ten über Jah­re hin­weg Ver­lus­te oder mini­ma­le Deckungs­bei­trä­ge bei Apple-Auf­trä­gen. Nicht weil die Kal­ku­la­ti­on auf­ging, son­dern weil das eigent­li­che Ziel ein ande­res war: zu ler­nen. Die Prä­senz Hun­der­ter Apple-Inge­nieu­re in den Fabri­ken, die gemein­sa­me Ent­wick­lung von Fer­ti­gungs­pro­zes­sen, die Schu­lun­gen, die Ein­bli­cke in Mate­ria­li­en, Maschi­nen und Qua­li­täts­stan­dards – all das wur­de von den chi­ne­si­schen Part­nern sys­te­ma­tisch absor­biert. Das so gewon­ne­ne Know-how floss anschlie­ßend in ande­re Geschäfts­be­rei­che und zu ande­ren Kunden.

McGee beschreibt die­sen Mecha­nis­mus als eine Art indus­tri­el­len Hebel: Apple glaub­te, eine Lie­fer­ket­te zu kon­trol­lie­ren, wäh­rend die Gegen­sei­te still und metho­disch eine Kom­pe­tenz­py­ra­mi­de auf­bau­te, die weit über die Mon­ta­ge von iPho­nes hin­aus­reich­te. Die Iro­nie ist struk­tu­rell: Gera­de weil Apple so tief in die Pro­zes­se sei­ner Zulie­fe­rer ein­drang und sie auf ein Niveau hob, das welt­weit sei­nes­glei­chen such­te, schuf es die tech­no­lo­gi­sche Basis für sei­ne künf­ti­gen Konkurrenten.

Das Hua­wei-Para­dox: Vom Zulie­fe­rer zum Systemrivalen

Das deut­lichs­te Resul­tat die­ses Wis­sens­trans­fers ist Hua­wei. McGee nutzt den Fall nicht als Ein­zel­bei­spiel, son­dern als Sym­ptom einer sys­te­mi­schen Fehl­kal­ku­la­ti­on. Hua­wei hat sich – mit erheb­li­cher staat­li­cher Unter­stüt­zung Pekings – von einem Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­aus­rüs­ter zu einem voll­in­te­grier­ten Tech­no­lo­gie­kon­zern ent­wi­ckelt, der heu­te in Berei­chen wie 5G-Infra­struk­tur, Halb­lei­ter­ent­wick­lung und Smart­phone-Hard­ware mit den füh­ren­den west­li­chen Unter­neh­men konkurriert.

Der Auf­stieg Hua­weis wäre ohne den jahr­zehn­te­lan­gen Wis­sens­fluss aus der Apple-Lie­fer­ket­te kaum denk­bar. Chi­ne­si­sche Inge­nieu­re, die in Apple-Zulie­fe­rer­be­trie­ben aus­ge­bil­det wur­den, chi­ne­si­sche Unter­neh­men, die mit Apple-Spe­zi­fi­ka­tio­nen arbei­te­ten, chi­ne­si­sche Mana­ger, die App­les Qua­li­täts- und Pro­zess­stan­dards ver­in­ner­licht hat­ten – sie alle bil­de­ten das huma­ne Kapi­tal, auf dem Hua­weis Auf­stieg mit­auf­bau­te. Das Ergeb­nis ist eine Form von Tech­no­lo­gie­trans­fer, die in kei­ner Export­kon­troll­lis­te erscheint, weil sie nicht durch den Ver­kauf von Paten­ten oder Lizen­zen, son­dern durch die geleb­te Pra­xis der Zusam­men­ar­beit entstand.

Die geo­po­li­ti­sche Fal­le: TSMC, Tai­wan und Sym­bol­po­li­tik statt Reshoring

Der zwei­te gro­ße The­men­kom­plex des Buches ist die geo­po­li­ti­sche Ver­wund­bar­keit des Apple-Modells. McGee beschreibt ein­dring­lich, wie sehr Apple von Tai­wan abhängt – nicht nur von Fox­conn als Mon­ta­ge­be­trieb, son­dern vor allem von TSMC als Chip­lie­fe­rant. TSMC pro­du­ziert die Apple-Pro­zes­so­ren, auf denen der gesam­te Pro­dukt­vor­sprung beruht. Und TSMC befin­det sich auf einer Insel, die von einem Erd­be­ben­gür­tel durch­zo­gen wird, täg­lich von Hun­der­ten klei­nen Beben heim­ge­sucht wird – und von Chi­na als abtrün­ni­ge Pro­vinz betrach­tet wird.

