Die BRICS-Staa­ten wol­len sich vom Dol­lar eman­zi­pie­ren – und ver­stär­ken damit genau jene Insta­bi­li­tät, die den Dol­lar als Flucht­wäh­rung unver­zicht­bar macht. Eine Ana­ly­se der selbst­re­fe­ren­ti­el­len Fal­le mul­ti­po­la­rer Währungspolitik.


I.
Es gehört zu den Eigen­tüm­lich­kei­ten geo­po­li­ti­scher Groß­pro­jek­te, dass sie oft an Wider­sprü­chen schei­tern, die in ihrer eige­nen Struk­tur ange­legt sind. Die Ent­dol­la­ri­sie­rungs­be­stre­bun­gen der BRICS-Staa­ten lie­fern dafür gegen­wär­tig ein Lehr­stück. Die Ambi­ti­on ist klar for­mu­liert: Eine Grup­pe auf­stre­ben­der Volks­wirt­schaf­ten – Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, Chi­na, Süd­afri­ka, seit 2024 erwei­tert um Ägyp­ten, Äthio­pi­en, Iran und die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te – will sich von der Domi­nanz des ame­ri­ka­ni­schen Dol­lars als Leit- und Reser­ve­wäh­rung lösen. Die Moti­ve rei­chen von der Redu­zie­rung geo­po­li­ti­scher Ver­wund­bar­keit über die Absi­che­rung gegen ame­ri­ka­ni­sche Sank­ti­ons­po­li­tik bis zum sym­bo­li­schen Anspruch auf eine mul­ti­po­la­re Weltordnung.

Die Bilanz nach Jah­ren inten­si­ver Rhe­to­rik ist jedoch ernüch­ternd. Der Dol­lar wird wei­ter­hin in nahe­zu 90 Pro­zent aller Devi­sen­trans­ak­tio­nen ver­wen­det – ein Anteil, der seit 2014 sogar gestie­gen ist. Der chi­ne­si­sche Yuan, obwohl Wäh­rung der zweit­größ­ten Volks­wirt­schaft, macht weni­ger als fünf Pro­zent der glo­ba­len Reser­ven aus. Beim BRICS-Gip­fel in Rio de Janei­ro im Juli 2025 ent­hielt die Abschluss­erklä­rung kei­ne Erwäh­nung einer gemein­sa­men Wäh­rung oder auch nur einer koor­di­nier­ten Stra­te­gie zur Dol­lar­re­duk­ti­on. Das Pro­jekt scheint in einer Sackgasse.

Die übli­che Erklä­rung ver­weist auf ame­ri­ka­ni­schen Druck – Trumps Andro­hung von 100-Pro­zent-Zöl­len, wor­auf­hin Lula die Wäh­rungs­uni­on von der Agen­da strich und selbst Putin öffent­lich ver­si­cher­te, Russ­land stre­be kei­nes­wegs an, sich vom Dol­lar zu lösen.

Die­se Erklä­rung greift zu kurz. Sie über­sieht die tie­fer­lie­gen­de Para­do­xie: Die BRICS-Ent­dol­la­ri­sie­rung schei­tert nicht trotz, son­dern wegen der geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen, die sie moti­vie­ren. Das Pro­jekt wird durch sei­ne eige­nen Erfolgs­be­din­gun­gen sys­te­ma­tisch untergraben.

II.

Um die­se Para­do­xie zu ver­ste­hen, muss man die Funk­ti­on des Dol­lars im inter­na­tio­na­len Finanz­sys­tem prä­zi­ser fas­sen. Der Dol­lar ist nicht pri­mär des­halb Leit­wäh­rung, weil die ame­ri­ka­ni­sche Volks­wirt­schaft die größ­te oder pro­duk­tivs­te wäre. Er ist es, weil er als Ver­trau­ens­an­ker in Zei­ten von Unsi­cher­heit fun­giert – eine Rol­le, die weni­ger auf öko­no­mi­schen Fun­da­men­tal­da­ten als auf Erwar­tungs­struk­tu­ren beruht.

In der Spra­che der Sys­tem­theo­rie: Der Dol­lar sta­bi­li­siert Erwar­tungs­er­war­tun­gen. Akteu­re hal­ten Dol­lar nicht nur, weil sie selbst dem Dol­lar ver­trau­en, son­dern weil sie erwar­ten, dass ande­re Akteu­re dem Dol­lar ver­trau­en wer­den. Die­se selbst­re­fe­ren­ti­el­le Struk­tur erklärt die bemer­kens­wer­te Resi­li­enz der Dol­lar­he­ge­mo­nie. Selbst wenn ein­zel­ne Akteu­re alter­na­ti­ve Wäh­run­gen bevor­zu­gen wür­den, blei­ben sie beim Dol­lar, solan­ge sie erwar­ten, dass ande­re beim Dol­lar blei­ben. Das Sys­tem repro­du­ziert sich durch die wech­sel­sei­ti­ge Beob­ach­tung sei­ner Teilnehmer.

Ein alter­na­ti­ves Wäh­rungs­sys­tem müss­te d…