War­ren Buf­fett, als größ­ter Ein­zel­in­ves­tor in Apple, ver­kauf­te Anfang 2023 sei­nen Anteil und begrün­de­te dies mit geo­po­li­ti­schen Risi­ken. Der ehe­ma­li­ge natio­na­le Sicher­heits­be­ra­ter der USA, Robert O’Bri­en, brach­te es im April 2023 gegen­über dem Sema­for auf den Punkt: „Die USA und ihre Ver­bün­de­ten wer­den nie­mals zulas­sen, dass die­se Fer­ti­gungs­an­la­gen in chi­ne­si­sche Hän­de fallen.”

Vor die­sem Hin­ter­grund sind die wie­der­keh­ren­den poli­ti­schen Ankün­di­gun­gen zu bewer­ten, Tei­le der Apple-Pro­duk­ti­on in die USA zurück­zu­ver­la­gern. McGee urteilt hier ohne Beschö­ni­gung: Es han­del­te sich im Wesent­li­chen um Sym­bol­po­li­tik. Zwar wur­den ein­zel­ne Mon­ta­ge­schrit­te – etwa für den Mac Pro – in US-Fabri­ken ver­la­gert, doch die Gerä­te muss­ten für die eigent­li­che Fer­tig­stel­lung, für die End­mon­ta­ge kom­ple­xer Kom­po­nen­ten und für die abschlie­ßen­de Qua­li­täts­prü­fung, anschlie­ßend zurück nach Chi­na oder Tai­wan geschickt wer­den. Die Lie­fer­ket­te ließ sich nicht durch eine Pres­se­mit­tei­lung umkeh­ren. Jahr­zehn­te­lang auf­ge­bau­tes Pro­zess-Know-how, spe­zia­li­sier­te Maschi­nen­bau­er, geschul­te Arbeits­kräf­te und ein dich­tes Zulie­fer­er­netz­werk – all das exis­tiert in den USA in die­ser Form schlicht nicht. Ein Fer­ti­gungs­in­ge­nieur for­mu­liert es im Buch unver­blümt: „Es war ein sehr prä­gen­des Jahr­zehnt” – und er mein­te damit Chi­na, nicht Amerika.

Plan B: Indi­en als Ausweg?

Ange­sichts die­ser Risi­ken setzt Apple seit eini­gen Jah­ren auf Diver­si­fi­zie­rung, mit Indi­en als Haupt­kan­di­da­ten. McGee schil­dert die­se Ent­wick­lung nüch­tern: App­les Vor­stoß ver­lief in den ers­ten fünf Jah­ren nach dem inter­nen „Plan B”-Memo zöger­lich. Erst als 2017 Han­dels­hemm­nis­se gesenkt wur­den, begann die Pro­duk­ti­on. Mitt­ler­wei­le wer­den in Indi­en Pro-Model­le des iPho­ne her­ge­stellt. Den­noch schät­zen Ana­lys­ten, dass noch Mit­te 2023 zwi­schen 90 und 95 Pro­zent der Apple-Pro­duk­ti­on in Chi­na statt­fand. Indi­en ist kein kurz­fris­ti­ger Aus­weg – es ist ein Jahrzehntprojekt.

Fazit

Apple in Chi­na ist kein Unter­neh­mens­por­trät im klas­si­schen Sin­ne. Es ist eine polit­öko­no­mi­sche Ana­ly­se eines glo­ba­len Pro­duk­ti­ons­sys­tems, die weit über den Ein­zel­fall hin­aus­weist. McGee zeigt, wie ein Kon­zern durch den radi­ka­len Bruch mit der Logik des Out­sour­cings – indem er gera­de nicht los­lässt, son­dern tie­fer ein­dringt – eine Fer­ti­gungs­über­le­gen­heit erreicht hat, die in der Indus­trie­ge­schich­te kaum Par­al­le­len kennt.

Gleich­zei­tig legt er offen, dass genau die­ses Modell auf einer stra­te­gi­schen Wet­te beruht: dass Chi­na sta­bil bleibt, Tai­wan nicht zur Front­li­nie eines gro­ßen Kon­flikts wird und TSMC wei­ter lie­fern kann. Es ist eine Wet­te, auf die Apple – und mit ihm ein erheb­li­cher Teil der glo­ba­len Tech­no­lo­gie­wirt­schaft – jeden Tag neu setzt.

Für jeden, der die Struk­tu­ren glo­ba­ler Wert­schöp­fung, die Gren­zen west­li­cher Indus­trie­po­li­tik und die tat­säch­li­chen Grund­la­gen digi­ta­ler Markt­macht ver­ste­hen will, ist die­ses Buch unverzichtbar.

Ralf Keu­per 

Cross­post von Econ­lit­te­ra